USA produziert pro Minute 6 Millionen Dollar neue Schulden

Die US-Regierung häuft Schulden im Rekordtempo an. Der IWF warnt vor den Folgen. (Bild Two Bridges Photography/Shutterstock)
Die US-Regierung häuft Schulden im Rekordtempo an. Der IWF warnt vor den Folgen. (Bild Two Bridges Photography/Shutterstock)

Trotz gut laufender Wirtschaft steigen die Staatsschulden in den USA rasant. Nur mit immer höheren Renditen lassen sich die Käufer «ködern». Nun warnt unter anderem auch der IWF vor den Folgen der ausufernden Finanzpolitik der Regierung in Washington.

02.05.2024, 13:33 Uhr
Notenbanken | Regulierung

Redaktion: sw

Auf über 35 Billionen Dollar werden die Schulden der USA im Laufe dieses Jahres laut offiziellen Prognosen steigen. Trotz Vollbeschäftigung liegt das Haushaltsdefizit laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bei rund 7,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. «Das kann so nicht weitergehen», warnt der IWF und sieht in der ausufernden US-Verschuldung «auf längere Sicht ein Risiko für die Finanzpolitik und die Finanzstabilität weltweit».

Der prominente Ökonom Markus Brunnermeier vergleicht die US-Finanzpolitik in einem Interview mit dem Handelsblatt mit einem «Schneeballsystem, das nur funktioniert, weil die USA an den globalen Märkten besondere Privilegien geniessen.» Auch Carsten Roemheld von Fidelity International, warnt, dass es nicht mehr selbstverständlich sei, dass die USA genügend Käufer für ihre Anleihen fänden, um die Renditen, die die Wirtschaft rund um den Globus beeinflussen, im Zaum zu halten.

Die US-Staatsschulden wachsen mit enormer Geschwindigkeit: Seit vergangenem Juni kam alle 100 Tage eine Billion dazu, wie das Analysehaus Kobeissi errechnet hat; pro Sekunde waren es 2023 fast 100 000 Dollar mehr. Oder eben 6 Millionen jede Minute...

Zinsen als Treiber

Eine Rechnung des Congressional Budget Office ergibt: Das jährliche Defizit der US-Regierung steigt in den kommenden 30 Jahren auf 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, dies nach durchschnittlich «nur» 3,8 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Dabei sind die Zinsen der Treiber für den Anstieg. Die Verschuldung würde dann 166 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung betragen.

Die fiskalische Situation sei «ein ernstes Problem, das zunehmend an Bedeutung gewinnt», warnte Harvard-Ökonom Jason Furman bereits im vergangenen Dezember. Die Kombination aus Rekordschulden, einem hohen Defizit und höheren Zinssätzen «bringt uns in eine Lage, in der wir schneller gegensteuern müssen, als ich es noch vor Kurzem für notwendig gehalten hätte». Das Problem sei, «dass wir immer mehr Schulden machen, obwohl wir wirtschaftlich eigentlich in bester Verfassung sind.»

Hedgefonds-Manager Jeff Gundlach warnte: «Es gibt keine guten Lösungen. Dafür ist es zu spät. Um die Staatsschulden in heutiger Kaufkraft zu tilgen, müssten wir 80 Jahre lang jährlich zehn Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung der USA zurücklegen. Das würde eine wirtschaftliche Depression für die nächsten vier Generationen auslösen, das wird nicht funktionieren.»

Alte Warnungen

Die teuersten Programme auf Bundesebene gehören zur Social Security, der Sozialversicherung, und zur Basis-Gesundheitsversorgung Medicare. Seit 1997 warnt die Social Security in jedem Jahresreport vor «den demografischen Herausforderungen einer alternden Bevölkerung». Sie prognostiziert, dass der Anteil von Menschen im erwerbsfähigen Alter im Jahr 2080 nur noch 54 Prozent betragen wird.

Zu den spürbaren Folgen der Verschuldung gehören höhere Zinsen. Kevin Foley, Kapitalmarktchef bei JP Morgan, sagt: «Die Renditen werden getrieben von den hohen und steigenden Staatsschulden der USA. Wenn das Angebot an Anleihen steigt, müssen sie mehr Rendite bieten, um genügend Käufer zu finden.»

Wie ein Warnsignal wirkt der massive Kursrutsch der Bonds im vergangenen Herbst, der die Renditen kurzfristig auf über fünf Prozent steigen liess und damit Sorgen um die Stabilität des Finanzsystems schürte. Den Turbulenzen am Anleihemarkt war unter anderem eine Herabstufung der Bonität der USA durch Fitch vorausgegangen: Die kleinste der drei Ratingagenturen senkte die Bonitätsnote für die USA von Triple-A auf AA+.

Notenbanken halten sich zurück

Auch in den vergangenen Wochen sind die zehnjährigen US-Renditen wieder deutlich gestiegen. Von 3,8 Prozent im Februar bis auf über 4,7 Prozent und rund 4,6 Prozent zuletzt. Kapitalmarktstratege Roemheld von Fidelity erwartet, dass die Renditen auch jetzt wieder in Richtung fünf Prozent steigen könnten, und er warnt vor einer grundsätzlichen Verschiebung: «Die Dynamik bei den US-Staatsanleihen ist eine andere geworden.»

Früher habe man davon ausgehen können, dass sich Angebot und Nachfrage immer ausgleichen. Doch jetzt werfe die US-Regierung sehr viele Anleihen auf den Markt, um ihr riesiges Haushaltsdefizit zu finanzieren, warnt Roemheld. «Gleichzeitig sind die grossen Nachfrager der Vergangenheit nicht mehr im selben Masse da.» Die grossen Notenbanken, die früher als zuverlässige Käufer von US-Staatsanleihen aufgetreten seien, stünden jetzt tendenziell eher auf der Verkäuferseite. Das Fazit: «Wir haben einen deutlichen Angebotsüberhang, der die Renditen automatisch nach oben treibt.»

Benjamin Dietrich, Anleihechef von Lazard Asset Management in New York, sagt: «Wirtschaftswachstum ist der wichtigste Faktor, damit Schulden tragfähig bleiben. Hier sind die USA klar im Vorteil.» Hinzu kommt, dass die US-Notenbank mit Anleihekäufen einspringen würde, falls nötig.

Letztlich, darauf weist Ökonom Brunnermeier hin, ist alles eine Frage der Glaubwürdigkeit und damit vor allem der politischen Stabilität der USA. Solange die Investoren der US-Regierung und der Fed glauben, dass die Situation unter Kontrolle bleibt, können die USA die steigende Zinslast mit immer höheren Schulden finanzieren.

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