05.03.2026, 08:26 Uhr
Der Kryptomarkt hat am Mittwoch eine ausgeprägte Erholungsrally verzeichnet. Bitcoin stieg um rund 8 Prozent auf bis zu 73'777 US-Dollar – das höchste Niveau seit einem Monat – und durchbrach damit die...
Die Aktienmärkte reagieren auf KI-Disruption und Washingtons Zollchaos mit Panikverkäufen. Doch wer jetzt wahllos aussteigt, verspielt Chancen. Neuberger-Berman-CIO Equities, Joseph V. Amato, erklärt, warum Selektivität das Gebot der Stunde ist.
Die Märkte sind wieder in Aufruhr. Kaum hatte der US Supreme Court die Zollpolitik der Regierung in neue Unsicherheit gestürzt, schlugen auch noch Schreckensnachrichten über die Folgen der künstlichen Intelligenz für Wirtschaft und Beschäftigung durch. Seitdem herrscht an den Börsen das, was Experten höflich als «erhöhte Volatilität» bezeichnen – und was Anleger schlicht als Nervenflattern erleben.
Überraschen sollte das niemanden. Viele Investoren hatten längst eingepreist, dass Gerichte die IEEPA-Zölle kippen oder verändern könnten, schreibt Joseph V. Amato, President und Chief Investment Officer Equities bei Neuberger Berman. Und die Angst vor KI-getriebenen Jobverlusten ist in Branchen wie Software, Vermögensverwaltung oder Versicherungen kein neues Phänomen. Trotzdem folgt der Markt einem bekannten Reflex: erst verkaufen, dann nachdenken.
Washingtons Zollpolitik bleibt gemäss Amato ein Dauerrisiko. Derzeit plant die US-Regierung, die IEEPA-Zölle für 150 Tage durch einen pauschalen 15-Prozent-Satz für alle Länder zu ersetzen. Was danach kommt, ist offen. Verhandlungen, weitere Gerichtsurteile, technische Umsetzungsfragen – die Unsicherheit dürfte mindestens bis Jahresende anhalten.
Die Folgen für den Staatshaushalt halten sich nach Einschätzung des Neuberger-Berman-Strategen in Grenzen. Das Gericht könnte zwar Rückzahlungen an Importeure anordnen – doch ein solcher Prozess würde Jahre dauern und ist komplex. Für Wachstum und Arbeitsmarkt dürften sich positive und negative Effekte weitgehend aufheben. Und bei der Inflation zeichnet sich eher ein leichter Rückgang ab, weil ein Grossteil der Zollkosten offenbar bereits eingepreist ist.
Das eigentliche Thema dieser Tage ist nicht der Zollstreit – es ist die künstliche Intelligenz. KI könnte die grösste schöpferische Zerstörung aller Zeiten auslösen, sagt Amato. Doch er warnt davor, das mit einem Totalabsturz ganzer Branchen gleichzusetzen.
Die meisten Unternehmen kämpfen noch damit, KI überhaupt sinnvoll in komplexe Arbeitsabläufe zu integrieren. Selbst dort, wo der Nutzen offensichtlich ist – etwa bei der Ablösung veralteter Software –, dauern Umstellungen oft Quartale oder Jahre, keine Wochen. Der Aktienmarkt hingegen handelt schon heute, was erst morgen Realität wird. Daraus entstehen Verzerrungen: Kurse fallen weit stärker, als es die kurzfristigen Fundamentaldaten rechtfertigen.
Besonders betroffen von dieser disruptiven Stimmung sind Software-Unternehmen, Private-Credit-Anbieter, Vermögensverwalter, Beratungsfirmen und Versicherungsvertriebe. Kaum taucht eine neue KI-Meldung auf, werden ganze Sektoren abgestraft – obwohl noch niemand wisse, wer am Ende Gewinner und wer Verlierer ist, so Amato
Hinzu kommt: Selbst im schlimmsten Szenario würde die Politik nicht tatenlos zusehen. Ein rascher Anstieg der Arbeitslosigkeit durch KI-Automatisierung würde Regierungen unter massiven Handlungsdruck setzen. Energieengpässe und Rechenkapazitäten könnten das Tempo der Disruption zusätzlich bremsen. Und Unternehmen, die KI gezielt einsetzen, können damit Margen sichern und Produktivität steigern – statt sie zu verlieren.
Was folgt daraus für Anleger? Der Neuberger-Berman-CIO empfiehlt deshalb klar: Kurs halten, wenn Stimmung und Fundamentaldaten auseinanderdriften. Wer in solchen Phasen fokussiert und selektiv agiert – statt reflexartig zu verkaufen –, kann Marktübertreibungen für sich nutzen.
Das bedeutet: Risiken eingehen, aber gezielt. Auf Stabilität und Flexibilität achten. Und vor allem: Einzelwertanalysen nutzen, um vorübergehende Kursverzerrungen von echten, dauerhaften Verlusten zu unterscheiden. Denn wer heute pauschal aussteigt, verzichtet womöglich auf die Gewinne von morgen.