Schiesst J.P. Morgan die 60/40-Strategie auf den Müllhaufen der Geschichte?

Welche Rolle spielt die klassische Portfolio-Allokation heute? Dem geht J.P. Morgen in der Long-Term Capital Market Assumptions 2027 nach (Bild: Adobe Stock)
Welche Rolle spielt die klassische Portfolio-Allokation heute? Dem geht J.P. Morgen in der Long-Term Capital Market Assumptions 2027 nach (Bild: Adobe Stock)

J.P. Morgan wirbt in seinen neuen Langfristprognosen für ein «60/40+»-Portfolio mit 30 Prozent alternativen Anlagen. Wer genau hinschaut, findet allerdings keinen Nachruf auf die klassische Mischung – sondern eine Aufwertung. Und ein Kleingedrucktes, das institutionelle Anleger kennen sollten.

23.10.2026, 08:26 Uhr
Asset Management

Redaktion: asc

Seit dem Crashjahr 2022, als Aktien und Anleihen gleichzeitig zweistellig verloren, wird das 60/40-Portfolio regelmässig totgesagt. Nun scheint ausgerechnet J.P. Morgan Asset Management den Sargnagel zu liefern: Ein Portfolio mit 30 Prozent diversifizierten Alternativen soll 7,5 Prozent pro Jahr abwerfen, bei einer um gut ein Fünftel höheren Sharpe Ratio.

Doch die These vom Müllhaufen der Geschichte hält den eigenen Zahlen des Hauses nicht stand. Die erwartete Rendite des klassischen 60/40-Portfolios steigt in der neuen Ausgabe von 6,4 auf 7,0 Prozent. Begraben wird hier nichts. Verkauft wird ein Upgrade.

Was J.P. Morgan tatsächlich publiziert hat

Schauen wir doch genaure hin: Die Long-Term Capital Market Assumptions 2027 erschienen am 19. Oktober 2026, bereits in der 31. Ausgabe. Sie enthalten Rendite-, Risiko- und Korrelationsannahmen für über 200 Anlageklassen in mehr als 20 Basiswährungen, erarbeitet von über 90 Portfoliomanagern, Ökonomen und Analysten. Der Horizont beträgt zehn bis 15 Jahre. «2027» bezeichnet also die Ausgabe, nicht eine Prognose für das Börsenjahr 2027.

Das Haus verknüpft drei Kräfte: wirtschaftlichen Nationalismus, die beschleunigte Verbreitung neuer Technologien und eine Neuverdrahtung der globalen Kapitalströme. Das reale Wachstum der US-Wirtschaft wird neu mit 2,1 Prozent pro Jahr angesetzt. Den Produktivitätsschub durch KI erwartet J.P. Morgan graduell, am stärksten «in den 2030er-Jahren und darüber hinaus».

«Die Weltwirtschaft tritt in einen kräftigen Investitionszyklus ein, getragen von der Verbreitung von KI und steigender Produktivität», lässt sich David Kelly, Chief Global Strategist von J.P. Morgan Asset Management, zitieren. Grace Peters, Global Co-Head of Investment Strategy der J.P. Morgan Private Bank, setzt den Akzent anders: «Rendite zählt, aber sie ist nicht mehr die ganze Geschichte.»

Alle Zahlen beziehen sich auf US-Dollar und sind Modellannahmen. J.P. Morgan hält ausdrücklich fest, dass sie keine Anlageempfehlung darstellen.

60/40 lebt – und rentiert besser als vor einem Jahr

Das Referenzportfolio von J.P. Morgan besteht aus 60 Prozent globalen Aktien (MSCI ACWI) und 40 Prozent US-Anleihen (US Aggregate). Für diese Mischung steigt die erwartete Rendite um 0,6 Prozentpunkte auf 7,0 Prozent pro Jahr. Beide Bausteine tragen dazu bei.

Auf der Anleihenseite liegt die Prognose für globale Aggregate-Anleihen bei 5,3 Prozent, laut J.P. Morgan dem höchsten Wert seit rund zwei Jahrzehnten. Mittelfristige US-Staatsanleihen kommen auf 4,6 Prozent, US-Investment-Grade-Unternehmensanleihen auf 6,1 Prozent. Die 40 Prozent im klassischen Portfolio sind damit wieder ein echter Ertragsbaustein und nicht blosser Ballast.

Auf der Aktienseite hebt J.P. Morgan die Erwartung für US-Large-Caps um 0,8 Prozentpunkte auf 7,5 Prozent an, für globale Aktien von 7,0 auf 7,5 Prozent. Schwellenländeraktien fallen mit 7,1 Prozent neu hinter die entwickelten Märkte zurück.

Das eigentliche Argument gegen ein reines 60/40 ist deshalb nicht die Rendite, sondern die Korrelation. Die Beziehung zwischen Aktien und Anleihen werde «positiver und instabiler», schreibt J.P. Morgan. Genau das war 2022 das Problem: Anleihen fingen die Aktienverluste nicht auf. Das Haus folgert daraus, dass 60/40 nicht mehr genügend diversifiziert. Von «tot» ist nirgends die Rede.

Wie breit die Aufwertung ausfällt, zeigt der Blick auf die einzelnen Anlageklassen. Bei allen abgebildeten Anlageklassen mit publiziertem Vorjahreswert liegen die neuen Prognosen höher, einzig Gold verharrt bei 5,5 Prozent. Das 60/40-Portfolio und die «60/40+»-Variante trennt im Modell noch ein halber Prozentpunkt. (Quelle: J.P. Morgan)
Wie breit die Aufwertung ausfällt, zeigt der Blick auf die einzelnen Anlageklassen. Bei allen abgebildeten Anlageklassen mit publiziertem Vorjahreswert liegen die neuen Prognosen höher, einzig Gold verharrt bei 5,5 Prozent. Das 60/40-Portfolio und die «60/40+»-Variante trennt im Modell noch ein halber Prozentpunkt. (Quelle: J.P. Morgan)

Private Equity bleibt mit 9,8 Prozent die renditestärkste Anlageklasse im Modell, Hedgefonds legen mit plus 1,4 Prozentpunkten am stärksten zu.

«60/40+»: Was im Kleingedruckten steht

Die Schlagzeile lautet: Mit 30 Prozent diversifizierten Alternativen steigt die erwartete Rendite auf bis zu 7,5 Prozent, die Sharpe Ratio verbessert sich um 21 Prozent. Auf der Studienseite wird es differenzierter. «Renditesteigerer» wie Private Equity, Venture Capital und Direct Lending heben die Rendite um 0,8 Prozentpunkte, die Sharpe Ratio aber nur um 11 Prozent. «Diversifikatoren» wie Hedgefonds, Gold und Infrastruktur verbessern die Sharpe Ratio um 22 Prozent, lassen die Rendite aber in etwa unverändert.

Anleger müssen sich also entscheiden: mehr Rendite oder ein besseres Rendite-Risiko-Verhältnis. Beides in voller Höhe gibt es auch im Modell nicht.

Drei Einschränkungen sind für die Einordnung zentral:

  • Kosten: Die Modellresultate berücksichtigen gemäss J.P. Morgan keine Gebühren, Transaktionskosten, Liquiditätsbeschränkungen und Steuern. Gerade bei Private Equity und Hedgefonds fressen Gebühren einen erheblichen Teil der Bruttorendite.
  • Managerauswahl: Die 6,7 Prozent für diversifizierte Hedgefonds beziehen sich auf den Median-Manager. J.P. Morgan betont selbst, die Managerauswahl sei «entscheidend».
  • Geglättete Risiken: Privatmarktanlagen werden periodisch und modellbasiert bewertet. Ihre ausgewiesene Volatilität ist dadurch tiefer als das wirtschaftliche Risiko, was Sharpe Ratios tendenziell schönt.

Hinzu kommt ein Interessenkonflikt, der die Zahlen nicht widerlegt, aber eine unabhängige Prüfung nötig macht: J.P. Morgan ist selbst einer der grössten Anbieter von Private Equity, Immobilien, Infrastruktur und Hedgefonds-Lösungen. Die korrekte Lesart lautet daher nicht «Institutionelle sollten 30 Prozent Alternativen halten», sondern: Unter den Annahmen von J.P. Morgan kann ein bestimmter Alternativen-Mix das modellierte Rendite-Risiko-Verhältnis verbessern.

Der Streitpunkt: US-Aktien und die Margen

Die zentrale überprüfbare These der Studie betrifft die USA. «Gewinnmargen von über 15 Prozent» treiben die Prognose für US-Large-Caps auf 7,5 Prozent, schreibt J.P. Morgan. Gleichzeitig räumt das Haus ein, dass die Bewertungen «wenig Puffer» bieten und Portfolios zunehmend auf das Technologiethema konzentriert sind. Die Frage lautet also: Können US-Unternehmen ihre Rekordmargen über ein Jahrzehnt halten, und wie viel des KI-Nutzens fällt den heutigen Aktionären zu?

Der Vergleich mit anderen grossen Häusern zeigt: Höhere Anleihenrenditen sind Konsens. Wie viel Aktien zusätzlich bringen, ist dagegen umstritten.

Haus Stand / Horizont Kernaussage
J.P. Morgan Oktober 2026 / 10–15 Jahre US-Large-Caps 7,5 Prozent, 60/40 in USD 7,0 Prozent; starker KI- und Margenoptimismus
Vanguard Modelllauf 30.9.2026 / 10 Jahre US-Aktien 4,8 bis 6,8 Prozent, US-Aggregate-Anleihen 5,1 bis 6,1 Prozent
BlackRock August 2026 / 10 Jahre Übergewicht Aktien entwickelter Märkte und Schwellenländer, Untergewicht High Yield; Szenarien statt Punktprognose
AQR Januar 2026, Daten Ende 2025 / 5–10 Jahre Globales 60/40 real 3,4 Prozent; Risikoprämien bleiben komprimiert

Vanguard: deutlich vorsichtiger

Der schärfste Kontrast kommt aus Pennsylvania. Vanguard erwartet für den breiten US-Aktienmarkt 4,8 bis 6,8 Prozent pro Jahr, also selbst am oberen Ende weniger als J.P. Morgan. Auch Vanguard hat seine Prognose zuletzt angehoben, wegen etwas tieferer Bewertungen sowie stärkerer Gewinne und Margen. Bemerkenswert: Hochwertige US-Anleihen liegen mit 5,1 bis 6,1 Prozent in derselben Grössenordnung wie Aktien. Daraus lässt sich eher ein Argument für den 40-Prozent-Teil des klassischen Portfolios ableiten als gegen ihn.

BlackRock: ähnliche These, andere Portfoliologik

BlackRock teilt den KI-Optimismus und rechnet mit drei Szenarien: einem Basisfall, einem KI-Produktivitätsboom und einem Anstieg der globalen Risikoprämien durch geopolitische Fragmentierung. Bei Privatmarktanlagen setzt BlackRock einen Akzent, der in der 30-Prozent-Debatte fehlt: Die Grösse der Allokation hängt vom Liquiditätsrisiko ab, das sich aus dem Cashflow-Bedarf des Anlegers ergibt.

AQR: der skeptische Gegenpol

AQR beziffert die erwartete reale Rendite eines globalen 60/40-Portfolios auf 3,4 Prozent. Die Zahl ist inflationsbereinigt und darf nicht direkt neben die 7,0 Prozent von J.P. Morgan gestellt werden. Selbst mit einer Inflation von 2 bis 2,5 Prozent landet man aber grob bei 5,5 bis 6 Prozent nominal (Rechnung der Redaktion), und das bei anderem Horizont und Stichtag. Die Botschaft von AQR: Risikoprämien bleiben knapp, ein 60/40 liegt real weiterhin klar unter dem langfristigen historischen Schnitt.

Was Schweizer Anleger daraus machen sollten

Für eine Anlagekommission in Zürich oder Bern ist die 7-Prozent-Schlagzeile kaum direkt verwendbar. Sie gilt für ein USD-Portfolio mit US-Anleihen. Wer die Studie nutzen will, sollte vier Schritte gehen:

  1. In Franken übersetzen: J.P. Morgan publiziert Matrizen nach Basiswährung. Massgeblich sind die CHF-Werte, mit klar definierter Währungsabsicherung.
  2. Annahmen tauschen, Gewichte halten: Dieselbe strategische Allokation mit den Annahmen von J.P. Morgan, Vanguard und AQR durchrechnen. So zeigt sich, wie stark das Ergebnis vom US-Margen-Szenario abhängt.
  3. Alternativen nach Funktion prüfen: Wachstum, laufender Ertrag, Inflationsschutz oder echte Diversifikation? «Alternativen» als Sammelquote ist keine Begründung. Bei kleineren Kassen stellt sich zudem die Frage, ob die Verbesserung nach Kosten den Governance- und Liquiditätsaufwand rechtfertigt.
  4. Gegen die Verpflichtungen testen: Welche Rendite braucht die Kasse, wie entwickelt sich der Deckungsgrad im Stressfall, und reicht die Liquidität für Renten, Rebalancing und Kapitalabrufe?

Vom Modell zur Entscheidung ist es ein weiter Weg. Die Studie liefert einen konsistenten Referenzrahmen aus Renditen, Risiken und Korrelationen. Die Antwort auf die Frage nach der richtigen Allokation liefert sie nicht.

Fazit: Kein Nachruf, sondern ein Verkaufsargument

J.P. Morgan schiesst die 60/40-Strategie nicht auf den Müllhaufen der Geschichte. Nach den eigenen Zahlen des Hauses ist sie heute sogar attraktiver als vor einem Jahr. Was J.P. Morgan in Frage stellt, ist ihre Diversifikationswirkung in einer Welt, in der Aktien und Anleihen häufiger gemeinsam fallen.

Die Antwort darauf, 30 Prozent Alternativen, ist eine Modellrechnung vor Kosten aus dem Haus eines grossen Alternatives-Anbieters. Sie verdient eine ernsthafte Prüfung, aber keine unbesehene Übernahme. Das 60/40-Portfolio bleibt, was es immer war: kein Heilsversprechen, aber ein robuster, günstiger und liquider Referenzpunkt, an dem sich jede komplexere Allokation erst einmal messen lassen muss.

Quellen: J.P. Morgan AM, Medienmitteilung LTCMA 2027, J.P. Morgan AM, LTCMA-Studie, Vanguard, BlackRock, AQR

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