24.02.2026, 08:40 Uhr
Gold startete mit einer Achterbahnfahrt ins neue Jahr. Geopolitische Krisen, die Ernennung eines neuen Fed-Chefs und Rekordnachfrage treiben den Markt – und verunsichern ihn zugleich.
Ein AI-Startup verkündet, es könne eine 60 Jahre alte Programmiersprache modernisieren. Ein obskures Research-Haus malt den Untergang der Softwarebranche. Die Börse gerät in Panik – und IBM erlebt den schlimmsten Tag seit einem Vierteljahrhundert.
Es war ein perfekter Sturm, zusammengebraut aus Technologie-Angst, viraler Fiktion und einem Timing, das kaum ungünstiger hätte sein können. Am Montag verlor IBM an einem einzigen Handelstag 13,2 Prozent seines Börsenwerts – das ist laut Bloomberg der grösste Tagesverlust seit Oktober 2000, mitten im Platzen der Dotcom-Blase. Über 31 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung lösten sich in wenigen Stunden in Luft auf. Im gesamten Februar summiert sich das Minus auf rund 27 Prozent. Das ist der schlimmste Monat seit mindestens 1968.
Der unmittelbare Anlass war eine Ankündigung des KI-Startups Anthropic. In einem Blogpost erklärte das Unternehmen am Montagmorgen, sein Tool Claude Code könne die Analyse- und Explorationsarbeit automatisieren, die den Grossteil der Komplexität bei der COBOL-Modernisierung ausmacht. COBOL (Common Business-Oriented Language) ist eine Programmiersprache aus den späten 1950er-Jahren, die nach wie vor das Rückgrat kritischer Infrastrukturen bildet: Schätzungsweise 95 Prozent aller Geldautomaten-Transaktionen in den USA laufen laut CNBC über COBOL-Code. Banken, Fluggesellschaften, Regierungsbehörden – sie alle sind auf Hunderte Milliarden Zeilen dieses antiquierten Codes angewiesen.
Genau hier liegt IBMs historischer Burggraben. Der Konzern verkauft nicht nur die Mainframe-Rechner, auf denen dieser Code läuft, sondern auch die Beratungsdienstleistungen und Modernisierungsprojekte, die Unternehmen bei der Pflege und schrittweisen Erneuerung ihrer Legacy-Systeme unterstützen – ein Geschäft mit hohen Margen und tiefer Kundenbindung. Die Modernisierung stagnierte jahrelang, weil das Verstehen des Codes teurer war als das Neuschreiben. KI dreht diese Gleichung um.
Doch Anthropics Blogpost fiel nicht in ein Vakuum. Am Wochenende davor hatte Citrini Research, eine bis dato kaum bekannte thematische Investmentanalyse-Plattform, einen 7'000 Wörter langen Bericht auf Social Media veröffentlicht, der die potenziellen Risiken von KI für verschiedene Segmente der Weltwirtschaft in hypothetischen Zukunftsszenarien durchspielte, mit expliziten Verweisen auf Lieferdienste, Kreditkartenunternehmen und Softwarefirmen. Das Papier trug den Titel «The 2028 Global Intelligence Crisis» und war als fiktiver Rückblick aus dem Juni 2028 verfasst: 10,2 Prozent Arbeitslosigkeit, ein S&P 500 mit 38 Prozent Verlust seit seinem Höchststand, eine Wirtschaft, die niemand wiedererkennt.
Die Autoren betonten ausdrücklich, dass es sich um ein Szenario handle, nicht um eine Prognose. «Aber Sie lesen das nicht im Juni 2028. Sie lesen es im Februar 2026.» Mit diesen Worten schloss der Text, was natürlich eine bewusste Provokation war. Michael Burry, der Investor aus «The Big Short», teilte den Bericht und kommentierte trocken: «Und ihr denkt, ich sei bearish.»
Zu guter letzt kam eine Warnung von Nassim Nicholas Taleb, dem Autor von «Der Schwarze Schwan»: Investoren sollten sich auf eskalierende Volatilität und sogar Insolvenzen im Softwaresektor einstellen.
Die Mischung war explosiv, die Reaktion des Marktes war so heftig wie undifferenziert. DoorDash, American Express, KKR und Blackstone verloren seither je über 6 Prozent. Uber, Mastercard, Visa, Capital One und Apollo fielen um mehr als 4 Prozent. Der iShares Expanded Tech-Software ETF (IGV) sank auf ein neues 52-Wochen-Tief – sämtliche Gewinne seit dem ChatGPT-Launch im November 2022 schienen ausradiert.
Marktbeobachter beschreiben das, was sich seit Wochen im Technologiesektor abspielt, als «AI Scare Trade». Damit ist eine Dynamik gemeint, in der Investoren bei jedem neuen KI-Tool reflexartig Aktien abstossen, deren Geschäftsmodelle potenziell betroffen sein könnten. «Es ist eine bemerkenswerte Reaktion», sagte Michael O'Rourke, Chefmarktstratege bei Jonestrading, gegenüber Bloomberg. «Ich habe erlebt, wie dieser Markt bei tatsächlich negativen Nachrichten unglaubliche Widerstandskraft zeigte. Jetzt schickt ihn ein buchstäbliches Werk der Fiktion in den Abwärtsstrudel.»
Tatsächlich lässt sich argumentieren, dass die Panik die Realität weit überholt. Die Idee, COBOL mit KI zu modernisieren, ist nicht neu – IBM selbst bietet seit 2023 mit dem watsonx Code Assistant for Z genau ein solches Werkzeug an, das COBOL-Code analysiert, dokumentiert und schrittweise in Java überführt. CEO Arvind Krishna erklärte noch im Juli 2025, der hauseigene KI-Coding-Assistent für Mainframes habe «eine sehr breite Adoption» erreicht. Und Evercore-Analyst Amit Daryanani betonte: «IBM hat seinen Kunden bereits mehrere Modernisierungsoptionen zur Verfügung gestellt.»
IBM selbst wies die Interpretation zurück, dass COBOL seine Achillesferse sei. Der Konzern erklärte, seine Mainframe-Plattform biete dieselbe Leistung und Sicherheit für verschiedene Programmiersprachen – nicht nur für COBOL. Und die Fundamentaldaten stützen dieses Narrativ: Der Umsatz wuchs in den letzten zwölf Monaten um 4,5 Prozent auf 65 Milliarden Dollar, der Quartalsumsatz legte 9,1 Prozent zu Trefis – schneller als der Durchschnitt des S&P 500. Die operative Cashflow-Marge liegt bei über 20 Prozent.
IBMs Strategie fusst also längst nicht mehr allein auf dem Mainframe-Erbe. Der Softwarebereich, angeführt von Red Hat und der watsonx-Plattform, macht inzwischen rund 45 Prozent des Geschäfts aus und wuchs 2025 um etwa 11 Prozent – der stärkste Zuwachs seit Jahren. Der Konzern positioniert sich als Anbieter von Hybrid-Cloud- und KI-Lösungen für regulierte Branchen, wo Datensouveränität und Sicherheit entscheidend sind. CEO Krishna betont regelmässig, dass in drei bis fünf Jahren rund die Hälfte aller KI-Workloads in Private-Cloud- oder On-Premise-Umgebungen laufen dürften – ein Terrain, auf dem IBM mit Mainframe, Red Hat und Consulting strukturelle Vorteile sieht.
Die Debatte um IBM ist also ein Stellvertretergefecht für eine viel grössere Frage geworden: Was passiert, wenn KI die Softwareschicht selbst angreift, auf der die Tech-Industrie ihre Margen und Bewertungen aufgebaut hat? Das Szenario, in dem «Vibe Coding» – die Erstellung von Software durch natürlichsprachliche Eingaben an KI-Modelle – klassische Softwareprodukte und Beratungsleistungen überflüssig macht, beschäftigt den Markt zunehmend.
Alap Shah, Co-Autor des Citrini-Berichts und Chief Investment Officer bei Lotus Technology Management, legte am Dienstag nach: Innerhalb von 18 Monaten könnten 5 Prozent der Büroarbeitsplätze durch KI wegfallen, Regierungen sollten eine KI-Steuer einführen.
Andere halten dagegen. Mehrere Milliarden-Dollar-CEOs erklärten gegenüber Fortune, die Angst vor KI-bedingtem Jobabbau sei übertrieben. Fintool Tanmai Gopal von PromptQL schätzte, dass 70 Prozent der Aufgaben schlicht nicht automatisierbar seien, weil KI menschlichen Kontext brauche, der zu dynamisch sei, um laufend aktualisiert zu werden.
Für IBM wird die Antwort darin liegen, ob der Konzern die KI-Welle als Bedrohung erleidet oder als Hebel nutzt. Wer die Geschichte von Big Blue kennt, weiss: Das Unternehmen hat sich schon oft neu erfunden – vom Tabulator zum Mainframe, vom PC zum Server, von der Hardware zur Software. Ob der aktuelle Umbau zum «AI-first Enterprise»-Anbieter gelingt, ist offen. Aber die Fundamentaldaten deuten nicht auf ein Unternehmen im strukturellen Niedergang hin. Hier ist der Unterschied zu den strukturellen Wendepunkten der Vergangenheit.
Was der Montag gezeigt hat, ist also weniger eine IBM-Krise als ein Markt, der sich in Echtzeit mit einer existenziellen Frage auseinandersetzt: Wie viel von dem, worauf unsere Portfolios gebaut sind, wird das Jahrzehnt überleben? Dass ein fiktiver Bericht und ein Blogpost ausreichen, um 31 Milliarden Dollar an Börsenwert zu vernichten, sagt mindestens so viel über die Nervosität der Investoren wie über die tatsächliche Bedrohungslage.