Finanzmarkt zwischen Rausch und Kater

Dr. Alex Durrer, Chefökonom der LGT Group
Dr. Alex Durrer, Chefökonom der LGT Group

Als Nebenwirkung der früheren Krisenbekämpfung sind die internationalen Finanzmärkte abhängig geworden von monetärer Stimulierung. Im Interview sagt Dr. Alex Durrer, Chefökonom der LGT Group, dass sich die Börsen 2014 weniger von den erfreulichen Fortschritten der Weltkonjunktur, aber auch nicht mehr von den bekannten Strukturproblemen leiten lassen. Vielmehr bleiben sie im Banne der Geldpolitik. Und solange die Währungshüter einen Entzug ihrer üppig dosierten Medizin hinauszögern, führt nichts an einer „sportlichen“ Positionierung mit hohen Aktiengewichten vorbei.

10.12.2013, 16:58 Uhr

Redaktion: roc

Herr Durrer, wie beurteilen Sie den Gesundheitszustand der Weltwirtschaft?
Dr. Alex Durrer: Konjunkturell hat die rekonvaleszente Weltwirtschaft ordentlich Fortschritte gemacht – allen strukturellen Schlagseiten zum Trotz. Das Gros der Industriestaaten fand bereits oder findet im 2014 zurück auf einen zwar flachen, dafür etwas weniger fragilen Wachstumspfad. Und erstmals seit Jahren sind diese Verbesserungen in den Frühindikatoren weltweit einigermassen synchronisiert zu beobachten. Leider wird dieser erfreuliche zyklische Befund die Finanzmärkte aber kaum mehr positiv zu überraschen vermögen – ähnlich wie die längst bekannten Strukturprobleme nur mehr unterschwellig latent negativ wirken.

Woran werden sich die Finanzmärkte denn 2014 orientieren?

Sie bleiben im Banne der Geldpolitik. Denn sie leiden, noch mehr als die Realwirtschaft, an einer schleichend entstandenen Abhängigkeit von monetärer Stimulierung. Dieser Geldrausch ist eine unerwünschte Nebenwirkung der Krisenbekämpfung in den Vorjahren und hat heute gravierende Ausmasse angenommen. Entsprechend allgegenwärtig ist die Angst vor einem Entzug, was zu einem paradoxen Marktmuster geführt hat: Eher negative Nachrichten beruhigen tendenziell oder beflügeln gar, während allzu Positives sofort Katerstimmung auslöst. Dies wiederum verunsichert die Währungshüter und lässt sie ihre Liquiditätsdroge im Zweifel eher zu spät absetzen.

Ist dadurch ein Inflationsschub nicht vorprogrammiert?

Theoretisch ja, aber es ist noch lange nicht soweit! Zwar haben die rund um den Globus ultra-expansiven monetären Bedingungen ein gefährliches Inflationspotential geschaffen. Eine notwenige Voraussetzung wäre also klar erfüllt. Die hinreichende fehlt aber noch, da dieses Potential bis auf weiteres gebändigt bleibt durch die noch relativ unspektakulären Konjunkturperspektiven und, stärker noch, „dank“ dem Deflationsdruck der untragbar hohen Schuldenlasten der öffentlichen Haushalte. Leider lässt sich kaum abschätzen, wann dieses labile Gleichgewicht ins Wanken gerät. Das führt auf den ersten Blick zu einer unspektakulären Inflationsentwicklung, stellt aber eigentlich eine ungemütliche Pattsituation von extremen Kräften dar.

Was bedeutet dies für die Zinswende?

Nach der ersten „Tapering“-Ankündigung im letzten Mai hatten sich die Märkte schlagartig auf einen Anstieg am langen Ende der Zinsstrukturkurve eingestellt – fast eine sich selbst erfüllende Vorhersage. Vollständig verflüchtigt hat sich dieses ungeschickt heraufbeschworene Gespenst seither trotz mehrmaligem verbalem Zurückrudern der US-Notenbank Fed nicht mehr. Ihren jahrzehntelangen Abwärtskanal definitiv (sprich: Richtung 4%) nach oben verlassen werden die langen US-Zinsen indessen erst, wenn die Wirtschaft fundamental soweit genesen sein wird, dass die Märkte einem Absetzen der stimulierenden Medikamente positiv entgegensehen. Das wird daran zu erkennen sein, wenn gute Konjunkturdaten wieder begrüsst werden!

Und wie sehen Sie die Situation der Schwellenländer?
Differenziert! Ich beginne mit den intakten Langfristperspektiven: Zwar ist der strukturelle Wachstumsvorsprung gegenüber den Industriestaaten immer noch signifikant; er hat sich aber in den letzten Jahren von über sieben auf nur noch gut drei Prozentpunkte mehr als halbiert. Zusammen mit unschönen protektionistischen Regulierungstendenzen verbietet dies, naiv auf eine Rückkehr früherer Märchenvorstellungen in Sachen EM Performance zu setzen. Anderseits rechnen wir aber trotz konjunkturellem Gegenwind und gewisser Parallelen zur Asienkrise weder mit einem Flächenbrand à la 1997/98 noch mit einer veritablen harten Landung. Kompakt vereinfacht: Wir bleiben strategisch-langfristig verhalten optimistisch, aber taktisch infolge temporärem Gegenwind vorsichtig.

Welche Anlageklassen und welche Währungen sind in diesem Umfeld zu empfehlen? Und was meiden Sie?

An Aktien führt auch 2014 kein Weg vorbei. Dies obwohl der Bullmarkt schon weit fortgeschritten ist und die Bewertungen nicht mehr als günstig, sondern nur noch als einigermassen fair zu bezeichnen sind. Dank der erläuterten Neigung der Zentralbanken, ihre üppige Liquiditätsdroge eher zu spät und zu zögerlich zurückzufahren, stehen die Chancen nämlich gut, dass die Aktien teurer werden. Das regionale Muster wird sich immer mehr verwischen.

Im Zuge des graduellen Auspreisens der Krisenängste eher zurückgestuft haben wir Anlageklassen wie Gold, die primär der Absicherung gegenüber Extremszenarien dienen. Dazu zählen auch Währungen wie die nordischen Kronen. Umgekehrt zählt der US-Dollar für einmal zu unseren Favoriten – da hat sich die Welt tatsächlich stark verändert.

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