03.03.2026, 08:16 Uhr
Der Tod von Irans oberstem Führer Khamenei und iranische Drohnenangriffe auf Katars Gasanlagen haben eine neue Ära der Marktunsicherheit eingeläutet – und ein Grundprinzip des Investierens erschüttert: die...
Was als breiter Technologieboom begann, ist zu einer Debatte über Bewertungen, Beschäftigung und gesellschaftliche Ordnung geworden. Frédéric Leroux, Head of Cross Asset bei Carmignac, analysiert, warum Anleger heute mehr denn je zwischen Gewinnern und Verlierern der KI-Transformation unterscheiden müssen.
KI hat die Börsen nicht nur in Bewegung gebracht: Sie stellt das wirtschaftliche Fundament westlicher Gesellschaften in Frage. Doch wie hat alles begonnen: Seit der Vorstellung von ChatGPT im November 2022 beflügelte das Thema künstliche Intelligenz (KI) die globalen Aktienmärkte mit ungebremster Dynamik. Anleger konzentrierten sich zunächst auf die unmittelbaren Nutzniesser: Hardwarehersteller als Ausrüster von Rechenzentren sowie die sogenannten Hyperscaler - Amazon, Google, Microsoft, Meta und Oracle - als deren grösste Auftraggeber. Das Resultat war ein breiter, nahezu undifferenzierter KI-Börsenboom.
Erste Risse im Konsens
Ab Oktober 2025 begann sich das Bild zu differenzieren. Während Hardwarewerte weiter zulegten, gerieten Software- und Hyperscaleraktien zunehmend unter Druck. «Bei Softwareunternehmen fürchteten Anleger direkten Wettbewerb durch KI-gestützte Eigenentwicklungen», so Frédéric Leroux, Head of Cross Asset bei Carmignac in seiner Analyse. Und weiter: «Bei den Hyperscalern rückte die Frage in den Vordergrund, ob die billionenschweren Investitionen in Rechenzentrumskapazitäten überhaupt profitabel werden können - zumal kurzfristig vor allem Hardwareanbieter davon profitierten.»
Anfang Februar 2026 löste Anthropic, der Konkurrent von OpenAI, einen Marktschock aus: Das Unternehmen stellte einen KI-Agenten für juristische Aufgaben vor und provozierte damit einen globalen Ausverkauf von Dienstleistungsaktien. Kurz darauf folgten weitere spezialisierte Agenten. «Investoren begannen zu realisieren, in welchem Ausmass KI-Bürotätigkeiten strukturell bedrohen könnten», erklärt Leroux, «und reduzierten rasch ihre Positionen in wissensbasierten Dienstleistungsunternehmen.»
Die unmittelbaren Folgen liessen sich an den Indizes ablesen: Der koreanische Kospi übertraf den S&P 500 im Monatsvergleich um mehr als 20 Prozentpunkte. Die KI-Blase entlud sich nicht durch einen Gesamtabsturz, sondern durch eine heftige sektorinterne Rotation.
Die Sorge vor einer Bewertungsblase wich nun tiefgreifenderen makroökonomischen Fragen. Besondere Aufmerksamkeit erlangte der Citrini Research-Bericht «The 2028 Global Intelligence Crisis», der ein beunruhigendes Szenario einer Entlassungsspirale beschreibt. Ebenso viel Beachtung fand eine Analyse von George Saravelos, Global Head of FX Research bei der Deutschen Bank, der zwei mögliche Endszenarien skizzierte: KI als Verstärker menschlicher Fähigkeiten - mit steigenden Löhnen als Folge - oder KI als vollständiger Ersatz von Geist und Hand des Menschen. «Das Kapital wird zur Arbeit», fasst Leroux das Kerndilemma zusammen. «Wenn KI die menschlichen Fähigkeiten erweitert, steigert sie den Wert der Arbeit. Wenn sie jedoch das Gehirn und die Hände des Menschen ersetzt, löst sie das Problem der knappen Arbeit - indem sie deren Wert auf null senkt.»
Die Debatte zwischen «erweiterter Intelligenz» und «ersetzter Intelligenz» gewann an politischer Schärfe, als Jack Dorsey am 27. Februar 40 Prozent seiner Belegschaft bei Block Inc. entliess. Andere folgten. Insbesondere auch Beratungsunternehmen stellen weniger ein. Mit Folgen, auch politischer Natur. Ein grundsätzliches Umdenken findet statt. Und der Wert der Arbeit erhält eine neue Bedeutung, so Leroux: «Noch nie schien die Notwendigkeit einer klaren und entschlossenen politischen Vision so dringend. Ein neues Verteilungssystem für einen neuen Lebensentwurf der Menschen zu organisieren, ist jedoch keine Kleinigkeit.»
Am 28. Februar griffen schliesslich Israel und die USA den Iran an - ein Ereignis, das den Blick von der KI-Debatte ablenken könnte, strukturell aber mit ihr verknüpft ist. «Die neue Welt riecht nach Schiesspulver und Öl», formuliert Leroux pointiert. «Der Zusammenhang zwischen fossilen Brennstoffen und energiehungriger KI bildet eine Brücke zwischen der alten und der neuen Welt.» Den deflationären Impulsen einer breit eingesetzten KI stehen damit inflationäre Risiken aus geopolitischen Verwerfungen gegenüber.
Zuerst die KI-Euphorie, dann die Kriegsangst. Das löst bei vielen Ängste aus. Solche Ängste bei grossen technologischen Umbrüchen sind kein neues Phänomen. «Grosse technologische Umwälzungen haben schon immer tiefe Ängste ausgelöst», schreibt Leroux, «anfangs vor allem die Angst vor einem deutlichen Verlust an Arbeitsplätzen, da es einfacher ist, zu erkennen, welche Berufe wegfallen werden, als zu erahnen, welche neu entstehen werden. Was rückblickend dabei immer klar wird: Bei allen Umwälzungen entstanden letztendlich mehr neue Arbeitsplätze.»
Ist es diesmal anders? Wie sieht es um die Konzentration von Macht in wenigen Händen, um algorithmische Kontrolle des Alltags und fundamental um die Frage, was menschliche Arbeit in einer Welt bedeutet, in der Maschinen sie vollständig übernehmen können? Zentrale Fragen, auf denen noch keine klaren Antworten vorhanden sind.
Für professionelle Investoren bedeutet das gegenwärtige Umfeld vor allem Differenzierungsarbeit. «Was wir als Portfoliomanager tun können, ist, zwischen den gegenwärtigen und zukünftigen Gewinnern und Verlierern der KI zu unterscheiden und ihre Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Entwicklungen zu verstehen», so Leroux. «Dies bedeutet in gewisser Weise auch, die Unternehmen dazu anzuregen, mit Blick auf die aktuellen tiefgreifenden Veränderungen echte soziale Verantwortung zu übernehmen.»
Mittelfristig müssten Unternehmen, Behörden und Selbständige bereits heute Kreativität in der Ausgestaltung paralleler Wirtschaftsmodelle beweisen. Langfristig dürften die Produktivitätsgewinne durch KI und Robotik laut Leroux genau zur richtigen Zeit kommen: «als Gegengewicht zum demografischen Rückgang der Erwerbsbevölkerung und zur Alterung der Gesellschaft in den entwickelten Volkswirtschaften.»