12.03.2026, 09:25 Uhr
Das Immobilienunternehmen Epic Suisse hat auch im Geschäftsjahr 2025 von hohen Neubewertungen profitiert. Die Aktionäre können sich über eine erneute Dividendenerhöhung freuen.
529 FinTech-Unternehmen zählen die Schweiz und Liechtenstein per Ende 2025 – vier Prozent mehr als im Vorjahr. Doch das eigentlich Bemerkenswerte liegt nicht im Wachstum, sondern im Wandel: Künstliche Intelligenz hat die Blockchain als wichtigste Technologie abgelöst. Dies das zentrale Ergebnis der IFZ FinTech Study der Hochschule Luzern, die zum fünften Mal erscheint.
Es ist noch nicht lange her, da durfte das Wort «Blockchain» in keinem Gespräch über die Zukunft des Finanzwesens fehlen. Startups schossen aus dem Boden, Risikokapital floss reichlich, und der Kanton Zug trug stolz den Titel «Crypto Valley». Diese Ära ist nicht vorbei – aber sie ist nicht mehr die einzige Geschichte, die der Schweizer FinTech-Sektor erzählt.
Die neue IFZ FinTech Study 2026 der Hochschule Luzern, die heute erscheint, zeichnet ein differenzierteres Bild: einen Sektor, der erwachsen geworden ist, der konsolidiert, spezialisiert – und sich technologisch neu ausrichtet. Künstliche Intelligenz steht dabei im Zentrum dieser Neuausrichtung.
Die nackten Zahlen sind zunächst unspektakulär: 529 FinTech-Unternehmen wurden per Ende 2025 in der Schweiz und Liechtenstein gezählt, vier Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 2015 hat sich die Zahl mehr als verdreifacht – ein beachtlicher Aufstieg über ein Jahrzehnt.
Und doch: Die Wachstumsraten der Boomjahre sind Geschichte. Der Markt hat eine neue Phase erreicht, in der Neugründungen, Liquidationen, Fusionen und strategische Neuausrichtungen sich weitgehend die Waage halten. Was früher ein stürmisches Aufwärtsstreben war, ist heute ein geordnetes Gleichgewicht.
Das ist kein Scheitern – es ist Reife. Branchen, die boomen, konsolidieren irgendwann. Was bleibt, ist stabiler, fokussierter und oft leistungsfähiger als das, was in der Hochphase entstand. Der Schweizer FinTech-Sektor scheint genau diesen Übergang zu vollziehen.
Geografisch hat sich wenig verändert: Zürich bleibt der unbestrittene Mittelpunkt der Szene, gefolgt vom Kanton Zug. Beide Standorte profitieren von einem dichten Netzwerk aus Finanzinstituten, Technologieunternehmen, akademischen Institutionen und einem günstigen regulatorischen Umfeld.
Tiefgreifender als das quantitative Wachstum ist die qualitative Verschiebung im technologischen Fundament des Sektors. Lange Zeit dominierte die Distributed-Ledger-Technologie – also Blockchain und verwandte Ansätze – die FinTech-Landschaft. Sie war das Symbol der Branche, das Versprechen einer dezentralisierten Finanzwelt.
Dieses Versprechen ist nicht eingelöst worden – zumindest nicht in dem Mass, das viele erwartet hatten. Die Technologie bleibt relevant, insbesondere im Bereich der Finanzinfrastruktur. Doch an der Spitze steht sie nicht mehr.
Dort haben sich Datenanalyse, Big Data und künstliche Intelligenz etabliert – erstmals als grösste Technologieklasse im gesamten Schweizer FinTech-Sektor. Der Wechsel an der Spitze ist symbolisch: weg von der visionären Disruption, hin zur pragmatischen Optimierung.
«Der Bedeutungsgewinn der Künstlichen Intelligenz ist dabei nicht nur auf neue Unternehmensgründungen zurückzuführen», schreibt Studienautor Prof. Dr. Thomas Ankenbrand vom Institut für Finanzdienstleistungen Zug der Hochschule Luzern in der Untersuchung. «Auch bestehende FinTech-Unternehmen haben ihre technologischen Schwerpunkte in Richtung daten- und KI-basierter Anwendungen entwickelt.»
Das ist eine wichtige Nuancierung. KI ist nicht einfach das neue Schlagwort, unter dem eine neue Generation von Startups antritt. Es ist auch eine strategische Neuausrichtung bestehender Unternehmen – eine Repositionierung, die auf echte Nachfrage reagiert. Automatisierte Entscheidungsprozesse, datengetriebene Risikomodelle, generative KI im Kundenkontakt: Die Anwendungsfelder sind vielfältig und konkret.
Parallel zur technologischen Verschiebung verändert sich auch die Struktur der Geschäftsmodelle. Auf Produktebene ist Banking-Infrastruktur erstmals zum grössten Segment aufgestiegen – noch vor dem lange dominierenden Investment Management.
Was bedeutet das? FinTech-Unternehmen werden zunehmend zu Technologielieferanten für traditionelle Finanzinstitute. Sie bauen die Schienen, auf denen andere fahren. Statt Banken zu ersetzen, rüsten sie diese auf.
Dieser Befund passt zur übergeordneten These der Studienautoren: Die technologische Transformation des Schweizer Finanzsektors verläuft evolutionär, nicht disruptiv. Neue Technologien werden schrittweise integriert, bestehende Strukturen werden verbessert – nicht gesprengt. Die grossen Umwälzungen, die manche vorhergesagt hatten, sind ausgeblieben. Stattdessen: kontinuierliche, stille Innovation.
Die Effizienzkennzahlen der Schweizer Banken stützen diese Einschätzung. Geschäftsvolumen – gemessen an Bilanzsumme und verwalteten Vermögen – wuchs in den vergangenen Jahren stärker als die Kosten. Ob und in welchem Ausmass FinTech-Innovationen dazu beigetragen haben, lässt sich nicht eindeutig beziffern. Doch der Trend deutet darauf hin, dass die enge Zusammenarbeit zwischen Finanzinstituten und Technologieanbietern Früchte trägt.
Auch das Ertragsmodell hat sich konsolidiert. Software-as-a-Service – also die Bereitstellung von Software über das Internet gegen wiederkehrende Gebühren – hat sich als häufigster Ansatz im Sektor etabliert. Das Modell ist skalierbar, planbar und für institutionelle Kunden attraktiv.
Denn institutionelle Kunden sind es, die den Sektor dominieren. Die Mehrheit der Schweizer und Liechtensteiner FinTech-Unternehmen adressiert primär Geschäftskunden und ist grenzüberschreitend tätig. B2B und global – das ist das Standardprofil der Branche.
Endkundenfokussierte Modelle existieren, machen aber einen kleineren Teil des Ökosystems aus. Und sie sind stärker auf den heimischen Markt ausgerichtet – verständlich, denn der direkte Zugang zu Schweizer Privatkunden erfordert lokale Präsenz und Vertrauen.
Im internationalen Vergleich behauptet die Schweiz ihre Spitzenposition. Im IFZ FinTech Hub Ranking landen Zürich und Genf gemeinsam direkt hinter dem globalen Spitzenreiter Singapur. Das ist eine bemerkenswerte Leistung für ein Land dieser Grösse – und ein Beleg dafür, dass die Standortfaktoren stimmen: Rechtsstaatlichkeit, Finanzplatz-Kompetenz, Innovationskultur, internationale Vernetzung.
Doch ein Warnsignal trübt das Bild: Die Venture-Capital-Aktivität ist gegenüber früheren Spitzenjahren rückläufig. Risikokapital fliesst zögerlicher, Finanzierungsrunden werden seltener. Das ist zwar ein globaler Trend – nach dem VC-Boom der Pandemiejahre hat sich die Branche weltweit abgekühlt. Doch für einen Finanzplatz von der Bedeutung der Schweiz ist die Entwicklung auffällig.
Die Gründe bleiben unklar. Die Studienautoren der Hochschule Luzern räumen ein, dass die zugrunde liegenden Ursachen bislang nicht eindeutig erklärbar sind – und sehen darin ein Feld für zukünftige Forschung. Eine offene Frage in einem ansonsten stabilen Bild.
Der Schweizer FinTech-Sektor hat sich verändert – nicht mit Paukenschlag, sondern mit Beharrlichkeit. KI hat Blockchain an der technologischen Spitze abgelöst. Infrastruktur hat Investment Management als grösstes Produktsegment überholt. SaaS hat sich als Leitmodell etabliert. Und die Branche insgesamt ist reifer, konzentrierter und institutioneller geworden. Was bleibt, ist ein Sektor, der seinen Platz in der Finanzwelt gefunden hat: nicht als deren Totengräber, sondern als deren Modernisierer.