23.03.2026, 10:17 Uhr
Trotz Krieges im Nahen Osten und höherer Ölpreise haben die Ökonomen in der Schweiz ihre Wachstumsprognosen nicht nach unten geschraubt. Das zeigt eine Zusammenstellung des KOF-Instituts.
Der eskalierende Konflikt im Nahen Osten versetzt die Finanzmärkte in Aufruhr. UBS-Konzernchef Sergio Ermotti rechnet mit dauerhaft hohen Energiepreisen – und mahnt zur Vorsicht. Im Hintergrund tobt ein seltener Widerspruch: strukturell positive Fundamentaldaten treffen auf ein akutes geopolitisches Preisfeuer. Eine Übersicht.
Noch Ende 2025 lag der Brent-Rohölpreis bei rund 60 Dollar je Barrel. Seither hat der Markt eine extreme Volatilität erlebt. Mitte März 2026 notierte Brent laut Fortune bereits bei 98,76 Dollar – ein erster Vorgeschmack auf das, was folgen sollte. Diese Woche kletterte der Preis auf 113,45 Dollar je Barrel, ein Plus von mehr als einem Prozent gegenüber Freitag. Seit Beginn der gemeinsamen US-israelischen Militärschläge gegen den Iran am 28. Februar 2026 hat sich Nordseekraftstoff um rund 57 Prozent verteuert, seit Jahresbeginn um mehr als 80 Prozent.
Der entscheidende Flaschenhals ist die Strasse von Hormuz. Die Meerenge ist an ihrer engsten Stelle nur 21 Meilen breit – und dennoch wirtschaftlich von enormer Bedeutung: Rund 20 Prozent der weltweiten täglichen Ölversorgung und 20 Prozent der globalen LNG-Lieferungen fliessen durch diesen Korridor. Die wichtigsten Abnehmer – China, Indien, Japan und Südkorea – beziehen fast 70 Prozent aller Hormuz-Öllieferungen. Auch Europa ist direkt betroffen: Rund 30 Prozent seines Kerosins werden über diese Route angeliefert. Ein UNCTAD-Bericht schätzt, dass eine vollständige Blockade Exporte im Wert von bis zu 1,2 Billionen Dollar pro Jahr gefährden würde.
Auslöser der neuerlichen Marktturbulenzen war ein Ultimatum von US-Präsident Donald Trump: Er drohte dem Iran in der Nacht zum Sonntag mit massiven Angriffen auf iranische Energieanlagen, sollte Teheran die Strasse von Hormuz nicht binnen 48 Stunden vollständig und «ohne Drohungen» für den Schiffsverkehr öffnen. Der Iran reagierte umgehend – und kündigte an, im Falle eines Angriffs seinerseits Energieanlagen und Entsalzungsanlagen in der gesamten Region ins Visier zu nehmen. Explosionen erschütterten Montag früh Teheran, während der Iran erneut Raketen auf Israel und Golfstaaten abfeuerte.
Marktbeobachter kritisieren die uneinheitliche Kommunikation des US-Präsidenten: Kurz vor dem Ultimatum hatte Trump noch erklärt, er erwäge eine Reduzierung der US-Militäreinsätze.
Der Preisschock hat die Analystenszene gespalten. Goldman Sachs erhöhte seine Preisprognose und rechnet für März und April nun mit einem durchschnittlichen Brent-Preis von 110 Dollar je Barrel; für Ende 2026 erwarten die Rohstoffexperten 80 Dollar – nach zuvor lediglich 71 Dollar im vierten Quartal. Die US-Energiebehörde EIA prognostiziert für das zweite Quartal sogar Preise über 95 Dollar, gefolgt von einer Normalisierung auf rund 70 Dollar im vierten Quartal. S&P Global Ratings hat seine Jahresprognose nach der Hormuz-Eskalation auf 80 Dollar angehoben.
Analysten warnen, dass bei anhaltenden Störungen Preise über 120 Dollar je Barrel möglich wären.
Dem gegenüber stehen ausgeprägt pessimistische Fundamentaldaten: Goldman Sachs sieht strukturell einen Angebotsüberschuss und nennt als Jahresdurchschnitt 56 Dollar. J.P. Morgan rechnet mit 58 bis 60 Dollar und warnt, dass das Überangebot dreimal schneller als die Nachfrage wachse. Die Weltbank erwartet 60 Dollar – ein Fünfjahrestief im laufenden Rohstoffzyklus.
Tatsächlich prognostiziert die Internationale Energieagentur (IEA) für 2026 einen globalen Angebotsüberschuss von bis zu vier Millionen Barrel pro Tag, da Nicht-OPEC+-Produzenten wie die USA und Brasilien ihre Förderung ausweiten. OPEC+ hatte zudem ab April 2026 eine Produktionserhöhung von 206'000 Barrel pro Tag angekündigt – mehr als ursprünglich geplant.
Vor diesem Hintergrund zeigte sich Sergio Ermotti, Konzernchef der UBS, am Montag in einem Interview mit Bloomberg TV in Peking zwar besorgt, aber nicht alarmiert. «Die Energiepreise dürften auf absehbare Zeit hoch bleiben und die Lieferketten unter Inflationsdruck setzen», sagte er. «Kunden sind, grob gesagt, noch ruhig. Wir sehen keine grossen Verschiebungen in der Vermögensallokation» – gleichwohl warnte er: «Dieser Druck auf die Wirtschaft wird beginnen, auf die Märkte durchzuschlagen.»
Intern reagiert die UBS mit vorsichtigen Anpassungen: Die Bank könne «taktisch bestimmte Investitionen verlangsamen», ohne das Geschäft grundsätzlich auf «Stop-and-Go» umzustellen, so Ermotti. Mitarbeitende in der Region hätten die Möglichkeit erhalten, mit ihren Familien umzuziehen, wo dies aus persönlichen oder sicherheitsbezogenen Gründen nötig sei.
Die Risikoaversion erfasste nahezu alle Anlageklassen. Europäische Aktien rutschten in die Korrekturzone. Überraschend entwickelte sich Gold: Das Edelmetall fiel um mehr als acht Prozent und verlor damit sämtliche Jahresgewinne – Händler spekulieren, dass anhaltende Inflation die US-Notenbank zu einem restriktiveren Kurs zwingen könnte.
Genau das ist die zentrale geldpolitische Sorge: Die US-Notenbank Fed hat ihren Zinssenkungszyklus 2026 pausiert, weil steigende Ölpreise die Inflation wieder über das Zwei-Prozent-Ziel treiben könnten. Die Wahrscheinlichkeit einer Juni-Zinssenkung ist auf nur noch rund 49 Prozent gefallen. Vanguard erwartet für 2026 nur noch eine einzige Fed-Zinssenkung. IWF-Chefökonomin Gita Gopinath warnte, ein Jahresdurchschnitt von 85 Dollar je Barrel könnte das globale Wachstum um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte reduzieren und die globale Inflation um rund 60 Basispunkte anheben.
Neben Öl und Gas werden rund 30 Prozent der globalen Düngemittelexporte über die Strasse von Hormuz transportiert – ein oft unterschätztes Risiko für die globale Nahrungsmittelversorgung. Russische Ölbarrels werden infolge verschärfter Sanktionen zunehmend von Indien weg und stärker Richtung China umgeleitet, was die Handelsströme weiter verzerrt. Langfristig dämpfen das verlangsamte Wachstum der Ölnachfrage durch Elektromobilität sowie eine stagnierende chinesische Nachfrage den Markt strukturell. Und J.P. Morgan warnt vor einem extremen Tail-Risk: Sollte OPEC+ nicht auf das Überangebot reagieren, seien bis 2027 Preise in der 30-Dollar-Zone denkbar.