20.03.2026, 06:19 Uhr
Die Genfer Privatbank Lombard Odier und der britische Vermögensverwalter Polar Capital spannen zusammen – und lancieren einen gemeinsamen Fonds, der gezielt auf Wachstum im globalen Gesundheitsbereich setzt. Der...
Während Krieg und KI-Schock die Schlagzeilen beherrschen, reagieren Anleger erstaunlich besonnen. Die Neuberger-Berman-Strategin Shannon Saccocia erklärt, warum 2026 Präzision mehr zählt als Marktbeta.
Der Nahostkrieg geht in seine dritte Woche. Ein Ende ist nicht in Sicht. Und doch reagieren die Finanzmärkte auf eine Weise, die viele überrascht: besonnen, selektiv, fast strategisch. Eine massive Flucht in sichere Häfen ist vorerst ausgeblieben.
Eine breite Rotation zurück in die grossen Technologietitel? Ebenfalls nicht. Stattdessen beobachtet Shannon Saccocia, Chief Investment Officer Wealth bei Neuberger Berman, etwas Ungewöhnliches: «So viele kleinere Umschichtungen und gezielte Anpassungen wie in keiner der jüngsten Krisen.»
Der S&P 500 liegt knapp drei Prozent unter seinem Rekordhoch vom 27. Januar. Das klingt nach wenig Bewegung. Aber unter der Oberfläche, sagt Saccocia, ist einiges in Gang. «Anleger scheinen sich weniger von der Gegenwart als von ihren Erwartungen für die zweite Jahreshälfte leiten zu lassen», schreibt sie in ihrer wöchentlichen Marktanalyse. Sie denken sehr genau darüber nach, wo sie dann investiert sein wollen. Und das, so Saccocia, ist eine bemerkenswerte Verschiebung.
Neuberger Berman hatte diese Entwicklung früh erwartet. Zum Jahreswechsel lagen die Beta-Erwartungen des Hauses für 2026 unter dem Marktkonsens. In den Strategiepapieren «Solving for 2026» und dem «Asset Allocation Committee Outlook für das erste Quartal» rechnete das Team bereits mit starker Streuung statt breiten Kursgewinnen. Zwei Ereignisse haben diese These seither bestätigt: der KI-bedingte Ausverkauf, ausgelöst durch die Angst vor einer Disruption ganzer Geschäftsmodelle, und der Ausbruch des Nahostkriegs.
Saccocia macht einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Anlegern, die auf Beta setzen, und solchen, die auf Streuung setzen. Wer Beta kauft, hält die Marktprämie für ausreichend. Wer auf Streuung setzt, fragt sich: Wo genau will ich sein?
«Wer auf Beta setzt, hält die Erträge eines breit aufgestellten Portfolios angesichts des Marktrisikos für ausreichend», schreibt sie. «Wer hingegen auf Streuung setzt, denkt anders. Dann zählt weniger das Marktrisiko als wo genau man investiert.» Diese Erkenntnis, so ihre Beobachtung, setzt sich nun allmählich durch.
Konkret zeigt sich das im Technologiesektor. Eine umfassende Rotation zurück in die Megacaps findet nicht statt. Einzelne Käufe ja, aber die Anleger bleiben wählerisch. Die Verschiebung von Halbleitern in Softwarewerte kehrt sich langsam um: Kapital fliesst wieder in Software, während Halbleiteraktien weiter unter Druck stehen.
Dazu kommt ein Umfeld, das die Selektion noch wichtiger macht. In dieser Woche tagen die grossen Notenbanken, allen voran die Fed. Allein die divergierende Geldpolitik sorgt für mehr Streuung bei Anleihen und Währungen. Hinzu kommen die heftigen Ölpreisschwankungen seit Kriegsbeginn: Je nach Nachrichtenlage kostete das Barrel Brent mal mehr, mal weniger als 100 Dollar.
«Noch ist nicht auszuschliessen, dass die 100-Dollar-Marke nachhaltig überschritten wird», warnt Saccocia. Die Folgen wären erheblich: Der günstige Inflationsrückgang der vergangenen 18 Monate, der Anleihen wie Aktien beflügelt hatte, könnte bald Vergangenheit sein.
Wo sieht Neuberger Berman konkrete Chancen? Saccocia legt sich fest: Das Haus hat bereits zu Jahresbeginn aus amerikanischen Megacaps in Small und Mid Caps sowie in Schwellenländerwerte umgeschichtet. Im Anleihenbereich hält man ausseramerikanische Titel und amerikanische Credits für interessant. Auch Rohstoffe, Private Capital und Absolute-Return-Strategien erscheinen dem Team zunehmend attraktiv.
In den USA lobt Saccocia die zunehmende Marktbreite, seit Small Caps und Zykliker wiederentdeckt wurden. Trotz eines zwischenzeitlichen Stockens habe sich an den grundsätzlichen Argumenten nichts geändert. «Rückschläge bedeuten daher vor allem bessere Einstiegskurse», schreibt sie. Bei Anleihen bevorzugt das Haus mittlere Laufzeiten: Spreadausweitungen bei Qualitätstiteln schaffen gute Einstiegsmöglichkeiten, die vergleichsweise kurze Duration stabilisiert bei einer Inflationsüberraschung.
Besonderes Interesse gilt den Schwellenländern, auch wenn Saccocia hier zur Selektivität mahnt. Zum Beispiel lohne sich der Blick nach Brasilien: «Das Land ist kaum auf Energieimporte angewiesen und hat eine recht stabile Binnenkonjunktur.» Die Ölturbulenzen, die anderen Schwellenländern schaden, treffen Brasilien weit weniger. Für die Mitglieder des Golfkooperationsrats gilt ein differenzierteres Bild. Kurzfristig Vorsicht, langfristig aber Potenzial: Höhere Ölpreise bedeuten für diese Staaten höhere Staatseinnahmen.
Was lernt man daraus für die Portfoliokonstruktion? Saccocias Antwort ist klar: Nicht Markttiming entscheidet, sondern die Struktur des Portfolios. «Diversifikation senkt jetzt nicht nur das Risiko, sondern ermöglicht auch aktive Erträge», schreibt sie. So liessen sich Chancen nutzen, ohne dass undifferenzierte Positionen anderswo die Rendite verwässern.
Ob bei Aktien, Private Capital oder Anleihen: Qualität steht im Vordergrund. Preismacht, solide Bilanzen und eine geringe Abhängigkeit vom Energiepreis sind die Kriterien, die Saccocia nennt. «Zwei Ereignisse haben uns dieses Jahr gezeigt, wie wahr das ist», schliesst sie. Die Botschaft ist schlicht: Wer 2026 auf den Markt als Ganzes wettet, dürfte enttäuscht werden. Wer hingegen weiss, wo er sein will, hat bessere Karten.