28.10.2026, 07:57 Uhr
Die UBS hat im dritten Quartal 2026 die Erträge und den Gewinn gesteigert. Zudem befindet sich die Grossbank in den letzten Zügen, die Integration der Credit Suisse abzuschliessen, und kann auf den letzten Metern...
Europas Grossbanken halten im dritten Quartal mit der Wall Street mit. Der Motor ist aber nicht der Anleihenhandel, wie es das Umfeld hoher Renditen vermuten liesse, sondern das Aktiengeschäft, die Vermögensverwaltung und das klassische Zinsgeschäft. Das gilt auch für die UBS.
Mit UBS, BNP Paribas, Deutsche Bank, Santander und Standard Chartered haben die grossen europäischen Banken ihre Zahlen zum dritten Quartal vorgelegt. Die US-Konkurrenz hatte bereits Mitte Oktober berichtet. Damit lässt sich ein erster Vergleich ziehen – und eine verbreitete These überprüfen: Haben die gestiegenen Zinsen und die hohen Anleiherenditen den Banken über das Fixed-Income-Geschäft zu höheren Gewinnen verholfen?
Die kurze Antwort lautet: nur zum Teil. Man muss zwei Dinge auseinanderhalten, die gern in einen Topf geworfen werden. Das eine ist der Nettozinsertrag – also das, was eine Bank mit Krediten und Einlagen verdient. Das andere ist der Handel mit Anleihen, Zinsprodukten, Devisen und Rohstoffen, im Branchenjargon FICC genannt. Im dritten Quartal liefen die beiden Bereiche in entgegengesetzte Richtungen.
Die UBS steigerte den Reingewinn um 8 Prozent auf 2,69 Milliarden US-Dollar, bei Erträgen von 13,35 Milliarden US-Dollar (plus 5 Prozent). BNP Paribas erzielte einen Reingewinn von 3,46 Milliarden Euro (plus 14 Prozent) und übertraf den Konsens von 3,23 Milliarden Euro deutlich. Die Deutsche Bank meldete mit 1,9 Milliarden Euro nach Steuern ihr drittes Rekordquartal in Folge. Santander kam bereinigt auf 3,85 Milliarden Euro (plus 19 Prozent), ausgewiesen auf 3,43 Milliarden Euro (minus 2 Prozent) – das Wachstum stammt allerdings zu einem guten Teil aus Übernahmen in Grossbritannien und den USA. Standard Chartered steigerte den Vorsteuergewinn um 27 Prozent auf 2,3 Milliarden US-Dollar und hob die Prognose an.
Ein sauberes Ranking erlauben diese Zahlen nicht: Die Banken weisen teils den Aktionären zurechenbaren Gewinn, teils den Nachsteuer- oder Vorsteuergewinn aus, teils bereinigte Werte. Die Richtung ist aber eindeutig – die meisten Häuser liegen über den Erwartungen.
Bei den US-Banken zeigte sich im dritten Quartal ein klares Muster. Der Aktienhandel legte überall kräftig zu: bei Goldman Sachs um 72 Prozent auf 6,44 Milliarden US-Dollar, bei JPMorgan um 49 Prozent auf 5,0 Milliarden US-Dollar, bei Morgan Stanley um 41 Prozent auf 5,8 Milliarden US-Dollar. Citigroup (plus 14 Prozent) und Bank of America (plus 11 Prozent) blieben deutlich zurück. Im Schnitt der fünf grossen Häuser ergibt sich laut Reuters ein Plus von rund 37 Prozent. Getrieben wurde das Geschäft vor allem vom Prime Brokerage, also der Finanzierung von Hedge Funds, und von Derivaten.
Ganz anders der Anleihenhandel. JPMorgan verbuchte im Fixed-Income-Geschäft einen Rückgang um 4 Prozent auf 5,4 Milliarden US-Dollar, mit Einbussen bei Zinsprodukten, Krediten und Rohstoffen. Bei Morgan Stanley sanken die Erträge um 7 Prozent auf 2,0 Milliarden US-Dollar, bei Bank of America sogar um 17 Prozent. Goldman Sachs trat mit 3,47 Milliarden US-Dollar an Ort; dort stützte das Finanzierungsgeschäft (plus 14 Prozent), während der eigentliche Kundenhandel um 7 Prozent zurückging. Einzig Citigroup steigerte die FICC-Erträge um 4 Prozent – dank Devisen und Spread-Produkten, nicht dank des Zinsgeschäfts.
Die Erklärung liefern die Banken gleich selbst. Die Renditen von US-Staatsanleihen stiegen im Quartal auf mehrjährige Höchststände, teils mit abrupten Tagesbewegungen. «Die Zinsen sind im dritten Quartal ziemlich heftig gestiegen», sagte Morgan-Stanley-Finanzchefin Sharon Yeshaya. Bank-of-America-Finanzchef Alastair Borthwick verwies auf «geringere Kundenaktivität und veränderte Marktbedingungen, einschliesslich einer starken Verschiebung bei den Zinsen». Mit anderen Worten: Ein Ausverkauf am Anleihenmarkt bringt nicht automatisch mehr Geschäft. Wenn die Volatilität zu hoch ist, halten sich viele Investoren zurück.
Vor diesem Hintergrund sehen die Europäer keineswegs schlecht aus. BNP Paribas steigerte die Erträge aus dem Aktienhandel um 50 Prozent auf 1,46 Milliarden Euro und schlug damit den Durchschnitt der Wall Street. Im Anleihen- und Devisenhandel sanken die Erträge dagegen leicht auf 1,22 Milliarden Euro – exakt das Muster der US-Konkurrenz. Bei der Deutschen Bank gingen die Erträge der Investmentbank leicht zurück, auch wegen eines schwächeren Kredithandels; den Rekordgewinn trug die Unternehmensbank mit Zahlungsverkehr und Cash Management.
Das Bild «US-Banken stark, Europäer schwach» geben die Zahlen also nicht her. Unterschiede bestehen eher im Tempo: Die Wall-Street-Häuser profitieren stärker vom Boom bei Fusionen und Übernahmen. Die Gebühren im Investment Banking stiegen bei Goldman Sachs um 21 Prozent, bei JPMorgan um 14 Prozent.
Wo die Zinsen tatsächlich helfen, ist im traditionellen Bankgeschäft. JPMorgan steigerte den Nettozinsertrag um 13 Prozent auf 27,1 Milliarden US-Dollar; ohne das Handelsgeschäft betrug das Plus 6 Prozent. Als Treiber nennt die Bank aber höhere Einlagen und Kreditvolumen – die tieferen Leitzinsen wirkten sogar dämpfend. Bei Morgan Stanley stieg der Zinsertrag im Wealth Management um rund 12 Prozent auf 2,2 Milliarden US-Dollar, ebenfalls dank Kreditwachstum und höherer Kundeneinlagen. Bei BNP Paribas legten die Retail-Erträge um 4 Prozent zu, wobei höhere Zinsen ausdrücklich als Stütze genannt werden.
Das Bild ist also differenziert. Am kurzen Ende liegen die Zinsen heute tiefer als vor einem Jahr, am langen Ende deutlich höher. Für die Banken zählt vor allem, wie viel Geld ihre Kunden ihnen anvertrauen und wie viel sie ausleihen. Wie stark der Effekt hoher Renditen allein ist, lässt sich aus den Zahlen nicht isolieren.
Wie hoch die Erwartungen an den Zinseffekt waren, zeigte am Dienstag HSBC: Die Bank steigerte den Vorsteuergewinn um 32 Prozent auf 9,6 Milliarden US-Dollar – die Aktie fiel trotzdem um 6 Prozent, weil die Anleger sich vom Zinsumfeld mehr erhofft hatten.
Bei der UBS lohnt sich ein genauerer Blick. Der Vorsteuergewinn sprang um 27 Prozent auf 3,59 Milliarden US-Dollar, bereinigt um 14 Prozent auf 4,08 Milliarden US-Dollar. Dass der Reingewinn nur um 8 Prozent zulegte, liegt vor allem an den Steuern: Der effektive Steuersatz stieg von 12,0 auf 24,7 Prozent. Die operative Verbesserung ist also grösser, als der Reingewinn vermuten lässt. Die Kosten sanken um 2 Prozent, die Aufwand-Ertrag-Quote verbesserte sich von 77,0 auf 72,3 Prozent.
Der Nettozinsertrag der Gruppe stieg um 22 Prozent auf 2,41 Milliarden US-Dollar. Das klingt nach einem kräftigen Zinsrückenwind, ist aber nur die halbe Wahrheit. Im globalen Wealth Management wuchs der Zinsertrag um 8 Prozent, die wiederkehrenden Gebühren um 9 Prozent – beide Säulen tragen also gleichermassen. Im Schweizer Privat- und Firmenkundengeschäft ging der Zinsertrag gegenüber dem Vorjahr hingegen zurück. Hier dürfte sich das tiefe Zinsniveau in der Schweiz bemerkbar machen. Für das vierte Quartal erwartet die UBS im Wealth Management einen Anstieg des Zinsertrags im tiefen einstelligen Prozentbereich und im Schweizer Geschäft eine leichte Zunahme.
Auch in der Investment Bank findet sich kein Beleg für einen Anleihenboom. Global Markets legte bereinigt um 17 Prozent auf 2,55 Milliarden US-Dollar zu – angeführt vom Aktiengeschäft mit plus 22 Prozent, getragen von höheren Kundenbeständen, Marktanteilsgewinnen und reger Nachfrage nach Unternehmensderivaten und strukturierten Produkten. Eine separate Zahl für den Anleihen- und Devisenhandel weist die UBS in ihrer Mitteilung nicht aus. Die gesamte Investment Bank stagnierte ausgewiesen bei 3,24 Milliarden US-Dollar, bereinigt resultierte ein Plus von 6 Prozent.
Im Aktiengeschäft wächst die UBS damit kräftig, bleibt aber hinter dem Tempo von Goldman Sachs, JPMorgan, Morgan Stanley und BNP Paribas zurück.
Die entscheidende Zahl ist eine andere: 55,1 Milliarden US-Dollar Netto-Neugeld im Wealth Management, was einem annualisierten Wachstum von 4,5 Prozent entspricht. Alle Regionen trugen positiv bei, angeführt von Asien-Pazifik und den Amerikas. Die verwalteten Vermögen erreichen 4,98 Billionen US-Dollar, die bereinigten Erträge der Sparte stiegen um 8 Prozent.
Im Vergleich mit Morgan Stanley, dem grössten Rivalen in der Vermögensverwaltung, bleibt allerdings eine Lücke. Morgan Stanley erzielte im Wealth Management Rekorderträge von 9,1 Milliarden US-Dollar bei einer Vorsteuermarge von 30,4 Prozent. Die UBS kommt mit 1,92 Milliarden US-Dollar Vorsteuergewinn auf 7,0 Milliarden US-Dollar Ertrag rechnerisch auf rund 27 Prozent. Die 232 Milliarden US-Dollar Neugeld von Morgan Stanley sind dabei nur bedingt vergleichbar: Mehr als die Hälfte davon stammt aus Zuflüssen im Zusammenhang mit Börsengängen. Fortschritte macht die UBS im schwierigen US-Geschäft: In den Amerikas stieg der Vorsteuergewinn um 28 Prozent, die Marge verbesserte sich um über 2 Prozentpunkte auf 16 Prozent.
Ganz frei von Einmaleffekten ist das Resultat nicht. Im Abbaubereich Non-core and Legacy verbuchte die UBS einen Gewinn von 697 Millionen US-Dollar aus der Beilegung von Altlasten-Rechtsfällen. Dem stehen dort allerdings Rechts- und Regulierungskosten von 275 Millionen US-Dollar gegenüber. Die Integration der Credit Suisse kommt weiter voran: Bis Ende 2026 erwartet die UBS kumulierte Bruttokosteneinsparungen von rund 13,7 Milliarden US-Dollar statt bisher 13,5 Milliarden US-Dollar.
Bleibt die politische Unsicherheit. Die UBS will das laufende Rückkaufprogramm über 3 Milliarden US-Dollar bis zu den Jahreszahlen im Februar abschliessen. Ihre Ausschüttungspläne für 2027 will sie erst dann bekanntgeben – und macht das Tempo der Rückkäufe ausdrücklich von der Klarheit über die Beratungen im Parlament zur Kapitalisierung der ausländischen Tochtergesellschaften abhängig. CEO Sergio Ermotti will sich weiterhin «konstruktiv» einbringen, in der Hoffnung auf eine Lösung, welche die Finanzstabilität schützt, ohne Aktionären, Kunden und Mitarbeitenden unverhältnismässige Kosten aufzubürden.
Europas Banken halten mit der Wall Street mit – aber nicht dank eines Booms im Anleihenhandel. Dieser war im dritten Quartal diesseits wie jenseits des Atlantiks eher eine Bremse, weil die heftigen Zinsbewegungen die Kunden verunsicherten. Die Gewinne tragen der Aktienhandel, die Vermögensverwaltung und ein solides Zinsgeschäft, das mehr von Kundengeldern und Kreditvolumen lebt als vom Renditeniveau allein. Für die UBS heisst das: Ihre Ertragsbasis wird breiter und wiederkehrender. Die grösste offene Frage liegt nicht in der Bilanz, sondern in Bern.