Nach den Midterms: Ölpreis und Dollar nehmen der SNB den Zinsdruck

Nach dem Machtwechsel im Kongress setzen die Märkte auf weniger Energie- und Zinsdruck. Für Schweizer Anleger rückt das Dollarrisiko in den Vordergrund. (Bild: Shutterstock)
Nach dem Machtwechsel im Kongress setzen die Märkte auf weniger Energie- und Zinsdruck. Für Schweizer Anleger rückt das Dollarrisiko in den Vordergrund. (Bild: Shutterstock)

Aus dem ersten Schreck nach dem Wahlsieg der Demokraten ist an den Börsen eine Erleichterungsrally geworden. Für die Schweiz zählen zwei andere Bewegungen mehr: Der Ölpreis ist auf den tiefsten Stand seit Ende August gefallen, der Dollar auf gut 81 Rappen. Beides dämpft die importierte Teuerung – und stellt die erwartete Zinserhöhung der SNB infrage. Für Anleger wird dafür das Dollarrisiko zum grösseren Thema.

05.11.2026, 08:04 Uhr
Konjunktur | Notenbanken

Redaktion: asc

Die erste Reaktion auf die US-Zwischenwahlen war am Mittwochmorgen noch eine Flucht in die Sicherheit: Futures auf US-Technologieaktien brachen ein, Anleger kauften Franken, Yen und US-Staatsanleihen. Bis zum Abend drehte das Bild. Der S&P 500 schloss deutlich höher, der Nasdaq machte seine Verluste wett, und der Stoxx Europe 600 legte laut Natixis Investment Managers um 1,86 Prozent zu. Ganz geradlinig verläuft die Erholung aber nicht. Am Donnerstagmorgen verloren Südkoreas Kospi rund 4,8 Prozent und Taiwans Börse rund 2,6 Prozent, belastet von Sorgen um den Ausbau von Rechenzentren. Die Futures auf US-Technologiewerte gaben laut Saxo wieder rund 1,5 Prozent nach.

Der eigentliche Treiber der Rally war der Ölpreis. Brent verlor am Mittwoch 8,7 Prozent und schloss bei 94,62 US-Dollar je Fass, am Donnerstagmorgen notierte die Sorte um 93,50 US-Dollar. Die Märkte setzen darauf, dass der politische Druck nach der Wahlniederlage die Regierung Trump zu einem Verhandlungsende im Iran-Krieg drängt. Mit dem Öl fielen die Renditen: Die zehnjährige US-Staatsanleihe rentierte am Donnerstag im asiatischen Handel noch rund 4,85 Prozent, so wenig wie seit dem 10. September nicht mehr. Der Dollarindex sank auf 101,25 Punkte, den tiefsten Stand seit Ende September.

«Der Rückgang der Ölpreise ist sehr hilfreich für die Risikostimmung», sagte Rodrigo Catril, Devisenstratege bei der National Australia Bank, gegenüber Reuters. Zugleich mahnt er, die Kursbewegungen müssten nicht unbedingt die mittelfristige Dynamik widerspiegeln. Ähnlich nüchtern sieht es Mabrouk Chetouane, Global Head of Market Strategy bei Natixis Investment Managers. Die Märkte begrüssten die sinkende politische Unsicherheitsprämie, doch: «Kurzfristig dürften die makroökonomischen Auswirkungen des Wahlausgangs nahezu null sein.»

Die Teuerung ist importiert – und genau das dreht jetzt

Für die Schweiz ist diese Verschiebung bedeutsamer als die Sitzverteilung im Kongress. Die Teuerung war im Oktober überraschend auf 1,5 Prozent gesprungen, den höchsten Wert seit Dezember 2023. Getrieben war der Anstieg fast vollständig von der Energie: Erdölprodukte kosteten rund 40 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Kerninflation ohne Energie und frische Produkte verharrte dagegen bei 0,5 Prozent.

Genau dieser importierte Teil gerät nun von zwei Seiten unter Druck. Erstens fällt der Ölpreis in Dollar. Zweitens wird der Dollar selbst billiger. Er notierte am Donnerstagmorgen bei 0,8140 Franken, am Mittwoch zeitweise bei 0,8127 Franken, dem tiefsten Stand seit knapp acht Wochen. Für Schweizer Importeure wirken die beiden Effekte multiplikativ: Ein Fass Öl kostet in Franken gerechnet deutlich weniger als noch vor einer Woche.

Was das für die SNB heisst

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hält ihren Leitzins seit Juni 2025 bei null Prozent. Nach der Oktober-Teuerung wurde am Markt über eine Zinserhöhung bereits im Dezember spekuliert. Diese Wette hat sich abgekühlt: Laut Marktdaten von Trading Economics preisen die Märkte eine mögliche Erhöhung nun eher für Anfang 2027 ein, Ökonomen erwarten sie im Lauf des Jahres 2027. Raiffeisen-Chefökonom Fredy Hasenmaile rechnete bereits im September mit zwei Zinsschritten im kommenden Jahr, den ersten möglicherweise im ersten Halbjahr.

Der Grund für die Zurückhaltung liegt auf der Hand: Eine Notenbank, deren Teuerung grösstenteils aus dem Ölpreis stammt, muss nicht gegen einen Ölpreis anheben, der gerade deutlich einbricht. Zudem nimmt der feste Franken der SNB einen Teil der Arbeit ab – und eine Zinserhöhung würde ihn weiter stärken. ING-Devisenstratege Chris Turner bezeichnet eine restriktivere SNB als «eindeutig positiven Faktor für den Schweizer Franken». Santosh Brivio, Leiter Economic Research der Migros Bank, warnt allerdings vor einer raschen geldpolitischen Kehrtwende allein wegen des Wahlausgangs. Zoll- und geopolitische Risiken bleiben bestehen.

Damit droht die Zinsschere weiter aufzugehen. In den USA ist eine Zinserhöhung im Dezember weitgehend eingepreist: Laut CME FedWatch lag die Wahrscheinlichkeit für einen Schritt um mindestens einen Viertelprozentpunkt am Donnerstag bei rund 81 Prozent. «Die Zwischenwahlen selbst dürften diesen Straffungspfad kaum wesentlich verändern», sagte Brian Martin, Leiter G3-Ökonomie bei ANZ. Federated Hermes erwartet ein Zielband von 4,00 bis 4,25 Prozent. Auch die EZB befindet sich in einem Straffungszyklus. Indosuez Wealth Management erwartet allerdings sowohl von der Fed als auch von der EZB weniger Zinserhöhungen, als die Märkte derzeit einpreisen. Bleibt die SNB bei null, stützt die Zinsdifferenz den Dollar gegenüber dem Franken – ein Argument, mit dem etwa Lombard Odier konstruktiver zum Dollar bleibt.

Das Dollarrisiko: Wall Street ist nicht gleich Frankenrendite

Für Schweizer Anleger ist die Währung damit wichtiger als die Frage, ob die Wall Street steigt. Die Geschichte spricht dabei eher gegen den Dollar. Der Zürcher Vermögensverwalter Aquila hat die Zwischenwahlen seit 1970 ausgewertet: In 13 von 14 Fällen stand der S&P 500 ein Jahr nach der Wahl höher, im Schnitt um 12,3 Prozent. Kippte der Kongress komplett, waren es knapp 15 Prozent. Die Zinsen veränderten sich auf Jahressicht kaum, während der Dollar «eher leicht nachgab».

Ein Selbstläufer ist die Dollarschwäche allerdings nicht. Indosuez sieht den Dollar im aktuellen House View weiterhin gestützt, durch die geldpolitische Glaubwürdigkeit der Fed und die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten Europas, und hat sein Kursziel für EUR/USD gesenkt. Zugleich mahnten die angespannte US-Haushaltslage und die bereits hohen Dollarpositionen internationaler Investoren zur Vorsicht. Die Bank plädiert deshalb für eine ausgewogene Währungspositionierung.

Für eine ungesicherte Anlage gilt: Steigt eine US-Aktie um 8 Prozent und fällt der Dollar gleichzeitig um 5 Prozent, bleiben in Franken rund 2,6 Prozent übrig. Steigt sie nur um 5 Prozent, ist der Gewinn bei gleicher Dollarschwäche ganz weg.

Bei Anleihen ist der Zusammenhang noch heikler. Weil weitere defizitäre Gesetze unwahrscheinlicher werden, erwartet Aquila mittelfristig weniger Druck auf das lange Ende der US-Zinskurve. Zentral bleibe für die Zinsmärkte aber die Inflation, die derzeit von den Energiepreisen getrieben werde. Auch Indosuez sieht im Wahlsieg der Demokraten einen potenziellen Entlastungsfaktor, weil das Risiko einer weiteren massiven Ausweitung des Defizits sinke. Die Bank hat die Duration von einer leichten Untergewichtung auf neutral angehoben: Nach dem Ausverkauf – die zehnjährige Rendite erreichte zwischenzeitlich 5,36 Prozent, den höchsten Stand seit 2002 – böten Anleiheportfolios die höchsten erwarteten Erträge seit 15 Jahren. UBS warnt vor einer zu einfachen Lesart: Die Haushaltsverhandlungen 2027 könnten geplante Kürzungen bei Sozialprogrammen abschwächen und zugleich höhere Verteidigungsausgaben bringen. Damit wäre die erwartete Defizitverengung wieder dahin. Das deutlichste politische Risiko für Anleihen sieht die Bank in der Schuldenobergrenze 2027. Mittelfristig rechnet sie dennoch mit etwas tieferen Treasury-Renditen, weil die nachlassende Inflation die Fiskalsorgen überwiegen dürfte. Sinkende US-Renditen bescheren Treasuries Kursgewinne, ein schwächerer Dollar kann diese ungesichert aber aufzehren. Die Absicherung ist teuer: Ihre Kosten richten sich grob nach der Differenz der kurzfristigen Zinsen, und die liegt zwischen Fed und SNB derzeit bei fast vier Prozentpunkten. Von einer Rendite von rund 4,85 Prozent auf zehnjährigen Treasuries bleibt abgesichert grob gerechnet gut ein Prozent – nicht viel mehr als bei Eidgenossen.

Eidgenossen rentieren unter 0,5 Prozent

Auch am Schweizer Anleihenmarkt hinterlässt die Wahl Spuren. Die Rendite der zehnjährigen Bundesobligationen fiel am Mittwoch auf 0,47 Prozent, nahe einem Zweimonatstief. Tiefere Ölpreise und die nachlassende Wette auf eine baldige SNB-Erhöhung drücken die Renditen, die Oktober-Teuerung bremst den Rückgang. Für Pensionskassen mit Frankenverpflichtungen bleibt damit das Dilemma bestehen: Schweizer Obligationen bieten wenig Rendite, ausländische Anleihen nach Absicherung kaum mehr – und ungesichert ein Währungsrisiko, das gerade wieder sichtbar wird.

Exportindustrie: Gegenwind aus zwei Richtungen

Für die Schweizer Wirtschaft ist der feste Franken zweischneidig. Er verbilligt Importe und Energie, belastet aber exportorientierte Unternehmen. Der Euro notierte am Donnerstagmorgen bei 0,9170 Franken. Die Bewegung ist allerdings vor allem eine Dollarschwäche: Gegenüber dem Euro hat der Franken nur leicht zugelegt. «Der Franken erstarkt, das Zollrisiko bleibt», sagt Brivio. Ein demokratischer Kongress ändert an Trumps exekutiven Befugnissen in der Handelspolitik wenig. Laut Chetouane dürfte sich Trumps Einfluss künftig vor allem auf die Handels- und Aussenpolitik konzentrieren. Dass der SMI am Mittwoch dennoch auf einem Rekordhoch über 15'000 Punkten schloss und am Donnerstagmorgen weiter zulegte, zeigt: Der Wechselkurs ist nicht der einzige Kurstreiber, die internationale Erleichterungsrally und die tieferen Energiepreise überwiegen im Index bisher. Entscheidend für die einzelnen Unternehmen ist nicht der Auslandumsatz allein, sondern das Verhältnis von Erlösen und Kosten je Währung.

Die Rally hängt am Öl – und am Budget

Die Erleichterung an den Märkten steht auf einer fragilen Annahme: dass die Eskalationsgefahr im Nahen Osten sinkt. Steigen die Energiepreise wieder, kehrt der Inflationsdruck zurück – und Aktien wie Anleihen könnten gleichzeitig verlieren. Dann wäre auch die Zinserhöhung der SNB schnell wieder ein Thema.

Hinzu kommt der US-Haushalt. Bis Anfang Januar verhandelt noch der alte, republikanisch dominierte Kongress, für den Bundeshaushalt läuft am 11. Dezember eine Frist ab. Chetouane hält eine Blockade durch die Demokraten für denkbar und damit einen Regierungsstillstand oder eine Übergangsfinanzierung, welche die Entscheidung dem neuen Kongress überlässt. Die eigentlichen Schwierigkeiten erwartet er 2027 und 2028, wenn über Schuldenobergrenze und Haushaltsgesetze verhandelt wird.

Unter dem Strich handeln die Märkte nicht den Machtverlust Trumps, sondern die Aussicht auf weniger Energie- und Zinsdruck. Für die Schweiz bedeutet das vorerst weniger Teuerung, weniger Druck auf die SNB – und für Anleger die Erinnerung, dass eine gute Wall Street noch keine gute Rendite in Franken ist.

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