Schwellenländer hängen US-Aktien ab – doch der Index täuscht

Dina Ting ist Head of Global Index Portfolio Management bei Franklin Templeton (Bild: Franklin Templeton)
Dina Ting ist Head of Global Index Portfolio Management bei Franklin Templeton (Bild: Franklin Templeton)

Der MSCI Emerging Markets Index hat seit Jahresbeginn knapp 22 Prozent zugelegt und liegt damit klar vor dem S&P 500, obwohl der Ölpreis über 100 US-Dollar gestiegen ist und die US-Notenbank die Zinsen wieder anhebt. Unter der Oberfläche gehen die Märkte aber weit auseinander. Dina Ting von Franklin Templeton rät deshalb zu einem Multifaktor-Ansatz statt zu Länderwetten.

22.10.2026, 15:39 Uhr
Aktien | Anlagestrategie

Redaktion: asc

Die Schwellenländer sind mit Rückenwind ins Jahr 2026 gestartet und haben diesen weitgehend gehalten. Bis Mitte September erzielte der MSCI Emerging Markets Index eine Rendite von knapp 22 Prozent. Über drei Jahre hat er den S&P 500 inzwischen überholt: Seit September 2023 hat er auf Indexbasis rund 87 Prozent gewonnen, der US-Leitindex rund 76 Prozent.

Bemerkenswert ist das wegen des Umfelds. Im September stieg der Brent-Ölpreis auf über 100 US-Dollar je Barrel. Neue Inflationssorgen führten dazu, dass die US-Notenbank die Zinsen um 25 Basispunkte anhob. Renditen von US-Staatsanleihen und der Dollar zogen an. Das sind Bedingungen, unter denen Schwellenländer früher regelmässig unter Druck gerieten, besonders ölimportierende Volkswirtschaften und zinssensitive Anlagen. Dennoch notierten Schwellenländeraktien weiterhin nahe ihren jüngsten Höchstständen.

Mehr als eine zyklische Erholung

Für Dina Ting, Head of Index Investments bei Franklin Templeton, spricht das für strukturelle Gründe. Die Schwellenländer besetzten zunehmend Schlüsselrollen bei KI-Hardware, moderner Fertigung und in globalen Rohstofflieferketten. Hinzu kämen in einigen Märkten Reformen der Unternehmensführung und eine glaubwürdigere Wirtschaftspolitik. Das verbessere die Chancen, dass Wirtschaftswachstum auch bei den Aktionären ankomme. «Diese Fortschritte verlaufen zwar nicht überall gleichmässig, doch das Umfeld unterscheidet sich deutlich von dem der vergangenen Jahre», so Ting.

Ein Index, viele Geschichten

Der Gesamtindex zeigt allerdings nur einen Durchschnitt. Die technologielastigen Märkte Nordasiens profitierten von der Nachfrage nach KI-Infrastruktur und vom Halbleiterzyklus. Anderswo prägten Rohstoffabhängigkeit, Innenpolitik, Handelsabhängigkeit und Reformvorhaben die Ergebnisse. Ting nennt einige Beispiele:

  • Südkorea und Taiwan profitieren beide vom KI-Ausbau und der Halbleiternachfrage. In Südkorea kommt der politische Druck auf bessere Corporate Governance und höhere Ausschüttungen dazu. Die starke Konzentration auf Technologie ist in beiden Märkten aber auch ein Risiko.
  • Indien bleibt langfristig ein Wachstumsmarkt, kurzfristig belasten jedoch hohe Ölpreise und strengere globale Finanzierungsbedingungen die Stimmung.
  • China sieht Ting weniger als Kandidaten für die Marktführerschaft. Interessant seien vielmehr die tiefen Bewertungen, die staatliche Unterstützung und eine mögliche Erholung des Binnenvertrauens.
  • Brasilien bringt Rohstoffexposure, einen Zinssenkungszyklus im Inland und die Aussicht auf mehr politische Klarheit rund um die Wahlen im Oktober mit.

Dieselben globalen Faktoren wirken also sehr unterschiedlich. Für Ting folgt daraus, dass Schwellenländer nicht als einheitlicher Makro-Trade taugen. Gezielte Länderwetten seien aber auch nicht nötig. Breit diversifizierte Anlagen blieben für viele Investoren der praktikable Weg. Nur müsse die Gewichtung nicht allein der Marktkapitalisierung folgen.

Vier Faktoren statt Marktkapitalisierung

Franklin Templeton setzt dafür auf einen regelbasierten Multifaktor-Ansatz. Unternehmen im gesamten Schwellenländeruniversum werden nach Qualität, Value, Momentum und geringer Volatilität bewertet. Qualität und Value bilden das fundamentale Gerüst, Momentum und tiefe Volatilität liefern zusätzliche Markt- und Risikosignale. «Das Ziel besteht nicht darin, vorherzusagen, welches Land als Nächstes die Führung übernehmen wird», sagt Ting. Das Portfolio solle über verschiedene Marktphasen hinweg ausgewogener an den Chancen der Region teilhaben.

Die eigenen Zahlen zeigen, was das bringt und was nicht. Über die fünf Jahre bis Ende August 2026 erzielte der LibertyQ Emerging Markets Index, der die Faktorstrategie abbildet, eine annualisierte Rendite von 8,33 Prozent. Der MSCI Emerging Markets Index kam auf 8,67 Prozent. Die Volatilität lag mit 12,81 Prozent aber deutlich unter den 17,29 Prozent des Marktindex, der maximale Kursrückgang mit 29,38 Prozent unter 34,42 Prozent.

Fünf Jahre bis 31. August 2026 MSCI EM LibertyQ EM
Annualisierte Rendite 8,67 Prozent 8,33 Prozent
Annualisierte Volatilität 17,29 Prozent 12,81 Prozent
Maximaler Drawdown –34,42 Prozent –29,38 Prozent

Quelle: Franklin Templeton, Bloomberg. Net-Total-Return-Indizes. Indizes werden nicht aktiv verwaltet, eine direkte Anlage ist nicht möglich. Gebühren und Kosten sind nicht berücksichtigt.

Unter dem Strich also leicht weniger Rendite bei spürbar geringeren Schwankungen. Ting räumt ein, dass die Strategie nicht in jedem einzelnen Marktumfeld gleichmässiger verlaufen ist. Sie zeige aber, wie sich das Risikoprofil eines breiten Schwellenländer-Engagements verändern lässt, ohne auf den nächsten Spitzenreiter setzen zu müssen.

Einordnung

Die Kennzahlen stammen vom Anbieter selbst, und der LibertyQ-Index ist die Grundlage eigener Produkte von Franklin Templeton, darunter der Franklin LibertyQ Emerging Markets UCITS ETF. Die Kernaussage gilt aber unabhängig davon: Wer 2026 in Schwellenländer investiert, kauft mit dem Marktindex vor allem einen hohen Anteil nordasiatischer Technologie. Ob ein Faktoransatz, eine Länderauswahl oder der klassische Indexfonds besser passt, hängt davon ab, wie viel Konzentrationsrisiko man tragen will.

Quellen: Franklin Templeton, Bloomberg. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.

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