16.10.2026, 07:46 Uhr
Am Freitagmorgen kostet die grösste Kryptowährung wieder knapp 82'000 US-Dollar. Für eine Trendwende fehlt aber einiges: Die ETF-Anleger halten sich zurück, und Fed-Chef Kevin Warsh lässt sich nicht in die Karten...
Die höchsten Renditen bei US-Staatsanleihen seit 2002 und eine wieder straffere Fed haben den Goldpreis deutlich unter sein Rekordhoch vom Januar gedrückt. Trotzdem fliesst so viel Geld wie nie in Gold-ETF, und die Notenbanken kaufen so viel wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Silber, Platin und Palladium trifft der Zinsdruck noch härter.
Das Auf und Ab am Goldmarkt beschäftigt Anleger, gild das Edelmettal doch immer wieder als Fieberkurve. Am Donnerstagabend notierte Gold bei rund 4'170 US-Dollar je Feinunze, gut 1.5 Prozent höher als am Vortag. Am Mittwoch war das Metall noch bis gegen 4'100 US-Dollar gefallen. Vom Rekord im Londoner Fixing von 5'405 US-Dollar vom 29. Januar 2026 ist Gold damit rund 23 Prozent entfernt.
Den grössten Teil verlor Gold im September: Laut World Gold Council (WGC) fiel der Preis in diesem Monat um 8.5 Prozent auf 4'176 US-Dollar. Seit Jahresbeginn lag Gold Ende September 4.4 Prozent im Minus.
Laut WGC erklären vor allem zwei Faktoren den Rückgang: höhere Anleiherenditen und ein stärkerer Dollar. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg im September um 53 Basispunkte auf rund 5.3 Prozent, der Dollar-Index legte rund 2 Prozent zu. Vergangene Woche erreichte die zehnjährige Rendite zeitweise 5.36 Prozent, den höchsten Stand seit 2002.
Die Ursachen liegen vor allem im Anleihemarkt:
Für Gold sind das schlechte Nachrichten. Ein Edelmetall ohne Zinsen verliert an Reiz, wenn Staatsanleihen über 5 Prozent abwerfen. Auch am Terminmarkt zogen sich Investoren zurück: Die Nettopositionen spekulativer Anleger an der Comex sanken im September um 12 Milliarden US-Dollar oder 84 Tonnen.
Wie eng Gold an den Renditen hängt, zeigte sich am Donnerstag. Ein Ausverkauf bei Technologie-Titeln mit KI-Bezug trieb Anleger in Staatsanleihen. Der koreanische Kospi brach um 7.6 Prozent ein, der japanische Nikkei verlor 4.9 Prozent. Die Rendite der zehnjährigen US-Anleihe sank auf rund 5.08 Prozent, den tiefsten Stand seit drei Wochen. Der Dollar fiel von seinem 18-Monats-Hoch zurück.
Gold stieg daraufhin deutlich, obwohl die Produzentenpreise am selben Tag klar über den Erwartungen lagen. Entscheidend für das Metall ist derzeit also vor allem die Richtung der Renditen und weniger die Inflationszahl selbst.
Trotz der Preisverluste ist die Nachfrage stark. Gold-ETF verzeichneten im September weltweit Zuflüsse von 10 Milliarden US-Dollar oder 67 Tonnen. Ihre Bestände stiegen auf den Rekord von 4'256 Tonnen. Das dritte Quartal war mit 31 Milliarden US-Dollar das stärkste der Geschichte. Europa zog im Quartal mit 14 Milliarden US-Dollar mehr Geld an als Nordamerika. Allein in britische ETF flossen 7.5 Milliarden US-Dollar, mit Zuflüssen in 12 von 13 Wochen.
Der WGC bringt die überdurchschnittlichen britischen Zuflüsse ausdrücklich mit der steigenden Laufzeitprämie britischer Staatsanleihen in Verbindung. Manche Investoren sähen den Renditeanstieg offenbar eher als Warnsignal denn als gesunde Normalisierung, schreibt der Branchenverband.
Auch die Notenbanken kaufen mehr. Laut vorläufigen WGC-Daten, über die die «Financial Times» berichtete, erwarben sie im September rund 63 Tonnen Gold – der grösste Monatswert seit November 2024. Allein die chinesische Zentralbank stockte ihre Reserven um 21 Tonnen auf 2'196 Tonnen auf, der grösste Monatskauf seit drei Jahren und der 23. Monat in Folge mit Nettokäufen.
Dahinter stehen zwei gegenläufige Effekte des Anleihemarkts. Höhere Renditen machen das Halten von Gold teurer. Gleichzeitig steigt die Sorge um die Staatsfinanzen, und davon profitiert Gold. Bleiben die Renditen hoch, obwohl die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen sinken, dürften fiskalische Risiken stärker in den Vordergrund rücken. Gold würde das stützen.
Silber, Platin und Palladium stehen ebenfalls unter Zinsdruck, zuletzt teilweise deutlich stärker als Gold. Der wesentliche Unterschied ist ihre stärkere Abhängigkeit von der Industrienachfrage. Höhere Zinsen erhöhen nicht nur die Konkurrenz durch Anleihen. Sie können auch die Nachfrage nach Elektronik, Solaranlagen und Fahrzeugen bremsen.
| Metall | Kassakurs in US-Dollar je Feinunze¹ | Rekordhoch 2026 | Jüngste Entwicklung |
|---|---|---|---|
| Gold | rund 4'170 | 5'405 (Fixing, 29. Januar) | Erholung dank fallender Renditen |
| Silber | rund 57 | über 120 (Ende Januar) | Erholung um rund 3 Prozent nach Einbruch am Mittwoch |
| Platin | rund 1'600 | rund 2'900 (Ende Januar) | Dreimonatstief im Januar-Future |
| Palladium | rund 1'100 | – | Tiefster Stand seit August 2025 im Dezember-Future |
¹ Kassakurse vom Abend des 15. Oktober 2026, gerundet. Kassakurse und Futures sind unterschiedliche Instrumente.
Am Mittwochnachmittag verlor der Dezember-Future auf Silber laut einem Kommentar von Charles Schwab zeitweise mehr als 6 Prozent und notierte bei rund 55.85 US-Dollar, so tief wie zuletzt im Juli. Goldfutures lagen im selben Zeitraum nur rund 1.3 Prozent im Minus. Belastend wirkten nicht nur höhere Renditen und ein stärkerer Dollar, sondern auch die Sorge, dass höhere Finanzierungskosten die industrielle Nachfrage dämpfen, etwa für Elektronik, Stromnetze und Solaranlagen.
Am Donnerstag erholte sich Silber um gut 3 Prozent auf rund 57 US-Dollar. Das ist eine Stabilisierung, aber noch keine Trendwende: Ende Januar hatte Silber noch über 120 US-Dollar gekostet, der Preis hat sich seither mehr als halbiert. Das Gold-Silber-Verhältnis stieg diese Woche auf über 73, den höchsten Wert seit Dezember 2025; im Januar hatte es noch unter 46 gelegen. CME-Ökonom Erik Norland erklärt die grösseren Ausschläge mit dem kleineren Markt: Silber bewegt sich oft im Gleichschritt mit Gold, schwankt aber stärker. Schon kleine Umschichtungen lösen deshalb grosse Preisbewegungen aus, in beide Richtungen.
Der Januar-Future auf Platin fiel im Ausverkauf zeitweise um 3.75 Prozent auf 1'608.50 US-Dollar, ein Dreimonatstief. Vom Rekord Ende Januar bei rund 2'900 US-Dollar ist das Metall weit entfernt. Längerfristig hängt Platin nicht nur vom Zins ab, sondern auch von der Nachfrage nach Autokatalysatoren, Schmuck und Industrieanwendungen sowie von der Minenproduktion. Die CME verweist auf die schwindende Nachfrage nach Dieselfahrzeugen.
Konstruktiver sah Metals Focus das Angebot: In seinem Ausblick vom Oktober 2025 erwartete das Institut für 2026 ein Defizit von 480'000 Unzen, unter anderem wegen sinkender Minenproduktion und jahrelanger Unterinvestitionen. Das ist eine Prognose und keine bestätigte Marktbilanz. Ein knappes Angebot kann Platin stützen; den jüngsten Verkaufsdruck hat es aber nicht verhindert.
Der Dezember-Future auf Palladium fiel um 2.74 Prozent auf 1'096.50 US-Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit August 2025. Neben den Zinsen belastet vor allem der steigende Anteil an Elektrofahrzeugen die Nachfrage nach Katalysatoren. Metals Focus hatte für das vierte Quartal 2026 einen Durchschnittspreis von 1'150 US-Dollar prognostiziert und dies mit schwächerer Autonachfrage und mehr Recycling begründet. Der aktuelle Kurs liegt in dieser Grössenordnung. Daraus lässt sich aber nicht schliessen, dass der Preis seinen Boden gefunden hat.
| Marktumfeld | Wahrscheinliche Wirkung |
|---|---|
| Steigende Renditen und stärkerer Dollar | Gegenwind für alle Edelmetalle. Silber, Platin und Palladium trifft es stärker als Gold. |
| Fallende Renditen bei stabiler Konjunktur | Günstigstes Umfeld. Die Konkurrenz durch Anleihen nimmt ab, ohne dass die Industrienachfrage einbricht. |
| Fallende Renditen wegen deutlicher Konjunkturabkühlung | Gold profitiert als sicherer Hafen. Bei Silber und den Platinmetallen kann schwächere Industrienachfrage die Zinsentlastung teilweise aufheben. |
| Hohe Renditen aus fiskalischen Sorgen | Gemischt für Gold: Das Halten kostet mehr, gleichzeitig steigt die Nachfrage zur Absicherung gegen Risiken bei Staatsanleihen. |
| Breite neue Zuflüsse in Edelmetalle | Die kleineren Märkte reagieren überproportional, bei späteren Abflüssen aber ebenso. |
Der nächste Prüfstein ist die Fed-Sitzung vom 27. und 28. Oktober. Nach den Inflationsdaten dieser Woche sehen die Terminmärkte die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung bei rund 30 Prozent. Gemäss Protokoll der September-Sitzung hielt eine Mehrheit der Fed-Mitglieder eine weitere Erhöhung an einer der kommenden Sitzungen für wahrscheinlich angemessen. Für Gold zählt vor allem, ob die Renditen nach dem Rückgang vom Donnerstag wieder steigen. Bei Silber spielen zusätzlich Elektronik und Solarindustrie eine Rolle, bei Platin die Angebotsknappheit und bei Palladium der Automobil- und Recyclingmarkt. Diese Unterschiede erklären, warum sich die Edelmetalle trotz gemeinsamer Zinsbelastung mittelfristig sehr unterschiedlich entwickeln dürften.