Biodiversität ist auch ein Finanzmarktthema

Biodiversität sollte in die Unternehmensanalyse einfliessen, fordern ESG-Strategen. (Bild: Shutterstock.com/Gabrieuska)
Biodiversität sollte in die Unternehmensanalyse einfliessen, fordern ESG-Strategen. (Bild: Shutterstock.com/Gabrieuska)

Die vielfältige Leistung der Natur beläuft sich in Zahlen gemessen auf 44 Bio. US-Dollar pro Jahr, rechnen die ESG-Experten des britischen Vermögensverwalters Janus Henderson Investors vor. Das ist mehr als die Hälfte des globalen BIP, von den Vorteilen für unser Wohlbefinden ganz zu schweigen. Ans Thema macht sich deshalb auch die Finanzindustrie.

16.12.2022, 17:39 Uhr

Redaktion: hf

Biodiversität bedeutet die reiche Vielfalt des Lebens und die komplexe Art und Weise, wie Lebewesen und nicht lebende Gebilde wie Gestein und Boden zusammenwirken, um die natürliche Welt zu schaffen. Aufgrund der zunehmenden Ausweitung menschlicher Aktivitäten befindet sich die Natur heute in einer Krise. Das stellen nicht nur ESG-Spezialisten fest, sondern drängt sich ins Bewusstsein von mehr und mehr Menschen.

Biodiversität betrifft alle...

Fast 70% der Tierarten sind in den letzten 50 Jahren ausgestorben. Derzeit sind eine Million Arten in den kommenden Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Aufgrund dieser deutlichen Warnzeichen sprechen Wissenschafter von einer „biologischer Vernichtung" und einem "sechsten Massenaussterben", halten Paul LaCoursiere, Global Head of ESG Investments und Bhaskar Sastry, ESG Content Manager von Janus Henderson Investors in einem Beitrag auf der Fondsplattform E-Research fest.

Bisher hätten Regierungen, Unternehmen und Investoren kaum etwas für die Natur getan. Doch ihre Kritik weicht vorsichtigem Optimismus: "Wir gehen davon aus, dass sich dies 2023 ändern wird", schreiben sie. Drei Gründe nennen LaCoursiere und Sastry dafür:

- COP15 gibt die Richtung vor: Nach vier Verschiebungen aufgrund der Corona-Pandemie ist die UN-Konferenz über biologische Vielfalt (COP15) in Montreal noch bis zum 17. Dezember daran, den globalen Handlungsrahmen für die biologische Vielfalt nach 2020 zu verabschieden. Darin werden die "strategische Vision und ein globaler Fahrplan für die Erhaltung, den Schutz, die Wiederherstellung und die nachhaltige Bewirtschaftung der Biodiversität und der Ökosysteme für das nächste Jahrzehnt" festgelegt.

...und der Verlust noch mehr

Weil aktuelle Herausforderungen – u.a. die Pandemie und die Energiekrise – die Regierungsfinanzen belasten, erwarten die beiden keine bahnbrechenden Ankündigungen. Angesichts der Dringlichkeit gehen die ESG-Spezialisten des britischen finanzhauses aber davon aus, dass sich die Länder auf ambitioniertere, transparentere und fristgebundene Naturschutzziele einigen und gemeinsam an der Erreichung der globalen Ziele arbeiten werden.

- Die Entwicklung des TNFD-Rahmens: Die Taskforce for Nature-related Financial Disclosure (TNFD) ist eine globale, marktgesteuerte Initiative, die sich aus Unternehmen, Finanzinstituten und Intermediären zusammensetzt, ähnlich wie die Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) für Klimaangaben. Ihr Ziel ist die Einbeziehung von naturbedingten Risiken und Chancen in die unternehmerische Entscheidungsfindung. Darüber hinaus soll die naturbezogene Finanzberichterstattung durch relevante regionale und sektorale Kennzahlen und Ziele gefördert werden.

Dieses Vorhaben ist von grosser Bedeutung, denn Umfragen zufolge ist der Mangel an verfügbaren Daten und Kennzahlen das Haupthindernis für Investitionen in Biodiversität. Der endgültige Rahmen der TNFD wird im September 2023 veröffentlicht und könnte LaCoursiere und Sastry zufolge in bestimmten Rechtsordnungen verbindlich vorgeschrieben werden.

- Biodiversitätsrisiken sind Investitionsrisiken, halten sie drittens fest: Investorinnen und Investoren würden sich zunehmend bewusst, dass der Verlust der biologischen Vielfalt ein finanzielles Risiko darstellt, besonders für bestimmte Sektoren wie die Lebensmittelindustrie, die Landwirtschaft und das Gesundheitswesen.

"Der Verlust der Artenvielfalt ist eine systemische Bedrohung, da er mit dem Klimawandel in Wechselwirkung steht und diesen verschärft". Umgekehrt gehe daraus ein wachsender Druck der Kunden auf die Vermögensverwalter hervor, gegen den Verlust der biologischen Vielfalt vorzugehen.

Die Sensibilität wächst

Eine Umfrage des niederländischen Asset Managers Robeco unter 300 Anlegern weltweit hat ergeben, dass 56% der Befragten Biodiversität in den nächsten zwei Jahren zu einer Kernstrategie machen würden. Diese Strategie könnte "die Verwendung von Kennzahlen und Zielen für Biodiversität in der Unternehmensanalyse, die Zusammenarbeit mit Unternehmen bezüglich der Biodiversitätsrisiken und gegebenenfalls die Stimmabgabe bei naturrelevanten Beschlüssen umfassen", gehen die ESG-Strategen von Janus Henderson einen Schritt weiter.

"Wir hoffen auf eine offene und ehrliche Debatte darüber, was ESG ist, was damit sinnvollerweise erreicht werden kann und warum es wichtig ist. Dies sollte im Jahr 2023 und darüber hinaus zu konstruktiven Ergebnissen führen", halten sie abschliessend fest.

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