Angriff auf Iran: Gewinner und Verlierer an den Finanzmärkten

Der Ölpreis ist gefallen, Gold angestiegen. Was ist an den Finanzmärkten los? (Bild: Adobe Stock)
Der Ölpreis ist gefallen, Gold angestiegen. Was ist an den Finanzmärkten los? (Bild: Adobe Stock)

Amerikanisch-israelische Angriffe auf den Iran reissen die Börsen in den Abgrund. Der 2. März 2026 wird wohl als der Tag in die Börsengeschichte eingehen, an dem mehrere Risikolinien gleichzeitig brachen: geopolitische Eskalation, Energiepreisschock, Inflationsdruck und Kreditsorgen.

02.03.2026, 08:00 Uhr
Anlagestrategie | Devisen | Edelmetalle | Obligationen | Rohstoffe

Redaktion: asc

Als die Handelsböden in Tokio am frühen Montagmorgen öffneten, war das Ausmass des Schadens bereits ablesbar: Asiatische Aktien verloren 1,6 Prozent. Futures auf US-Indizes brachen um mehr als 1,3 Prozent ein, europäische Kontrakte rutschten um 2,3 Prozent ab. Das Rohöl der Sorte Brent schoss zeitweise um 13 Prozent nach oben – der grösste Tagessprung seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine im März 2022 – und stabilisierte sich bei rund acht Prozent Plus, also über 78 Dollar je Barrel.

Später folgten die europäischen Börsen. Wobei hier die grossen Ölproduzenten – allen voran Shell und BP – obenaus schwangen. Der SMI steht um 11 bei einem Minus von 1,4 Prozent. Stark im Minus hier die Hersteller von Luxusgütern und Uhren sowie die Finanztitel. Im Minus sind aber auch die Aktien von ABB oder Big Pharma.

Gleichzeitig suchen Anleger Zuflucht: Gold stieg um zwei Prozent auf knapp 5380 Dollar je Unze, das bedeutet einen weiteren Rekord. Nur US-Staatsanleihen, eigentlich der klassische Hafen bei Marktstürmen, bildeten eine Ausnahme: Die Renditen stiegen, weil Investoren fürchten, dass höhere Ölpreise die ohnehin hartnäckige Inflation weiter anheizen und die Federal Reserve daran hindern, die Zinsen zu senken.

Besonders besorgniserregend ist das Timing.

Zunächst der Blick in die USA: Die globalen Aktienmärkte kamen bereits angeschlagen in diesen Montag. Im Februar hatten US-Titel ihren schlechtesten Monat seit April erlebt, erschüttert von zwei Entwicklungen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: einer neuen Skepsis gegenüber dem KI-Hype und aufkeimenden Rissen im Markt für private Kredite. Asiatische Bankenwerte verdeutlichten das eindrücklich: Der Topix Banking Index verlor am Montag zeitweise 6,3 Prozent – der grösste Einbruch seit April.

Der Markt war also bereits angreifbar, als der Iran-Schock einschlug. Wer die aktuelle Marktschwäche verstehen will, darf nicht nur auf den Iran schauen. Die Verletzlichkeit der Märkte hat tiefere Wurzeln – und sie wurden in den vergangenen Wochen sichtbar.

Nun kommt eine zweite Front hinzu: der Markt für private Kredite. Dieser weitgehend unreglementierte Sektor, der in den vergangenen Jahren explosionsartig gewachsen ist und als wichtige Finanzierungsquelle für Technologieunternehmen gilt, zeigt erste Risse. Grossbanken wie Apollo und Jefferies verloren im Februar zeitweise mehr als neun Prozent – Händler sprechen vom «Kakerlaken-Effekt»: Wo eine Schwachstelle auftaucht, könnten sich weitere verbergen.

Wie stark steigt der Ölpreis?

Kein Ort der Erde hat an diesem Montag mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen als eine 33 Kilometer breite Meerenge zwischen Oman und dem Iran. Rund zwanzig Prozent des globalen Öls passieren die Strasse von Hormuz; sie gilt als die wichtigste Energiedrehscheibe der Welt. Wenn sie blockiert ist – oder auch nur als blockiert gilt –, geraten die Rohstoffmärkte in Panik.

Bloomberg Economics hat die Konsequenz in einer schnellen Rechnung auf den Punkt gebracht: Bleibt die Meerenge dauerhaft geschlossen, könnte der Ölpreis auf 108 Dollar je Barrel springen. Das entspräche einem Preisanstieg von rund 40 Prozent gegenüber dem Stand von Anfang März – und hätte weitreichende Folgen für Inflation und Geldpolitik weltweit.

Die Staaten des Ölkartells OPEC+ haben jedoch am Sonntag beschlossen, ihre Tagesproduktion zu erhöhen, um Engpässe und zu starke Preisanstiege durch die Hormuz-Sperrung zu verhindern. Das federt den Ölpreisschock etwas ab.

In dieses Bild passt auch das Inflationsproblem in den USA. Kurz bevor der Iran-Angriff bekannt wurde, hatten Freitagsdaten einen unerwartet starken Anstieg der amerikanischen Erzeugerpreise gezeigt. Das ist ein Hinweis darauf, dass Unternehmen die Zollkosten aus Trumps Handelspolitik an die Endverbraucher weitergeben. Wenn nun Öl dazukommt, könnte aus einem Inflationsproblem ein Stagflationsszenario werden: Wachstum stagniert, Preise steigen, die Notenbank ist machtlos.

Wo sind Kaufgelegenheiten?

Die Daumenregel lautet: Geopolitische Krisen sind Kaufgelegenheiten, weil sie schnell verpuffen. Doch diesmal warnen selbst erfahrene Häuser zur Vorsicht.

Ajay Rajadhyaksha, globaler Forschungschef bei Barclays, schreibt in einer Eilanalyse, Investoren hätten sich an schnell verblassende Schocks gewöhnt. Doch dieser hier könnte länger anhalten. Damit steht Barclays nicht allein. BNP-Paribas-Stratege Jason Lui rät, zunächst die Rohstoffmärkte als Taktgeber zu beobachten.

Für den SMI indiziert der Broker IG zum Wochenauftakt am Montag früh einen Auftaktverlust von 1,17 Prozent – ähnlich wie der DAX und der CAC-40 mit je rund einem Prozent Minus. Generell reagiert der SMI auf Krisen strukturell anders als DAX oder S&P 500: Rund 60 Prozent des Index entfallen auf die drei defensive Schwergewichte Nestlé, Novartis und Roche. Diese Titel wirken als natürlicher Puffer. Ein dauerhaft hoher Ölpreis belastet zwar die gesamte Schweizer Exportwirtschaft. Anders als bei DAX-Unternehmen, die stark in der Industrie verwurzelt sind, schützt der hohe Pharma-Anteil den SMI etwas – aber nicht vollständig.

Wie stark steigt der Franken?

In Krisenzeiten gilt der Schweizer Franken als sicherer Hafen. Gold und der Dollar legten am Montag zu, der Franken dürfte ebenfalls unter Aufwertungsdruck stehen – was für exportabhängige SMI-Unternehmen wie ABB, Holcim oder Zurich Insurance ein zweischneidiges Schwert ist.

Der Jahreshöchstkurs gegenüber dem Euro lag Ende vergangener Woche bei 1.0997 EUR pro Franken – dies ist ein Mehrjahreshoch. Gegenüber dem Tiefstand vom 14. März 2025 hat der Franken gegenüber dem Euro also bereits um +3.1 Prozent aufgewertet.

Gegenüber dem Dollar ist die Bewegung noch ausgeprägter: Das Senken der US-Leitzinsen stärkt den Franken relativ zum Dollar zusätzlich – Kurse von 0,82 USD/CHF bis Ende 2026 gelten als möglich.

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