Carry-Trader wechseln vom Yen zum Franken: Was heisst das für die Schweiz?

Der Schweizer Franken wird vermehrt für Carry-Trades benutzt: Tendenziell wird der Franken damit eher geschwächt (Bild: Adobe Stock)
Der Schweizer Franken wird vermehrt für Carry-Trades benutzt: Tendenziell wird der Franken damit eher geschwächt (Bild: Adobe Stock)

Institutionelle Devisenhändler bauen laut Bloomberg ihre Short-Position im Schweizer Franken aus und nutzen die Währung zunehmend als Finanzierungsquelle für globale Carry-Trades. Der Trend wirft die Frage auf, was die neue Rolle des Frankens als «Fluchtwährung für Kreditgeber» für dessen Kurs und für Schweizer Anleger bedeutet.

19.08.2026, 07:48 Uhr

Hedgefonds haben ihre Netto-Short-Position im Franken in der Woche bis zum 11. August auf ein Zweimonatshoch ausgebaut, wie aktuelle Daten der Commodity Futures Trading Commission zeigen. Gleichzeitig reduzierten sie ihre Short-Positionen im japanischen Yen bereits die zweite Woche in Folge. Darüber berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. «Der Markt hat zuletzt Short-Engagements im Franken aufgebaut, um damit Devisen-Carry-Trades zu finanzieren», sagte Tobias Jungmann, Head of Americas Foreign-Exchange Options bei Bank of America in New York gegenüber der Agentru.

Yen verliert an Attraktivität als Finanzierungswährung

Der Franken profitiert dabei von zwei Faktoren: Schweizer Zinsen liegen nahe null, und die Schweizerische Nationalbank gilt als bereit, eine übermässige Aufwertung der Währung zu begrenzen. Der Yen hingegen wird für Carry-Trader riskanter. Nach der japanisch-amerikanischen Interventionen Ende Juli, die den Yen stützen sollten, ist dessen Volatilität gestiegen. Zudem gilt Japans Regierung als offen für eine baldige Leitzinserhöhung durch die Bank of Japan.

Eine Strategie, die sich im Franken finanziert und in den mexikanischen Peso investiert, hat in den vergangenen vier Wochen fast 4 Prozent Ertrag gebracht – eine vergleichbare, yen-finanzierte Position kam laut von Bloomberg zusammengestellten Daten lediglich auf 1,3 Prozent.

Nicht alle Marktteilnehmer sehen den Franken jedoch als klaren Nutzniesser. Stephen Jefferies, Head of Currencies and Emerging Markets bei JPMorgan Chase in London, verweist auf die Nachwirkungen der Yen-Interventionen von 2024, die viele Investoren vorsichtiger gemacht hätten – gleichzeitig sei die Nachfrage nach Alternativen wie Franken, Euro und selbst dem Taiwan-Dollar gestiegen. Markus Schmidt, Head of Linear FX and Local-Market Rates Trading Europe bei Crédit Agricole CIB in London, hält dagegen: «Der Yen bleibt die dominierende Finanzierungswährung der Welt» – die Zinsdifferenz zu anderen Volkswirtschaften bleibe breit genug, um Carry-Trader auf Dauer zurückzuholen. Steve Brice, Global Chief Investment Officer für Group Wealth Management bei Standard Chartered in Singapur, sieht die Lage gemäss Bloomberg anders: «Der Franken-Carry-Trade ist derzeit populärer.»

Was bedeutet das für den Franken?

Eine steigende Zahl an Short-Positionen bedeutet zunächst tendenziell Abwertungsdruck auf den Franken – Investoren, die die Währung leihen, verkaufen sie am Kassamarkt, um in höher verzinsliche Anlagen zu investieren. Für die SNB, die in den vergangenen Jahren wiederholt gegen eine allzu starke Franken-Aufwertung intervenierte, wäre eine moderate Abschwächung durch Carry-Flows grundsätzlich willkommen.

Gleichzeitig bleibt der Franken strukturell ein Zufluchtsort in Stressphasen: Sollte es zu geopolitischen Schocks, einer erneuten Yen-Intervention oder einer allgemeinen Risikoaversion kommen, drohen Carry-Trades abrupt aufgelöst zu werden («Unwind») – mit dem Effekt, dass der Franken dann rasch aufwertet, weil Investoren ihre Short-Positionen eindecken müssen. Diese Dynamik hat sich beim Yen im Sommer 2024 exemplarisch gezeigt.

Was bedeutet das für Schweizer Anleger?

Für Schweizer Pensionskassen, Versicherer und Privatanleger hat die Entwicklung mehrere Dimensionen:

  • Tiefere Zinsen bleiben verankert. Solange der Franken als globale Finanzierungswährung gefragt ist, dürfte der Abwärtsdruck auf Schweizer Zinsen anhalten – ein Umstand, der die Suche institutioneller Investoren nach Rendite ausserhalb des heimischen Frankenraums weiter befeuert. Das freut nicht nur Hypothekarnehmer, sondern auch die hiesige Exportwirtschaft.
  • Wechselkursrisiko für Fremdwährungsanlagen. Wer in US-Dollar, Emerging-Market-Währungen oder andere Carry-Ziele investiert ist, sollte sich der erhöhten Volatilität bewusst sein, die mit Auf- und Abbau von Carry-Positionen im Franken einhergeht – insbesondere das Risiko eines abrupten Franken-Erstarkens bei einem Unwind.
  • Attraktivität von Frankenanlagen für ausländische Schuldner. Die tiefen Finanzierungskosten, die den Carry-Trade befeuern, sind derselbe Mechanismus, der ausländische Emittenten – allen voran US-Hyperscaler – an den Schweizer Anleihenmarkt lockt. Für Schweizer Obligationäranleger bedeutet das ein wachsendes Angebot an Fremdwährungs-Schuldnern im heimischen Markt, was Diversifikationschancen, aber auch neue Konzentrations- und Bonitätsfragen mit sich bringt.

Tatsächlich trifft der Carry-Trade-Trend trifft auf eine Entwicklung, die den Schweizer Franken bereits seit Anfang 2026 strukturell verändert: US-Hyperscaler wie Alphabet und Amazon haben den Schweizer Anleihenmarkt für sich entdeckt, um ihre milliardenschweren KI-Investitionen zu finanzieren. Den Auftakt machte im Februar die Google-Mutter Alphabet mit einer Franken-Tranche von rund CHF 3,055 Milliarden über fünf Laufzeiten zwischen drei und 25 Jahren – die grösste je in Franken begebene Unternehmensanleihe. Amazon folgte im Mai mit seinem Franken-Debüt über CHF 2,82 Milliarden, verteilt auf sechs Tranchen. Zusammen stehen von den beiden Konzernen damit rund CHF 6,26 Milliarden am Schweizer Markt aus.

Der Effekt auf den Markt ist bereits messbar: Amazon und Alphabet machen laut Daten von S&P inzwischen zusammen 7,7 Prozent des gesamten Schweizer Investment-Grade-Credit-Index aus – Anfang Jahr lag ihr Anteil noch bei null. Getrieben wird die Emissionswelle von den Investitionsplänen der grossen Cloud-Konzerne: Amazon, Alphabet, Microsoft, Meta und Oracle haben für 2026 zusammen Kapitalausgaben von rund USD 725 Milliarden angekündigt, gegenüber rund USD 410 Milliarden im Vorjahr. Bank of America hat ihre Prognose für Hyperscaler-Anleihenemissionen 2026 um 25 Prozent auf USD 175 Milliarden angehoben, Morgan Stanley rechnet sogar mit bis zu USD 400 Milliarden.

Für den Frankenmarkt bedeutet dies zweierlei: Einerseits ein deutliches Wachstum und eine grössere internationale Reputation des Frankenkapitalmarkts, andererseits eine wachsende Konzentration auf wenige, hochkapitalisierte ausländische Schuldner mit vergleichsweise tiefen Renditen. Wie ein Marktbeobachter kürzlich anmerkte, brachten Amazon-Frankenanleihen mit Laufzeit bis 2032 eine Rendite von lediglich 1,15 Prozent – «Wunder-Renditen» sollten Schweizer Anleger von diesen Bonitätsschwergewichten also nicht erwarten. Zugleich mehren sich Stimmen, die vor einer zunehmenden Skepsis der Investoren gegenüber der Schuldenfinanzierung des KI-Wettrüstens warnen, sollten sich die milliardenschweren Investitionen nicht in entsprechenden Cashflows niederschlagen.

Für den Franken insgesamt ergibt sich damit ein Doppelbild: Die Währung wird gleichzeitig günstiger für Carry-Trader, die auf ihrer Short-Seite spekulieren, und attraktiver für ausländische Emittenten, die auf der Fremdkapitalseite von den tiefen Zinsen profitieren wollen. Beide Trends verstärken tendenziell denselben Effekt – zusätzliches Frankenangebot am Markt –, entspringen aber unterschiedlichen Motiven und Zeithorizonten.

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