12.01.2026, 17:46 Uhr
Die steileren Zinskurven eröffnen neue Perspektiven für Anleiheninvestoren. Doch niedrige Risikoprämien und drohende Inflationsrisiken mahnen zur Vorsicht, schreibt Emmanuel Petit von Rothschild & Co Asset Management.
Das globale Wirtschaftsumfeld bleibt robust – trotz Unsicherheiten. Für 2026 sieht Daniel Lüchinger, CIO der Graubündner Kantonalbank (GKB), vor allem Chancen bei Aktien. Zur Diversifikation setzt die GKB weiterhin auf Schweizer Immobilien und Gold.
Daniel Lüchinger, wie sieht Ihr Fazit für das Börsenjahr 2025 aus?
Trotz unberechenbarer US-Handelspolitik und geopolitischer Unsicherheiten zeigten sich die Aktienmärkte resilient und erreichten mehrheitlich neue Rekordstände. Positiv war auch, dass die Kurse vor allem dank guter Unternehmensergebnisse aufgrund des Booms der künstlichen Intelligenz (KI) angestiegen sind. Die US-Zolloffensive Anfang April 2025 verunsicherte die Aktienmärkte nur kurzzeitig. Das zeigt insgesamt, dass Unternehmensgewinne der wichtigste Faktor für die zukünftige Aktienmarktentwicklung sind.
Wie sieht Ihre Einschätzung des aktuellen Wirtschaftsumfelds aus?
Die Weltwirtschaft hat sich trotz Kriegen, aufflammender Konflikte und Handelsrestriktionen als widerstandsfähig erwiesen. Aktuell sehen wir in den USA ein Wachstum von mehr als 3 Prozent und auch Europa entwickelt sich besser als befürchtet. Das letzte Jahr hat eindrücklich gezeigt, dass die Wirtschaft die Tendenz hat, «still und leise» stabilere Ergebnisse zu liefern, als Prognostiker erwarten. Die Inflation wird weiterhin von Schlüsselgrössen wie Energiepreisen, Handelspolitik und Arbeitsmarktbedingungen geprägt. Während die US-Inflation durch die neuen Zölle noch auf einem höheren Niveau verharrt, wirkt sich in Europa und der Schweiz eine schwächere Lohnentwicklung sowie eine starke Währung dämpfend aus.
Die Zentralbanken haben die Leitzinsen weiter gesenkt. Der Arbeitsmarkt zeigt sich robust mit niedriger Arbeitslosigkeit. Die Schweiz profitiert weiterhin von einer stabilen Beschäftigungssituation.
Welche langfristigen Einflussfaktoren auf das Wirtschaftswachstum sehen Sie?
Aus unserer Sicht sind Demografie und Technologie die grossen Faktoren. Auf lange Sicht begrenzen demografische Entwicklungen wie die alternde Bevölkerung das Wachstumspotenzial. Migration und eine steigende Erwerbsbeteiligung, speziell älterer Arbeitnehmer, haben dämpfende Effekte, können diesen Trend aber nicht aufhalten. Damit hängt das nachhaltige Wirtschaftswachstum stark von Produktivitätsgewinnen ab.
Hier spielt die künstliche Intelligenz als «General Purpose Technology (GPT)» eine Schlüsselrolle. (Mit GPT bezeichnet man eine Technologie, die in diversen Bereichen zur Anwendung kommen kann und die Gesellschaft wie auch die Wirtschaft verändert). Wir gehen davon aus, dass die produktivitätssteigernde Wirkung von KI in führenden Ländern wie den USA in den 2030er Jahren zu jährlichen Wachstumseffekten von bis zu 2 Prozent der Wirtschaftsleistung führen. Bereits jetzt sehen wir Effekte der Produktivitätssteigerungen im Wachstumstrend der USA (vgl. Grafik). Europas Fortschritte sind langsamer, und China muss neben Chancen auch erhebliche Hürden bei der KI-Entwicklung bewältigen.
Welche Rolle spielt KI im Jahr 2026?
Künstliche Intelligenz war 2025 das dominierende Thema an den Aktienmärkten. Die Investitionen in KI sind enorm. Wir erwarten, dass diese im laufenden Jahr sogar noch stärker anwachsen werden. Damit entwickelt sich KI von einem Unternehmens- oder Aktienthema zu einem Thema mit gesamtwirtschaftlichem Effekt. 2025 wurde das Wachstum in den USA beispielsweise stärker von den Investitionen in KI getrieben als vom Konsum.
Erwarten Sie, dass die Produktivitätsgewinne durch KI in diesem Jahr sichtbar werden?
Davon gehen wir aus, da KI als «GPT» nach und nach in vielen Bereichen wirken wird. Es ist jedoch wichtig, nicht nur auf die «Big Tech»-Unternehmen aus den USA zu setzen, sondern über verschiedene Regionen und Sektoren zu diversifizieren. Die aktuelle Entwicklung bei Oracle zeigt deutlich auf, dass eine hohe Verschuldung zur Finanzierung des Wachstums grosse Risiken birgt. Schlussendlich wird es sich bei KI verhalten wie überall: Qualitativ gute Unternehmen setzen sich durch.
Welche Chancen sieht die Graubündner Kantonalbank im Anlagejahr 2026?
Aktien haben sich letztes Jahr gut entwickelt. Tiefe Zinsen, sinkende Inflation, mehr Liquidität und robustes Wachstum deuten auf eine Fortsetzung dieser Entwicklung hin. Tiefe Zinsen gepaart mit Wachstum sind ein guter Mix für die Aktienmärkte; ausserdem steigen die Unternehmensgewinne weiter an und die KI-Investitionen setzen sich fort. Entscheidend ist, nebst den Gewinnern der «new Economy» auch auf die guten Unternehmen der «old Economy» zu setzen. Nebst US Tech bieten auch Unternehmen aus Europa und der Schweiz interessante Anlagechancen. Auch kleiner kapitalisierte Unternehmen oder Firmen aus den Schwellenländern bieten Chancen.
Sie sehen also mehr Chancen bei Aktien als bei Obligationen. Wie sieht es mit Wandelanleihen aus?
In unserem Portfolio geniessen Wandelanleihen einen besonderen Stellenwert. Wir sind überzeugt, dass Wandelanleihen nicht bloss die Kombination von Obligationen und Aktien sind, sondern das Beste aus den beiden Welten kombinieren. Durch die Optionsprämie ergeben sich unserer Meinung nach interessante Eigenschaften, wie ein attraktives Risiko-Rendite-Profil. Ausserdem kann über Wandelanleihen ein anderer Markt als über Aktien oder Unternehmensanleihen erschlossen werden. In einem Umfeld, wo Diversifikation aufgrund tiefer Zinsen zusehends schwieriger wird, bieten Wandelanleihen eine einzigartige Investitionsmöglichkeit. Besonders wenn die Unsicherheit an den Märkten zunehmen sollte, ist die stabilisierende Wirkung der Obligationenkomponente wertvoll.
Und welche Herausforderungen sehen Sie?
KI ist sowohl grosse Chance als auch Risiko: Denn Investoren schauen vermehrt auch auf den Effekt der Investitionen in Milliardenhöhe. Dieses Risiko bestimmt aktuell auch die Schlagzeilen. Aus unserer Sicht gibt es aber ein grösseres Risiko.
Welches Risiko sprechen Sie an?
Eine deutliche Wirtschaftsabschwächung ausgelöst durch tiefere Produktivität oder sinkende Konsumausgaben aufgrund eines schwachen Arbeitsmarktes. Das würde die Unternehmensgewinne stark beeinträchtigen. Ein weiteres Risiko wäre eine wieder ansteigende Inflation.
Wie zuversichtlich sind Sie, dass auch 2026 ein erfolgreiches Börsenjahr wird?
Wir sind optimistisch, dass auch das aktuelle Jahr ein gutes Anlagejahr wird. Wir sehen tiefe Zinsen, mehr Liquidität und robustes Wachstum. Und neu auch in Europa steigende Staatsausgaben. Insgesamt ist dies ein sehr guter Mix für die Aktienmärkte – man könnte fast vom sogenannten "Goldlöckchen-Szenario" sprechen. Wir erwarten auch, dass die Unternehmensgewinne weiter ansteigen und sich die KI-Investitionen fortsetzen; alles positive Signale für die Aktienmärkte. 2026 sollte sich die Diversifikation weg von US Tech auch wieder auszahlen, da künftig vermehrt auch kleiner kapitalisierte Unternehmen vom Wirtschaftsaufschwung und der weiteren Entwicklung der künstlichen Intelligenz profitieren.