EZB legt Corona-Notprogramm auf

Die EZB  legt im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise mit einem Notkaufprogramm für Anleihen nach. (Bild: Shutterstock.com/Ungvari Attila)
Die EZB legt im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise mit einem Notkaufprogramm für Anleihen nach. (Bild: Shutterstock.com/Ungvari Attila)

Die Europäische Zentralbank beschliesst im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise weitere Massnahmen zur Stützung der Wirtschaft. Die Notenbank will 750 Milliarden Euro in Staats- und Unternehmenspapiere stecken. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte, dass es für den Einsatz der EZB für den Euro keine Grenzen gebe.

19.03.2020, 12:46 Uhr

Redaktion: rem

Am späten Mittwochabend überraschte die Europäische Zentralbank (EZB) die Märkte mit der Ankündigung eines neuen Notkaufprogramms für Anleihen in Höhe von 750 Mrd. Euro. Erst am Donnerstag vergangener Woche hatte der EZB-Rat in seiner regulären Sitzung beschlossen im Rahmen seiner laufenden Anleihenkaufprogramme zusätzlich 120 Mrd. Euro aufzuwenden, um die Folgen der Coronavirus-Pandemie abzufedern.

Die laufenden Kaufprogramme der Notenbank für Anleihen haben mit gut 2,6 Billionen Euro bereits ein gewaltiges Volumen erreicht. Um für weitere Käufe mehr Spielraum zu haben, ist die EZB bereit, ihre selbst gesetzten Grenzen aufzuweichen. Bislang galt zum Beispiel die Obergrenze, dass die EZB maximal ein Drittel der Staatsanleihen eines Eurolandes kaufen darf.

"Whatever it takes"

EZB-Präsidentin Christine Lagarde schrieb auf Twitter: "Aussergewöhnliche Zeiten erfordern aussergewöhnliches Handeln." Und: "Es gibt für unseren Einsatz für den Euro keine Grenzen." In der EZB-Mitteilung heisst es, die Notenbank sei entschlossen, die finanziellen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass alle Bereiche der Wirtschaft die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie meistern könnten: "Das gilt gleichermassen für Familien, Firmen, Banken und Regierungen."

Paul Diggle, Senior Economist bei Aberdeen Standard Investments, kommentiert das neue Rettungspaket der EZB wie folgt: "Dies ist ein deutliches Echo des 'Whatever it takes‘ von Mario Draghi. In der Tat wird das in diesen Tagen unter den politischen Entscheidungsträgern zu einem gängigen Refrain. Wir würden in den kommenden Wochen und Monaten noch weitreichendere Massnahmen der EZB nicht ausschliessen: Einschliesslich der Zusammenarbeit mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus, um im Wesentlichen geldpolitische Finanzhilfen zu leisten, und sogar die Fixierung der Renditen und Spreads von Staatsanleihen im gesamten Raum."

Die Durchschlagskraft dieses Programms sei in erster Linie eine Reaktion auf die steigenden Renditen der Staatsanleihen in der Eurozone und insbesondere eine Reaktion auf die zunehmenden Spreads der Peripherieländer. Die erste Marktreaktion sei positiv, da sich die Spreaddifferenz zwischen Italien und Deutschland (BTP und Bunds mit 10-jähriger Laufzeit) am Donnerstagmorgen um fast 100 Basispunkte verringert hat. "Wir sind jedoch nach wie vor der Meinung, dass weder die Geld- noch die Fiskalpolitik ein Allheilmittel für diesen enormen realwirtschaftlichen Schock sein kann. Aber auf diese Weise können zumindest einige der Risiken dieses Schocks, der zu einer Finanzkrise mutiert, gemindert und eine mögliche Erholung unterstützt werden“, so Diggle.

Eine Anleihe für die gesamte Eurozone?

Jon Day, Fixed Income Portfoliomanager bei Newton IM - einer Gesellschaft von BNY Mellon Investment Management - und Manager des BNY Mellon Global Equity Fund, meint: "Die EZB ruft eine zweifellos hohe Summe auf und hat so dazu beigetragen, die Anleger zumindest vorübergehend zu beruhigen. Dies ist zwar möglicherweise nicht die letzte geldpolitische Massnahme, die die EZB und die übrigen Zentralbanken ergreifen müssen, aber es ist sicherlich ein positiver Schritt.

Nach den Erfahrungen aus der europäischen Schuldenkrise im Jahr 2011 und dem Finanzcrash von 2008 gebe es nun ähnliche Bedenken im Hinblick auf die Geldpolitik der EZB, wenn es um die Verschuldung und insbesondere um die Liquidität gehe. "Dieses Kaufprogramm könnte der EZB helfen, die europäischen Anleihemärkte zu beruhigen und Vertrauen zu schaffen. Das dürfte sich als entscheidend erweisen, insbesondere mit Blick auf Länder wie Italien, deren Renditen für Staatsanleihen und Kosten für den Schuldendienst unter Aufwärtsdruck geraten sind“, sagt Day.

Die quantitative Lockerung helfe, indem sie einen Teil der Staatsausgaben finanziert. Aber es werden immer noch beträchtliche Neuemissionen von Staatsanleihen erforderlich sein, was die Renditen nach oben drückt, wie man diese Woche bereits gesehen habe. Die erste Reaktion der EZB auf die Krise habe nicht geholfen, nachdem sie nur eine geringe Erhöhung ihres geldpolitischen Programms angekündigt hatte. Und dies habe gemeinsam mit der sehr schlechten Marktliquidität den Abstand aller Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen weiter vergrössert.

"In diesen beispiellosen Zeiten könnte, wie heute erneut diskutiert wurde, eine Anleihe für die gesamte Eurozone, bei der alle Mitglieder als eine Gruppe emittieren, in Frage kommen. Obwohl wir uns dabei fragen, ob Deutschland endlich bereit wäre, seine AAA-Kreditqualität zu teilen“, so Day.

Die Zentralbanken hätten ihr Bestes versucht und die Zinssätze drastisch gesenkt. Aber das Problem sei nicht der Preis des Geldes, sondern seine Verfügbarkeit. Staatliche Ausgaben für Steuersenkungen, Leistungszusagen oder Kreditbürgschaften seien jetzt die einzig richtige Antwort. Denn dadurch werde Geld bereitgestellt, damit Unternehmen und Einzelpersonen weitermachen können.

Notenbanken im Krisenmodus

Die EZB ist seit Jahren im Krisenmodus. Der Leitzins im Euroraum liegt seit nunmehr vier Jahren auf dem Rekortief von null Prozent. Negativzinsen auf Einlagen sollen Banken dazu bewegen, mehr Kredite zu vergeben, statt Geld bei der Notenbank zu parken. Zudem stellt die EZB Langfristkredite bereit, um die Kreditvergabe zu beflügeln.

Weltweit stemmen sich Notenbanken und Regierungen gegen die wirtschaftlichen Folgen der Krise. Die US-Notenbank Federal Reserve senkte ihren Leitzins in zwei Schritten von 1,75 bis 1,5% auf fast null Prozent. Zudem will die Fed die Wirtschaft mit einem 700 Mrd. Dollar schweren Anleihenkaufprogramm ankurbeln und Banken vorübergehend Notfallkredite gewähren, wie sie es bereits nach der grossen Finanzkrise 2008 getan hatte.

Am Donnerstag legte auch die japanische Notenbank nach: Die Bank of Japan (BoJ) bietet Banken weitere 4 Bio. Yen (rund 34 Mrd. Euro) Liquidität an und weitet ihr Anleihenkaufprogramm um 1,3 Bio. Yen aus. Auch die australische Notenbank senkte erneut ihren Leitzins und kündigte Anleihenkäufe an.

Alle Artikel anzeigen