Werbung

Der Franken und die Grenzen der Geldpolitik

In Zeiten der Krise ist der Schweizer Franken sehr gefragt. Doch was sind die Folgen? (Bild: Adobe Stock)
In Zeiten der Krise ist der Schweizer Franken sehr gefragt. Doch was sind die Folgen? (Bild: Adobe Stock)

Der Schweizer Franken erlebt Anfang 2026 eine neue Stärkephase – und wird von Banken wie Medien einhellig als überteuerter, aber kaum zu bremsender sicherer Hafen beschrieben. Dabei verdichtet sich das Bild eines Währungssystems, in dem die Nachfrage nach Stabilität die geldpolitischen Spielräume der Schweizerischen Nationalbank zunehmend einengt. Und in dem die Kosten dieser Stärke immer sichtbarer werden: in Bilanzen, Bewertungen und ganzen Industriezweigen.

17.02.2026, 08:15 Uhr
Finanzplätze | Konjunktur

Redaktion: asc

Aus Schweizer Sicht ist das Bild eindeutig: Der Franken hat sich gegenüber Euro und Dollar auf historisch starke Niveaus aufgewertet und bleibt, trotz leichten Entspannungssignalen, erstaunlich stabil. Die Graubündner Kantonalbank schreibt, die Flucht in sichere Anlagen treibe den Franken weiter nach oben und erhöhe den Druck auf die SNB. Besonders augenfällig ist der Euro, der zuletzt weniger als 92 Rappen kostete und damit klar unter seinem geschätzten fairen Wert von rund 94 Rappen liegt.

Die Financial Times beziffert die jüngste Dynamik konkret: Der Franken hat allein 2026 rund 3 Prozent zugelegt, nach einem Anstieg von 14 Prozent im Vorjahr. Gegenüber dem Dollar erreichte er mit 0,77 Franken erstmals seit der Schockaufwertung von 2015 wieder Niveaus, die viele Marktteilnehmer für undenkbar gehalten hatten. Auch in der Realwirtschaft ist die Wahrnehmung angekommen, meldete die UBS vergangene Woche

Die Kosten der Stärke: Roche, Swatch, die Maschinenindustrie

Was für Anleger Sicherheit bedeutet, ist für die Exportwirtschaft ein schleichender Wettbewerbsnachteil. Wie die Financial Times berichtet, melden Pharmakonzern Roche und Uhrenhersteller Swatch Group für 2025 Umsatzeinbussen von rund 5 Prozent allein durch die Frankenaufwertung. Roche rechnet für das laufende Jahr mit einem weiteren Gewinneffekt von 4 Prozentpunkten. Auch der Luxusgüterkonzern Richemont, Eigentümer von Cartier, hat Währungsbelastungen angezeigt.

Besonders hart trifft es den industriellen Mittelstand. Nicola Tettamanti, Präsident von Swissmechanic, dem Verband der mechanischen und elektrotechnischen KMU, warnt gegenüber der FT, die Aufwertung untergrabe zunehmend die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer MEM-Industrie. Produktivitätsgewinne könnten Währungsbewegungen kurzfristig auffangen, aber nicht unbegrenzt – bei anhaltend starkem Franken drohten verzögerte Investitionsentscheide und langfristig eine Schwächung der industriellen Basis. Cedric Jacque, Partner beim Zürcher Vermögensverwalter Lloyd Capital, bringt die Lage auf eine Formel: Der Schweizer Franken sei ein permanenter Zoll für Schweizer Unternehmen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Schweizer Exporteure nicht nur mit dem starken Franken kämpfen, sondern auch mit den Nachwirkungen des Handelskonflikts. Die Schweiz und die USA haben sich zwar im Grundsatz auf eine Begrenzung zusätzlicher US-Zölle auf 15 Prozent geeinigt – herunter von zunächst 39 Prozent –, doch diese Vereinbarung liegt bisher nur als politisches Rahmenabkommen vor, nicht als voll bindendes Vertragswerk. Die Details werden noch verhandelt.

Die SNB in der Zwickmühle

Die Schweizer Banken zeichnen ein differenziertes Bild. Die GKB spricht von einem Wechselkurs, der klar unter dem fairen Wert liegt, und betont, dass die starke Währung die Exportwirtschaft und den Tourismussektor unter Druck setzt. Gleichzeitig verweist sie darauf, dass die extrem niedrige Inflation durch den starken Franken zusätzlich gedämpft werde – geldpolitisch bequem, realwirtschaftlich heikel.

Für die SNB wird die Lage zunehmend unbequem. Ihr Leitzins steht bei null Prozent, eine weitere Senkung würde die Rückkehr zu Negativzinsen bedeuten – ein Szenario, das die Währungshüter explizit vermeiden wollen. Swaps-Händler preisen gleichwohl eine Wahrscheinlichkeit von rund 30 Prozent ein, dass die SNB in diesem Jahr unter die Nulllinie geht, wie die FT berichtet.

UBS erwartet im Basisszenario zwar moderat schwächere Franken-Kurse von 0,95 zum Euro, versucht aber gleichzeitig, die Sorgen der Unternehmen zu relativieren, und verweist auf die robuste Binnenwirtschaft. Andere Schweizer Stimmen – vom Agrarsektor über Regionalbanken bis hin zu wirtschaftsnahen Verbänden – kommen zum Schluss, dass der Franken auch 2026 stark bleiben dürfte und die Nationalbank nur begrenzte Möglichkeiten hat, dagegenzuhalten.

Dass die Stärke innenpolitische Spannungen erzeugt, wird offen benannt. SRF zitiert den Chefökonomen des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds mit der Einschätzung, der starke Franken sei eine der Hauptgefahren für Arbeitsplätze und Löhne im Land.

Börse im Schatten der Währung

Die Frankenaufwertung hinterlässt auch am Aktienmarkt Spuren. Der Swiss Market Index liegt 2026 nur rund 2 Prozent im Plus – während der europäische Stoxx 600 um 4 Prozent und der Londoner FTSE 100 um 5 Prozent zulegen konnten. UBS schätzt, dass jedes Prozent Frankenaufwertung den Gewinn kotierter Schweizer Unternehmen im Durchschnitt um 0,9 Prozent schmälert.

Charles-Henry Monchau, Chief Investment Officer der Schweizer Bank Syz, fasst es gegenüber der FT so zusammen: Schweizer Aktien hätten bereits 2025 zu den schwächsten Märkten gehört – wegen der Frankenstärke und der Schwäche europäischer Importeure. Das müsse sich ändern, damit die Stimmung drehe.

Nicht alle sehen nur Risiko: Der Bewertungsrückgang hat Lloyd Capital dazu veranlasst, auf günstig gewordene Schweizer Titel zu setzen – etwa den Dentalimplantathersteller Straumann, den Bau- und Chemiekonzern Sika oder das schweizerisch-niederländische Chemieunternehmen DSM-Firmenich. Die Zahl der Positionen in Schweizer Aktien sei auf Rekordniveau, berichtet die FT.

Bloomberg: Der reinste sichere Hafen

International rückt vor allem der Sicherheitsaspekt in den Vordergrund. Bloomberg beschreibt den Franken als den reinsten sicheren Hafen am Markt, dessen ausserordentliche Nachfrage selbst das Risiko von SNB-Interventionen in den Hintergrund dränge. Der Franken hat demnach seit Jahresbeginn rund 2 Prozent zum Euro und 3,5 Prozent zum Dollar zugelegt und gegenüber beiden Währungen den stärksten Stand seit über einem Jahrzehnt erreicht.

In der internationalen Fachpresse wird der Franken zunehmend als struktureller Anker in einem von Zöllen und geopolitischen Spannungen geprägten Umfeld beschrieben – getragen von politischer Stabilität, sehr niedriger Inflation und soliden Staatsfinanzen. Diese Strukturargumente decken sich mit den Einschätzungen Schweizer Banken, nur ist der Blick von aussen weniger auf die Industriesorgen, dafür stärker auf die Rolle des Frankens im globalen Portfolio-Mix fokussiert.

Die SNB erscheint in den internationalen Berichten als stiller, aber präsenter Risikofaktor: Interventionen bleiben möglich, werden von Marktteilnehmern aber weitgehend ausgeblendet. Der implizite Tenor: Solange die globale Unsicherheit hoch bleibt, wiegt der Wunsch nach Stabilität schwerer als die Furcht vor einem Eingriff der Notenbank.

CNBC warnt derweil, nach einem besonders volatilen Jahr würden Investoren zunehmend grundsätzlich hinterfragen, wie sicher Franken, Dollar und Yen als Zufluchtswährungen tatsächlich noch seien – ein Spannungsfeld, das 2026 unverändert besteht.

Fazit: Der Franken gilt zwar als überbewertet, aber er ist schwer zu bremsen. Die Banken rechnen mit anhaltender Stärke, sehen langfristig leichte Entspannung und versuchen, die Sorgen zu relativieren. International wird der Franken als reinster sicherer Hafen beschrieben, der trotz Interventionsrisiko bevorzugt wird. Und die Exportindustrie – von Roche bis zum Zulieferer-KMU in der Ostschweiz – zahlt die Zeche einer Stabilität, die sie nicht bestellt hat, aber deren Kosten sie als Erste spürt.

Alle Artikel anzeigen

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen eine bestmögliche Nutzung zu ermöglichen. Mit der Annahme der Cookies bestätigen Sie, dass Sie ein professioneller Anleger mit Sitz in der Schweiz sind.> Datenschutzerklärung