Bellevue: Medtech ist an der Börse unterschätzt

Marcel Fritsch, ist Head Healthcare Funds & Mandates bei Bellevue Asset Management (Bild: Bellevue)
Marcel Fritsch, ist Head Healthcare Funds & Mandates bei Bellevue Asset Management (Bild: Bellevue)

Medtech-Aktien handeln mit einem Abschlag zum S&P 500 – historisch lag der Sektor deutlich darüber. Für Marcel Fritsch von Bellevue Asset Management passt das nicht zu den operativen Aussichten der Branche. Erste Anzeichen einer Rotation seien bereits sichtbar.

20.10.2026, 09:02 Uhr
Asset Management

Redaktion: asc

Medizintechnik gehörte im ersten Halbjahr 2026 zu den schwächeren Segmenten an den Aktienmärkten. Für Marcel Fritsch, Head Healthcare Funds & Mandates bei Bellevue Asset Management, liegt das weniger an den Unternehmen als an den Anlegern. Die KI-Euphorie habe viel Kapital angezogen, auch auf Kosten defensiver Wachstumssegmente wie der Medizintechnik, schreibt er in einem aktuellen Sektor-Update.

Die Folge sind gesunkene Bewertungen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der erwarteten Gewinne der nächsten zwölf Monate liegt laut Bellevue bei rund 18. Damit wird Medtech inzwischen mit einem Abschlag von rund 5 Prozent gegenüber dem S&P 500 gehandelt. Historisch lag der Sektor mit einem Aufschlag von 15 bis 20 Prozent über dem Gesamtmarkt.

Erste Anzeichen einer Rotation

Seit Anfang Juli sieht Fritsch erste Anzeichen einer Erholung. Investoren realisierten Gewinne bei Technologiewerten und entdeckten andere Segmente wieder. Im dritten Quartal 2026 legte Medtech um 2,3 Prozent zu, der Nasdaq 100 nur um 0,6 Prozent. Für eine nachhaltige Trendwende müssten die Unternehmen ihre Wachstumsperspektiven allerdings weiter mit Ergebnissen bestätigen.

Operativ sieht Bellevue dafür eine solide Basis. Für die Unternehmen im Portfolio des Bellevue Medtech & Services erwartet das Haus bis 2030 ein durchschnittliches Umsatzwachstum von rund 8 Prozent pro Jahr. Der Gewinn je Aktie dürfte jährlich um rund 13 Prozent zulegen. Mehr als 97 Prozent des Portfolios entfallen auf Large Caps. Entscheidend seien Innovationskraft, eine starke Marktposition und ein Management, das angekündigte Ziele auch umsetzt.

Neue Anwendungen durch Robotik und KI

Wachstum erwartet Fritsch nicht nur in etablierten Märkten. Er nennt drei Felder, in denen derzeit neue Anwendungen entstehen:

  • Bluthochdruck: Die renale Denervation unterbricht überaktive Nervenfasern an den Nierenarterien und soll so den Blutdruck senken. Für den Markt entscheidend ist eine breitere Kostenerstattung.
  • Sensorik: Kontinuierliche Sensoren könnten künftig neben Glukose auch Kalium messen und damit Patienten mit Nieren- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen helfen.
  • Bildgebung und Robotik: Neue Tracer und bessere Bildgebung vereinfachen Diagnostik und Arbeitsabläufe. Mehr Wettbewerb bei Operationsrobotern sorgt zusätzlich für Wachstumsimpulse.

Babyboomer werden 80

Ein zentraler Treiber bleibt die Kostenerstattung. Veränderungen im US-Versicherungssystem und die Sorge vor Konkurrenz aus China hatten den Sektor zuletzt belastet. Die jüngsten Quartalszahlen von Medtech-Unternehmen, Spitalgruppen und US-Krankenversicherern hätten die Befürchtungen rund um die US-Versorgungslandschaft aber relativiert, so Fritsch. Die Finanzierung medizinischer Leistungen und die Investitionsbudgets der Spitäler blieben dennoch wichtige Einflussfaktoren.

Dazu kommt die Demografie. 2026 erreichen die ersten Babyboomer das Alter von 80 Jahren, eine Lebensphase, in der die Gesundheitsausgaben deutlich steigen. Das dürfte die Fallzahlen in den kommenden Jahren zusätzlich erhöhen.

Die Konkurrenz aus China sieht Bellevue differenziert. Der Erfolg chinesischer Anbieter etwa in der Autoindustrie lasse sich nicht ohne Weiteres auf die Medizintechnik übertragen. Hohe regulatorische Hürden erschwerten den Zugang zu wichtigen internationalen Absatzmärkten, und im Heimatmarkt setze staatlicher Preisdruck die Anbieter unter Druck.

Übernahmen als zusätzlicher Impuls

Die tieferen Bewertungen nutzen strategische Käufer, um gezielt Technologien zuzukaufen. Boston Scientific kündigte im Januar die Übernahme von Penumbra für rund 14,5 Milliarden US-Dollar an, Danaher im Februar jene von Masimo für rund 9,9 Milliarden US-Dollar. Abbott schloss im März den Kauf des Krebsdiagnostik-Spezialisten Exact Sciences ab. Übernahmefantasie allein reicht Fritsch als Investmentthese aber nicht. Ausschlaggebend bleibe die Qualität des Geschäfts.

Wichtigster Anlagemarkt für Bellevue bleiben die USA. Chancen sieht das Haus sowohl bei Grossunternehmen als auch selektiv bei kleineren Spezialisten.

Alle Artikel anzeigen

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen eine bestmögliche Nutzung zu ermöglichen. Mit der Annahme der Cookies bestätigen Sie, dass Sie ein professioneller Anleger mit Sitz in der Schweiz sind.> Datenschutzerklärung