19.03.2026, 15:04 Uhr
Während Krieg und KI-Schock die Schlagzeilen beherrschen, reagieren Anleger erstaunlich besonnen. Die Neuberger-Berman-Strategin Shannon Saccocia erklärt, warum 2026 Präzision mehr zählt als Marktbeta.
Die Welt kauft sich selbst zurück – schneller als je zuvor. Globale Aktienrückkäufe haben 2025 einen neuen Rekordwert von 1,46 Billionen US-Dollar erreicht, ein Plus von 8,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das zeigt der aktuelle «Buyback Watch»-Bericht von Capital Group, der die Rückkaufaktivitäten der 1600 grössten börsennotierten Unternehmen der Welt analysiert.
Wer den globalen Rückkaufmarkt versteht, kommt an den USA nicht vorbei. Mit 1,04 Billionen Dollar entfallen 71 Prozent aller weltweit getätigten Aktienrückkäufe auf US-Unternehmen – obwohl diese nur 38 Prozent der globalen Dividendenzahlungen ausmachen. Die USA sind das einzige grosse Land, in dem Rückkäufe routinemässig grösser sind als Dividenden. Laut dem «Buyback Watch»-Bericht von Capital Group steigerte Nvidia allein seine Rückkäufe von 29 auf 44 Milliarden Dollar. Apple bleibt mit 92 Milliarden Dollar das grösste Rückkaufprogramm der Welt – trotz eines Rückgangs, ausgelöst durch Handelsunterbrechungen im Zusammenhang mit Tarifen.
Europa holt zwar auf, wenn auch auf tieferem Niveau. Mit 159 Milliarden Dollar stiegen die europäischen Rückkäufe (ohne Grossbritannien) um 9,7 Prozent auf ein neues Rekordhoch. Frankreich (+44 Prozent, angeführt von Sanofi, Axa und Societe Generale) und die Niederlande (+54 Prozent, mit ASML als treibender Kraft) verzeichneten das stärkste Wachstum. Dagegen sanken die Rückkäufe in der Schweiz um 23,7 Prozent, weil mehrere Grosskonzerne, darunter Nestlé, ihre Programme nicht erneuerten.
Bemerkenswert ist der Wandel in Japan: Mit einem Plus von 15,3 Prozent auf einen Rekordwert von 77,5 Milliarden Dollar entwickelt sich eine neue Rückkaufkultur unter japanischen Unternehmen. Fast die Hälfte der japanischen Indexmitglieder kaufte 2025 eigene Aktien zurück, vor zehn Jahren war es weniger als ein Viertel. Zum Vergleich: In den Schwellenländern ist nur eines von sechs Unternehmen aktiv – mit einem Gesamtvolumen von 13,9 Milliarden Dollar, weniger als ein Zwölftel der dortigen Dividendenausschüttungen.
Auf Sektorebene sind die Unterschiede erheblich. Finanzunternehmen dominierten 2025 mit Rückkäufen von insgesamt 386 Milliarden Dollar, einem Anstieg von 23,1 Prozent. Banken allein kauften für 176 Milliarden Dollar eigene Aktien zurück, angetrieben vor allem von US-Instituten. Auch der Technologiesektor zeigte Stärke: Software- und Halbleiterunternehmen steigerten ihre Rückkäufe deutlich, wobei Microsoft und Nvidia die grössten Einzelbeiträge leisteten.
Dagegen kämpfen Media- und Energieunternehmen mit Gegenwind. Alphabet, Meta und Tencent kürzten ihre Rückkäufe spürbar, da massive Investitionen in KI-Infrastruktur Kapital absorbierten – der gesamte Mediensektor verzeichnete einen Rückgang von 10 Prozent. Im Energiesektor hinterliessen niedrigere Ölpreise - 2025 (!) - ihre Spuren: Rückkäufe sanken um 12,5 Prozent auf 106 Milliarden Dollar. BP hat seine Rückkäufe sogar vollständig ausgesetzt.
Das Phänomen der Rückkäufe ist zugleich hochkonzentriert und weit verbreitet. Einerseits entfallen 32 Prozent des weltweiten Volumens auf nur 20 Unternehmen, 16 davon aus den USA. Andererseits haben Rückkäufe global an Breite gewonnen: 52 Prozent der Indexunternehmen hatten 2025 ein aktives Programm, 2015 waren es lediglich 36 Prozent. Über zehn Jahre sind Rückkäufe um 123 Prozent gewachsen, Dividenden nur um 98 Prozent.
Die Autoren der Studie erwarten, dass Rückkäufe 2026 mindestens das Niveau von 2025 halten werden. Zugleich warnen sie vor dem dämpfenden Effekt des KI-Investitionsbooms, der grosse Programme bereits 2025 gebremst hat. Es sei denkbar, dass das Rückkaufwachstum 2026 hinter das erwartete Dividendenwachstum von 5,8 Prozent zurückfalle.
Die Debatte über Rückkäufe versus Dividenden bleibt kontrovers. Portfolio-Managerin Anne-Marie Peterson von Capital Group bringt es auf den Punkt: Rückkäufe sind präzise, flexibel und stärken die Kapitalallokationsdisziplin – während Dividenden Verlässlichkeit und Gleichbehandlung aller Aktionäre bieten. In der Praxis werden beide Instrumente als komplementär betrachtet.