14.01.2026, 11:13 Uhr
Die Handelspolitik von Ländern wie den USA oder China dürften das Weltgeschehen auch in den kommenden Jahren beeinflussen. In dem vom World Economic Forum (WEF) durchgeführten und am Mittwoch publizierten Global...
Kurz vor dem Start des WEF in Davos, zeichnet sich ab, dass der Handelskonflikt die Debatten in Davos dominiert. Im Grönland-Konflikt verhärten sich die Fronten zwischen den USA und der EU. Der deutsche Vizekanzler Lars Klingbeil kündigt «geschlossene Gegenmassnahmen» an, während Ökonomen vor den wirtschaftlichen Folgen warnen.
Am diesjährigen Jahrestreffen des World Economic Forums (WEF) kündigt sich die grösste US-Delegation der Geschichte an, angeführt von Präsident Donald Trump. Gleichzeitig zeichnet sich schon jetzt ein grosses Thema ab, welches die Debatte in Davos dominieren wird: der neue Handelskonflikt zwischen den USA und der EU.
Denn inzwischen nimmt die europäische Antwort auf Donald Trumps neuerliche Zolldrohungen Gestalt an. Bei einem gemeinsamen Auftritt mit seinem französischen Amtskollegen Roland Lescure in Berlin machte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil am Montag unmissverständlich klar: «Wir lassen uns nicht erpressen. Es wird eine geschlossene, eine deutliche Antwort Europas geben.»
Der Vizekanzler und SPD-Chef skizzierte einen Drei-Punkte-Plan für den Fall, dass Trump seine Drohungen wahrmacht. Erstens: Das mühsam ausgehandelte Zollabkommen mit den USA, das diese Woche im Europäischen Parlament verabschiedet werden sollte, liegt auf Eis. Zweitens: Ausgesetzte EU-Zölle auf US-Importe im Volumen von 93 Milliarden Euro könnten bereits am 6. Februar automatisch in Kraft treten. Drittens: Die EU prüft den Einsatz ihres sogenannten Anti-Coercion-Instruments – einer Art «Handels-Bazooka», die Vergeltungszölle, den Ausschluss von US-Unternehmen bei öffentlichen Aufträgen sowie Ein- und Ausfuhrbeschränkungen ermöglicht. «Unsere Hand ist ausgestreckt, aber wir sind nicht bereit, uns erpressen zu lassen», sagte Klingbeil. «Die Grenze ist erreicht.»
Die EU-Staats- und Regierungschefs kommen voraussichtlich am Donnerstag zu einem Sondergipfel zusammen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stimmte die Mitgliedstaaten bereits auf einen harten Kurs ein: «Wir werden stets unsere strategischen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen schützen», schrieb sie auf X.
Der Konflikt hatte sich am Wochenende dramatisch zugespitzt. Trump kündigte über sein soziales Netzwerk an, ab dem 1. Februar zehn Prozent Strafzölle auf Einfuhren aus Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Frankreich, Grossbritannien, den Niederlanden und Finnland zu erheben – allesamt NATO-Verbündete. Sollten diese Länder ihren Widerstand gegen die US-Annexionspläne für Grönland nicht aufgeben, droht Trump mit einer Erhöhung auf 25 Prozent ab Juni.
Acht europäische Staaten wiesen die Ansprüche in einer gemeinsamen Erklärung zurück: «Wir stehen in voller Solidarität an der Seite des Königreichs Dänemark und der Bevölkerung Grönlands.»
An den Finanzmärkten wächst die Nervosität. «Anleger werden sich schmerzlich an den Anfang April erinnern, als Trump seine ersten Zollpläne vorstellte und der DAX um mehr als 18 Prozent einbrach», warnt Frank Sohlleder von Activtrades. «Das aktuelle Szenario wirkt wie ein gefährliches Déjà-vu.»
Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, mahnt zur Vorsicht: «Zuletzt gab es Anzeichen, dass die Weltwirtschaft in eine Erholungsphase eintritt. Doch der Grönland-Konflikt zeigt: Die weltwirtschaftliche Entwicklung steht auf tönernen Füssen.»
Für Christian Schulz, dem Chefökonomen von AllianzGI hat sich der Grönland-Konflikt möglicherweise schon in eine konkrete wirtschaftliche Bedrohung verwandelt, wodurch das Risiko steige, dass sich eine gezielte Massnahme schnell zu einem systemischen Schock ausweiten könnte.
Für Martin Wolf, den einflussreichen Chefökonomen der Financial Times, zerstören China und die USA gemeinsam die liberale Handelsordnung der Nachkriegszeit. Am Ende droht nicht nur wirtschaftlicher Schaden, sondern offener Konflikt. Seiner Meinung nach sind die gegenwärtigen Entwicklungen zwei Seiten derselben Medaille: der Wiederkehr des Merkantilismus. Jene Wirtschaftsdoktrin, die vom 16. bis 18. Jahrhundert das europäische Denken prägte und internationale Wirtschaftspolitik vor allem als Instrument staatlicher Macht verstand. Handel als Nullsummenspiel – du gewinnst, ich verliere.