Grüne Anleihen: Europas Finanzbranche bricht Emissionsrekord

Green Bonds werden immer beliebter: Schon 2026 zeichnet sich in Europa ein neuer Rekord ab (Bild: Adobe Stock)
Green Bonds werden immer beliebter: Schon 2026 zeichnet sich in Europa ein neuer Rekord ab (Bild: Adobe Stock)

Europäische Finanzinstitute haben bis Ende September grüne Anleihen über 56 Milliarden Euro begeben, mehr als im gesamten Rekordjahr 2025. Und das trotz Ölschock, Zinserhöhungen und Nervosität um Frankreich. Die Anleihespezialisten von Atlanticomnium sehen den Grund in der Bonität der Emittenten.

22.10.2026, 09:12 Uhr
Nachhaltigkeit | Obligationen

Redaktion: asc

Die europäische Finanzbranche hat in den ersten neun Monaten 2026 grüne Anleihen (Green Bonds) im Volumen von 56 Milliarden Euro emittiert. Das zeigt ein aktueller Kommentar von GAM Investments auf Basis von Bloomberg-Daten. Das bisherige Rekordjahr 2025 kam auf 50 Milliarden Euro, und zwar über zwölf Monate.

Gegenüber der Vorjahresperiode beträgt das Plus 46 Prozent. Zuletzt hat das Tempo noch zugenommen. Allein im September brachten Banken und Versicherer grüne Anleihen über 9,9 Milliarden Euro an den Markt. Das sind 31 Prozent mehr als im September 2025 und deutlich mehr als der September-Durchschnitt der Jahre 2021 bis 2025 von 5,6 Milliarden Euro.

Mit dem Erlös grüner Anleihen finanzieren die Emittenten klimafreundliche Vorhaben, etwa erneuerbare Energien oder energieeffiziente Gebäude. Bei Banken fliesst das Geld meist in entsprechende Kreditportfolios, also zum Beispiel in Hypotheken für energieeffiziente Liegenschaften oder in Projektfinanzierungen für Wind- und Solaranlagen.

Rekord im Gegenwind

Bemerkenswert ist der Rekord wegen des Umfelds. Der Konflikt zwischen den USA und Iran trieb den Ölpreis im September zeitweise auf fast 110 US-Dollar je Fass. Die Europäische Zentralbank erhöhte am 10. September den Einlagensatz um 0,25 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent, es war die zweite Erhöhung seit Juni. Die US-Notenbank zog am 16. September nach und hob das Zielband für die Leitzinsen erstmals seit 2023 an, auf 3,75 bis 4,00 Prozent.

An den Anleihemärkten hinterliess das deutliche Spuren. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg auf 5,3 Prozent, so hoch wie seit 2007 nicht mehr. Bei deutschen Bundesanleihen gleicher Laufzeit waren es 3,6 Prozent, der höchste Stand seit der Euro-Schuldenkrise. Für Emittenten bedeutet das teurere Finanzierung. Die Finanzbranche hat sich davon nicht abhalten lassen.

Frankreich belastet die Kurse, kaum die Bilanzen

Besonders genau beobachten die Märkte derzeit Frankreich. Im Zentrum stehen die Budgetverhandlungen für 2027 und die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Die Regierung will das Defizit von 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr auf 5,0 Prozent im Jahr 2027 senken, das Parlament ist aber zersplittert. Der Renditeabstand zehnjähriger französischer gegenüber deutschen Staatsanleihen wuchs im September um rund 0,4 auf etwa 1,3 Prozentpunkte. Seither hat er sich weiter ausgeweitet und lag am 21. Oktober bei rund 1,6 Prozentpunkten.

Für die grossen französischen Finanzhäuser erwarten die Anleihespezialisten von Atlanticomnium, die für GAM Investments Anleihestrategien verwalten, dennoch keine wesentlichen fundamentalen Folgen. Die Institute sind international breit aufgestellt. So erzielt der Versicherer Axa nur 26 Prozent seines Konzernumsatzes in Frankreich. Bei BNP Paribas entfällt gut ein Viertel der Kreditengagements auf den Heimmarkt. Steigen die Risikoaufschläge auf französische Staatsanleihen weiter, könnten allerdings auch die Kurse der Anleihen dieser Häuser stärker schwanken. Kurs- und Kreditrisiko sind hier also zwei verschiedene Dinge.

Die Bonität der Emittenten entscheidet

Trotz des Gegenwinds bleiben die Anleihespezialisten bei ihrer positiven Einschätzung der europäischen Finanzbranche. Banken und Versicherer stünden fundamental sehr solide da, nicht zuletzt, weil ihre Gewinne von der Normalisierung der Zinsen profitiert hätten. Angesichts dieser Kreditqualität halten sie die Risikoaufschläge auf Anleihen der Branche für angemessen hoch.

Davon profitieren auch die grünen Anleihen. Ihr Kreditrisiko hängt nicht vom finanzierten Projekt ab, sondern von der Bonität des Emittenten. Eine grüne Senior-Anleihe einer Bank steht im Konkursfall gleichrangig neben einer konventionellen Senior-Anleihe desselben Instituts. Für Anleger heisst das: Wer grüne Bankanleihen prüft, analysiert in erster Linie die Bank.

Atlanticomnium hatte schon im Ausblick für 2026 argumentiert, dass grüne Anleihen von Finanzinstituten gegenüber jenen nicht-finanzieller Emittenten einen Renditeaufschlag bieten. Das sogenannte Greenium, also der Renditeverzicht gegenüber vergleichbaren konventionellen Anleihen, betrage nur wenige Basispunkte und könne je nach Emittent, Währung und Laufzeit sogar negativ sein.

Fazit

Der Rekord zeigt, dass die europäische Finanzbranche ihre Klimafinanzierung auch in einem schwierigen Zinsumfeld ausbaut. Für Anleger ist das Segment vor allem eine Kreditfrage: Solange Banken und Versicherer fundamental stark bleiben, sind ihre grünen Anleihen es auch. Das grössere Risiko für die Kurse liegt derzeit in Paris und nicht in den Bilanzen.

Alle Artikel anzeigen

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen eine bestmögliche Nutzung zu ermöglichen. Mit der Annahme der Cookies bestätigen Sie, dass Sie ein professioneller Anleger mit Sitz in der Schweiz sind.> Datenschutzerklärung