19.10.2026, 08:41 Uhr
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Indien ist für Anleiheninvestoren sehr attraktiv geworden und steht vor einer Zinswende. Laut der Analyse von DPAM preisen die Märkte allerdings mehr Zinserhöhungen ein, als die Notenbank umsetzen wird.
Anfang Oktober hat die Reserve Bank of India (RBI) den Leitzins um 25 Basispunkte auf 5,50 Prozent angehoben. Es ist die erste Erhöhung seit fast vier Jahren. Gleichzeitig wechselte der geldpolitische Ausschuss den Kurs hin zu einer «kalibrierten Straffung». Die Wachstumsprognose für das Fiskaljahr 2027 setzte die Notenbank auf 7,1 Prozent hinauf, die Inflationsprognose auf 5,2 Prozent.
Lucas D’Hulst, Buy-Side Fixed Income Analyst bei Degroof Petercam Asset Management (DPAM), hatte den Schritt nach Gesprächen mit Entscheidungsträgern, Ökonomen und Unternehmen in Indien erwartet. Er hält den Markt dennoch für zu pessimistisch: «Während die Märkte von einer aggressiven geldpolitischen Straffung ausgehen, deuten unsere jüngsten Gespräche in Mumbai und Neu-Delhi auf eine robustere Wirtschaft und eine umsichtiger agierende Zentralbank hin, als dies derzeit eingepreist wird.»
Die RBI sorgt sich weniger um das allgemeine Preisniveau als darum, dass der Inflationsdruck immer breiter wird. Die Kerninflation steht auf einem Mehrjahreshoch, und dank der robusten Nachfrage auf dem Land zeigen sich erste Zweitrundeneffekte. «Das zentrale Risiko besteht nicht in einer Entankerung der Inflationserwartungen, sondern vielmehr in der schrittweisen Übertragung wiederholter angebotsseitiger Schocks auf die Preissetzungsmacht von Unternehmen», sagt D’Hulst.
DPAM rechnet für das laufende Jahr mit insgesamt 50 Basispunkten an Zinserhöhungen und 2027 mit einem weiteren Schritt. Einen langen Straffungszyklus erwartet D’Hulst nicht: «Die Kommunikation der Zentralbank deutet durchgängig auf eine Feinsteuerung der Geldpolitik und nicht auf einen grundlegenden Kurswechsel hin.»
Die Stabilität der Währung zählt inzwischen so viel wie die Inflationsbekämpfung. Indien importiert viel Energie und Rohstoffe, deshalb schlägt eine Abwertung schnell auf die Konsumentenpreise durch. Dass eine schwächere Rupie den Exporten wesentlich hilft, bezweifelten viele von DPAMs Gesprächspartnern: Die indischen Exportbranchen reagieren kaum auf Preise.
Die Rupie hängt laut D’Hulst heute stärker vom Verhalten der inländischen Unternehmen ab als von ausländischen Portfoliozuflüssen. Importeure sichern ihre Währungsrisiken weitgehend ab, Exporteure behalten ihre Dollar-Einnahmen. Die RBI greift in beide Richtungen am Devisenmarkt ein. Ihr Ziel ist eine enge Schwankungsbreite, nicht eine bestimmte Richtung. Rückhalt geben Devisenreserven nahe den historischen Höchstständen. Besonders hebt D’Hulst das jüngste FCNR-Einlagenprogramm hervor. Es habe «die Reserveposition des Landes gestärkt, die Möglichkeiten der Zentralbank zur Glättung von Wechselkursschwankungen erweitert und das Risiko ungeordneter Währungsbewegungen weiter reduziert».
In Indien wird zudem grundsätzlich über das Wachstumsmodell gestritten. Einige inländische Investoren fordern ein nominales BIP-Wachstum von 12 bis 13 Prozent, damit private Investitionen und Steuereinnahmen wieder anziehen. Die Politik sieht das anders: Das tiefere nominale Wachstum sei die gewollte Folge eines glaubwürdigen Inflationsziels. Private Investitionen entstünden nicht durch lockere Geldpolitik, sondern durch den Abbau struktureller Hürden.
Die Reformliste der Regierungsvertreter war laut D’Hulst «bemerkenswert einheitlich»: schnellere Streitbeilegung vor Gericht, bessere Durchsetzung von Verträgen, günstigerer Landerwerb, Reformen bei Bauvorschriften und Arbeitsmarkt, Investitionen in die Logistik und Verbesserungen an den Hochschulen. Für das kommende Jahrzehnt stellt sich die Frage, wie Indien von einem Wachstum, das öffentliche Investitionen tragen, zu einem selbsttragenden privaten Investitionszyklus kommt.
Internationale Investoren sehen in Indien zunehmend eine zyklische Wachstumsabschwächung. Im Inland teilt man diese Sicht kaum. Das Wachstum dürfte zwar von den jüngsten Spitzenwerten von fast 8 Prozent zurückgehen. Der Rückgang wirke aber «eher technischer als fundamentaler Natur», sagt D’Hulst. Ungenutzte Kapazitäten gebe es kaum.
Die Unternehmensgespräche stützen diese Einschätzung. Technologiefirmen erwarten weiter wachsende Dollar-Umsätze, sehen künstliche Intelligenz als Chance und stellen weiter Personal ein. Grosse Industriekonzerne investieren viel in Stromerzeugung, Netze, erneuerbare Energien, Raffinerien und Rechenzentren. Als grössten Engpass nannten die Gesprächspartner einhellig die Stromversorgung. Sie entscheide darüber, ob Indien dauerhaft mehr als 7 Prozent Wachstum schafft.
Die grösste Schwachstelle sieht D’Hulst bei den Kapitalströmen. Den Bruttozuflüssen aus Direktinvestitionen von rund 95 Milliarden US-Dollar stehen Netto-Direktinvestitionen von nahezu null gegenüber. Gewinnrückführungen multinationaler Konzerne, Desinvestitionen und Auslandsinvestitionen indischer Firmen fressen die Neuzuflüsse fast vollständig auf. Hohe US-Zinsen, komplizierte Steuerregeln und attraktive Anreize in Südostasien bremsen zusätzlich.
Am Markt war diese Sorge deutlich grösser als bei der Regierung. Die Regierungsvertreter führen die schwachen Zuflüsse vor allem auf die weltweit straffere Geldpolitik zurück. D’Hulst spricht von einem «zentralen Paradox der indischen Wirtschaft»: hohe inländische Ersparnisse, hohe Währungsreserven und robustes Wachstum, gleichzeitig Mühe, langfristiges ausländisches Kapital anzuziehen.