03.03.2026, 08:16 Uhr
Der Tod von Irans oberstem Führer Khamenei und iranische Drohnenangriffe auf Katars Gasanlagen haben eine neue Ära der Marktunsicherheit eingeläutet – und ein Grundprinzip des Investierens erschüttert: die...
Die USA und Israel befinden sich im direkten militärischen Konflikt mit Iran. Für Swiss Life Asset Managers ist klar: Der Ölpreis ist der wichtigste makroökonomische Übertragungskanal dieses Konflikts. Von seiner Entwicklung in den kommenden Wochen hängt ab, ob die Weltwirtschaft die Erschütterung glimpflich übersteht – oder ob sie in einen neuen Inflationsschub schlittert.
Die Analysten von Swiss Life Asset Managers haben drei Szenarien durchgespielt, die das Möglichkeitsfeld der nächsten Wochen aufspannen.
Im Basisszenario – das die Experten für das wahrscheinlichste Szenario halten – bleibt der Ölpreis zwischen 80 und 90 Dollar. Die Kampfhandlungen halten an, Iran schliesst die Straße von Hormus nicht vollständig, aber Tanker meiden vorsichtshalber die Region.
Ausgleichende Kräfte sind aktiv: Die OPEC+ erhöht die Förderung, saudische und emiratische Pipelines leiten rund 6,5 Millionen Barrel täglich um, China greift auf hohe Lagerbestände zurück. Unter dem Strich: Eine spürbare, aber beherrschbare Belastung.
Das Positivszenario setzt auf eine rasche Deeskalation. Ein Waffenstillstand, womöglich ein Deal mit einer neuen iranischen Führung, brächte die Ölpreise auf Vorkriegsniveaus zurück. Dieses Szenario aber scheint derzeit das am wenigsten wahrscheinliche Szenario zu sein.
Das Negativszenario hingegen ist das, wovor Ökonomen seit Jahren warnen: Zerstörte Energieinfrastruktur oder eine längere Schließung der Strasse von Hormus treibt den Preis über 100 Dollar. Für Europa und Japan bedeutete das nicht nur teureres Öl, sondern auch höhere Gaspreise. Die Notenbanken stünden vor einem klassischen Dilemma: Wachstum stützen oder Inflation eindämmen – beides gleichzeitig wäre kaum möglich.
An den Finanzmärkten zeigte die Eskalation zunächst überschaubare Spuren – nicht weil sie unbedeutend wäre, sondern weil sie nicht überraschend kam. Die eigentliche Trennlinie verläuft zwischen Energieimporteuren und -exporteuren. Europäische Aktien gaben nach; der Kontinent ist abhängig von Öl und Gas aus dem Nahen Osten. US-Aktien hielten sich dagegen wacker – die Vereinigten Staaten sind heute Nettoenergieexporteur.
Die marktimpliziten Inflationserwartungen stiegen, was globale Staatsanleiherenditen nach oben trieb. Europäische Kreditrisikoprämien weiteten sich aus, besonders in energiesensitiven Sektoren. In den USA blieben sie weitgehend stabil. Der Schweizer Franken wertete kurz auf – bis die SNB eingriff. Der Dollar zog als sicherer Hafen und Profiteur der US-Energieunabhängigkeit an.
Swiss Life Asset Managers erwartet im Basisszenario eine Erholung der Aktienmärkte, weitgehend stabile Kreditspreads und begrenzte Zinsbewegungen. Gleichwohl: Wer in energieimportierenden Ländern oder energieintensiven Sektoren investiert ist, sollte sich auf Gegenwind einstellen.
Abseits des Nahen Ostens prägen Handelspolitik und KI-Schocks das Bild. In den USA hat der Supreme Court die auf dem IEEPA basierenden Zölle der Trump-Regierung gekippt. Der Jubel hält sich in Grenzen: Neue Zölle auf Basis von Section 122 sind auf 150 Tage befristet, und Verlängerungen müssten durch den Kongress. Doch die Regierung arbeitet bereits an Ersatzinstrumenten über Section 301 – was erneut Unsicherheit schafft.
Die US-Wirtschaft selbst zeigt sich robust. Die Einkaufsmanagerindizes deuten auf moderates Wachstum hin, der Arbeitsmarkt hat seinen Tiefpunkt wohl hinter sich, und die Januarinflation überraschte erneut nach unten. Swiss Life revidierte die Inflationsprognose für 2026 auf 2,8 Prozent.
Die EU verhandelt auf mehreren Fronten gleichzeitig. Das MERCOSUR-Abkommen ist zwar abgeschlossen, wartet aber noch auf Ratifizierung – ein vollständiges Inkrafttreten vor 2028 gilt als unrealistisch. Das Freihandelsabkommen mit Indien ist ebenfalls unter Dach und Fach, doch die formale Ratifizierung dauert mindestens ein weiteres Jahr. Besonders für die europäische Automobilindustrie könnte Indien zum strategischen Markt werden: Der Einfuhrzoll auf europäische Fahrzeuge fiele von 110 auf 10 Prozent für ein Kontingent von 250.000 Autos jährlich.
Die Inflation in der Eurozone fiel im Januar erwartungsgemäss auf 1,7 Prozent. Für die EZB besteht kein Handlungsbedarf. Swiss Life lässt die Inflationsprognose für 2026 unverändert bei 1,8 Prozent.
Erstmals seit 2022 liegt der Einkaufsmanagerindex der deutschen Industrie wieder über der Wachstumsschwelle. Im vierten Quartal schnellten die Aufträge um fast 10 Prozent in die Höhe – Metallprodukte, Maschinenbau und Elektronik legten je über 10 Prozent zu. Doch die Analytiker warnen vor Euphorie: Viele der Bestellungen stammen aus rasch umsetzbaren Staatsprojekten. Komplexere Vorhaben mit längeren Planungs- und Genehmigungszyklen könnten den Schwung dämpfen.
In der Schweiz überstieg der SECO-Sammelindikator zur Konjunkturstimmung erstmals seit August 2022 wieder die Nulllinie. Konsumentenstimmung, Beschäftigungsaussichten und Unternehmenserwartungen zeigen nach oben – auch wenn die Industrie weiterhin unter dem Zollstreit mit den USA leidet. Eine Besonderheit: Wartungsarbeiten im Kernkraftwerk Gösgen erfordern ungewöhnlich hohe Stromeinfuhren und belasten die Aussenhandelsbilanz.
Ein zweites Schockthema neben dem Iran-Krieg erschüttert die Märkte: Die Lancierung agentischer KI-Tools, die mehrstufige Workflows in Finanz- und Rechtsdienstleistungen automatisieren, löste einen «AI Scare Trade» aus. Anleger reduzierten ihr Exposure in Software- und Tech-Unternehmen. High-Yield-Anleihen litten stärker als Investment-Grade-Papiere; US-HY-Spreads weiteten sich spürbar aus.
Swiss Life erwartet für den laufenden Monat höhere HY-Spreads, bleibt bei IG-Anleihen aber neutral – der Sektor verzeichnet weiterhin Zuflüsse. Die Durationssicht ist für die USA, Europa und Schweiz neutral, da sowohl Wachstums- als auch Inflationsrisiken in beide Richtungen kippen könnten.
An den Aktienmärkten hat sich das Bild gedreht. Während der US-Markt 2026 bisher der schwächste aller grossen Märkte ist – Technologieaktien litten unter dem KI-Schock –, eilt Europa voraus. Die Eurozone legte seit Jahresbeginn 6,7 Prozent zu, Grossbritannien gar 9,9 Prozent. Schwellenländer führen das Feld mit plus 15,4 Prozent deutlich an.
Die Berichtssaison untermauert den positiven Ausblick. In den USA betrug das Gewinnwachstum fast 12 Prozent, das Umsatzwachstum 7 Prozent – so stark wie seit Jahren nicht. In der Eurozone stiegen die Gewinne um 7 Prozent; erst zum zweiten Mal seit dem ersten Quartal 2023 war das Gewinnwachstum positiv.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Japan. Der MSCI Japan legte seit Jahresbeginn fast 12 Prozent zu. Nach dem Erdrutschsieg von Premierministerin Takaichi – die mit einer Supermehrheit von fast 70 Prozent im Unterhaus regiert – erwarten Anleger eine Pro-Wachstums-Agenda: höhere Verteidigungsausgaben, Steuererleichterungen für Haushalte, weitere Corporate-Governance-Reformen. Steigende Reallöhne und nachfragegetriebene Inflation stützen Konsum und Gewinne. Das Gewinnwachstum dürfte von 4 auf rund 10 Prozent im Jahr 2026 springen.