Neuberger Berman: Warum Anleihen trotz Ölpreisschock attraktiv bleiben

Werden die Zentralbanken zu Zinserhöhungen gezwungen? Neuberger Berman hält dagegen (Bild: Shutterstock)
Werden die Zentralbanken zu Zinserhöhungen gezwungen? Neuberger Berman hält dagegen (Bild: Shutterstock)

Der Nahostkrieg treibt die Ölpreise hoch und weckt Erinnerungen an den inflationären Schock von 2022. Doch Experten von Neuberger Berman warnen vor voreiligen Schlüssen für Obligationen: Die Rahmenbedingungen haben sich fundamental verändert.

27.03.2026, 11:40 Uhr
Anlagestrategie | Obligationen

Redaktion: asc

Die Bilder sind vertraut: steigende Ölpreise, wachsende Inflationssorgen, nervöse Anleihemärkte. Seit Ausbruch des Nahostkonflikts fragen sich Investoren weltweit, ob sich das Schreckensjahr 2022 wiederholt - als ein massiver Angebotsschock auf eine aufgeheizte Wirtschaft traf und die Notenbanken zu einer historisch aggressiven Zinswende zwang. Doch wer heute dieselben Schlüsse zieht, liegt falsch. Die Welt von 2026 ist eine andere.

Als 2022 der Ukrainekrieg die Energiepreise nach oben trieb, fand der Schock fruchtbaren Boden: Die Fiskalschleusen standen nach der Corona-Pandemie weit offen, der Arbeitsmarkt glühte, und die Finanzbedingungen waren ausgesprochen locker. Die Notenbanken reagierten mit der stärksten Zinserhöhungsrunde seit Jahrzehnten. Dieselbe Dynamik lässt sich heute nicht beobachten.

Heute steigt die Arbeitslosigkeit in den USA, die Fiskalpolitik ist restriktiver, und die Finanzbedingungen sind deutlich straffer als 2022. «Die Rahmenbedingungen sind so anders als vor vier Jahren, dass nach wie vor sehr viel für Zinssenkungen spricht», analysiert Ashok Bhatia, Chief Investment Officer bei Neuberger Berman. Hohe Ölpreise seien für die USA heute in erster Linie ein Konjunktur-, kein Inflationsrisiko.

Fed hält still - aber nur vorläufig

Die US-Notenbank liess ihren Leitzins erwartungsgemäss bei 3,50 bis 3,75 Prozent unverändert. In ihrer Begleitreaktion betonte die Fed allerdings die gewachsenen Unsicherheiten durch den Nahostkonflikt und signalisierte, sowohl Inflations- als auch Arbeitsmarktrisiken im Blick zu haben. Die Marktreaktion war prompt: Entlang der gesamten Zinsstrukturkurve stiegen die Renditen, die Erwartung weiterer Zinssenkungen schwand. Galten vor Kriegsausbruch noch mehr als zwei Senkungen als sicher, rechnen Investoren inzwischen bestenfalls mit einer.

Bhatia hält diese Marktreaktion für übertrieben. Im Basisszenario von Neuberger Berman senkt die Fed die Zinsen zwei- bis viermal, der Leitzins landet bei 2,75 bis 3,25 Prozent. Zwei Faktoren stärken diese Einschätzung: Die Beschäftigung lässt nach, und mit Kevin Warsh steht ein Fed-Kandidat in den Startlöchern, der für eine lockerere Geldpolitik bekannt ist. Die Inflationserwartungen am Anleihemarkt dürften laut Bhatia nur um rund zehn Basispunkte zulegen - ein klares Signal dafür, dass Marktteilnehmer keine Lohn-Preis-Spirale erwarten.

Europa und Kanada: Geteilte Welt, geteilte Geldpolitik

Ausserhalb der USA ist das Bild vielschichtiger. EZB und Bank of England haben ebenfalls ihre Leitzinsen unverändert gelassen - jedoch aus grundsätzlich anderen Erwägungen heraus. In Europa und Grossbritannien rechneten Märkte zuletzt sogar mit zwei bis drei Zinserhöhungen, ein eklatanter Kontrast zur Lage in Nordamerika.

Die EZB hat ein klares Mandat für Preisstabilität, steht aber vor einem Dilemma: Zinserhöhungen bei einem Ölpreisschock riskieren, die Wirtschaft abzuwürgen, ohne die Ursache der Inflation zu bekämpfen. In Grossbritannien verschärfen ein energieintensiver Konsumgütersektor und ein ausgeprägter Fachkräftemangel das Problem. Kanada hingegen steht den USA näher: Mit einer Inflationsrate von 1,8 Prozent und einer Arbeitslosigkeit von 6,7 Prozent gibt es wenig Argumente für eine Straffung.

Anders als 2022, als der Angebotsschock an den Kreditmärkten weitgehend spurlos vorbeizog, zeigen sich diesmal erste Sollbruchstellen. KI-bedingte Disruption trifft Unternehmen ungleich, Business Development Companies verzeichnen erste Kreditausfälle, Softwareaktien verlieren an Wert - und nicht-täglich handelbare Anlagevehikel kämpfen mit wachsenden Rückgabebegehren.

Diese Disparität, so das Urteil von Neuberger Berman, schafft aber auch Chancen. «Weil die Geldpolitik heterogen ist und die Kreditprobleme ganz andere Ursachen haben, sehen wir bei Staatsanleihen und Credits Chancen, die es vor drei Monaten noch nicht gab», so Bhatia.

Wo Investoren jetzt hinschauen sollten

US-Staatsanleihen mögen angesichts der Unsicherheiten nicht den klassischen sicheren Hafen abgeben. Doch Zinssenkungen sind in den USA wahrscheinlicher als in Europa, wo sowohl Senkungen als auch Erhöhungen im Bereich des Möglichen liegen. Für die Renditen am langen Ende dürften neben veränderten Leitzinserwartungen auch gestiegene Staatsausgaben eine Rolle spielen.

Im Kreditbereich empfehlen die Strategen von Neuberger Berman Qualität: High-Yield-Anleihen mit BB-Rating aus den USA und Europa, kurze Laufzeiten, weniger konjunktursensitive Papiere sowie Mezzanine-CLOs, wo Marktverzerrungen attraktive Einstiegspunkte bieten. Anleihen grosser, regulierter Finanzinstitute könnten Portfolios stabilisieren. Ausgewählte Schwellenländer-Titel und bestimmte Technologiepapiere seien nach ihren jüngsten Kursverlusten so attraktiv wie noch nie in diesem Jahr.

Alle Artikel anzeigen

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen eine bestmögliche Nutzung zu ermöglichen. Mit der Annahme der Cookies bestätigen Sie, dass Sie ein professioneller Anleger mit Sitz in der Schweiz sind.> Datenschutzerklärung