Rückblick 2020, Ausblick 2021

Marc Brütsch, Chief Economist, Swiss Life
Marc Brütsch, Chief Economist, Swiss Life

Am 8. Januar 2020 berichtete die Neue Zürcher Zeitung erstmals vom Ausbruch einer mysteriösen Lungenkrankheit in China. Heute wissen wir, dass diese Meldung eine weltweite Gesundheitskrise und die schwerste Rezession seit Jahrzehnten ankündigen sollte.

05.01.2021, 15:24 Uhr

Autor: Marc Brütsch, Chief Economist, Swiss Life

Am 11. März erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO den COVID-19 Ausbruch zur Pandemie. Aufrufe zu strikter Hygiene und Abstandhaltung und das Verbot von Grossveranstaltungen führten gegen Ende des ersten Quartals 2020 zu einem wirtschaftlichen Einbruch in Europa. Die Verunsicherung erfasste auch die Aktienmärkte. Die besondere Natur der Krise erlaubte es den Behörden, frühzeitig mit kräftigen geld- und fiskalpolitischen Massnahmen Gegensteuer zu geben. So nahm die US- Notenbank im März weitere Zinssenkungen vor, begleitet von der Ankündigung erneuter Anleihekäufe. Ebenfalls noch im März wurde im US-Kongress in parteiübergreifender Einigkeit ein grosses Konjunkturpaket geschnürt. Auch in der Schweiz wurde ein umfassendes Fiskalpaket ins Leben gerufen, um Firmen mit Liquiditätsproblemen zu unterstützen. Als längerfristige Massnahme einigten sich im Juli die EU Mitgliedsländer auf einen mit 750 Milliarden Euro dotierten Wiederaufbau-Fonds.

Geringerer Schaden durch zweite Pandemie-Welle

Trotz all dieser Massnahmen führte der Angebotsschock auf die Weltwirtschaft zur grössten Rezession seit Jahrzehnten. Mit der allmählichen Lockerung der Eindämmungsmassnahmen setzte in Europa ab Mitte Mai eine Erholung ein. Diese Entwicklung und das von Geld- und Fiskalpolitik gespannte Sicherheitsnetz sorgten für eine starke Erholung an den Aktienmärkten. Als im November klar wurde, dass eine zweite Welle Europa erfasst hat, wurden wiederum weite Bereiche der Wirtschaft heruntergefahren. Trotz der erheblich verschlechterten epidemiologischen Lage zeigte sich rasch, dass der wirtschaftliche Schaden der ergriffenen Eindämmungsmassnahmen geringer sein wird, als während der Zeit von Februar bis Mai 2020.

Drei Gründe sind dafür verantwortlich: Erstens ist seit dem Frühling klar, dass die Geld- und Fiskalpolitik aufs Ganze gehen würde, um die Gefahr einer Finanzkrise zu bannen. Zweitens bleiben die internationalen Lieferketten intakt, so dass die Industrie ihre Produktion aufrechterhalten kann. So konnte das verarbeitende Gewerbe in Europa drittens von der anziehenden Nachfrage aus Asien und Amerika profitieren. Genau das bestätigte sich im November und Dezember mit den erstaunlich robusten Werten der Einkaufsmanagerindizes aus der Industrie. Eine Folge der Pandemie ist, dass neuerdings hochfrequente Datenreihen zum Konjunkturverlauf verfügbar sind. Diese bestätigen gerade für die Schweiz den Befund, dass das Bruttoinlandsprodukt im Schlussquartal 2020 wohl stagnierte, aber keinesfalls im gleichen Ausmass einbrach wie im Laufe des zweiten Quartals.

Bereits in das neue Jahr weisen zwei wichtige Ereignisse der letzten Tage von 2020: Die EU und das Vereinigte Königreich trafen eine Übereinkunft auf ein Handelsabkommen zur Regelung des Brexits. Und schliesslich gab der scheidende US-Präsident Trump seinen Widerstand gegen ein Konjunkturpaket zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie auf. Beide Ereignisse wurden von den Aktienmärkten positiv begrüsst. So endete das Jahr mit der erstaunlichen Tatsache, dass führende Aktienindizes wie Deutschlands DAX trotz fortdauernder Pandemie neue Allzeithöchststände erreichten.

Zwischenzeitlicher Rückschlag dürfte überwunden sein

Der zwischenzeitliche Rückschlag auf dem Erholungspfad dürfte im Laufe des ersten Quartals 2021 überwunden sein. Mit Beginn der Impfkampagnen könnte 2021 den Anfang vom Ende der Pandemie bringen. Gerade in Deutschland hat die regierende Koalition deshalb bis zu den Neuwahlen im September alle Anreize, um an ihrer grosszügigen Fiskalpolitik festzuhalten. Ebenso versichern die Notenbanken, dass die ultralockere Geldpolitik fortgesetzt wird. So meinte der Vorsteher der US-Notenbank, Jerome Powell, man würde "nicht einmal daran denken, darüber nachzudenken, die Leitzinsen anzuheben". Auch die EZB wird über das Jahr 2021 hinaus an ihren Anleihekaufprogrammen festhalten. Nach heutiger Einschätzung dürfte das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz in der zweiten Jahreshälfte 2021 auf das Vorkrisenniveau zurückkehren. Rückschläge in der Impfkampagne oder eine weitere Verschlechterung der epidemiologischen Lage durch Mutationen des Virus oder einen erneuten Ausbruch der Pandemie in Asien hätten einen grösseren wirtschaftlichen Rückschlag zur Folge.

Doch selbst im günstigen Fall einer fortgesetzten wirtschaftlichen Erholung zeichnen sich die Spätfolgen der Rezession ab. Wir rechnen für die Schweiz in der ersten Jahreshälfte mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 4%. Auch die Zahl der Firmenkonkurse und Geschäftsaufgaben wird deutlich ansteigen. Mögliche Langzeitfolgen über 2021 hinaus könnten nachhaltig höhere Inflationsraten und vermehrte politische Unsicherheit sein. Eine aktuelle Studie des Internationalen Währungsfonds IWF weist nach, dass politische Unruhen im Anschluss an eine Pandemie vermehrt auftreten.

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