Ein neuer Kalter Krieg?

Die geopolitischen Risiken im Jahr 2020 beschränken sich nicht nur auf den Konflikt zwischen den USA und China. (Bild: Shutterstock.com/Dreamland Media)
Die geopolitischen Risiken im Jahr 2020 beschränken sich nicht nur auf den Konflikt zwischen den USA und China. (Bild: Shutterstock.com/Dreamland Media)

Die Spannungen im Verhältnis zwischen den USA und China haben mit der COVID-19-Pandemie zugenommen. Was bedeutet diese geopolitische Rivalität für die Weltwirtschaft und die internationalen Märkte?

07.09.2020, 05:00 Uhr

Autor: Aviva Investors

Im Jahr 1971 flog Henry Kissinger, Nationaler Sicherheitsberater der USA, zu einem geheimen Treffen mit dem chinesischen Premierminister Zhou Enlai nach Peking. Dieser Besuch markierte den Beginn einer entspannteren Phase in den amerikanisch-chinesischen Beziehungen, die ein Jahr später in dem historischen Gipfeltreffen von US-Präsident Richard Nixon und dem KP-Vorsitzenden Mao Zedong endete.

Bei diesem Treffen fragte Kissinger Premierminister Zhou nach seinem Urteil über die Französische Revolution von 1789. Zhou antwortete: "Dafür ist es noch zu früh.“ In späteren Berichten wurde dieser Kommentar als Wegweiser für die langfristige Vision der chinesischen Führung viel zitiert, tatsächlich entsprang er jedoch einem Missverständnis. Zhou dachte, Kissingers Frage ziele auf die Revolte von 1968 ab, deren Funke von Paris aus um die Welt ging. (1)

Diese Anekdote hat durchaus gewisse Parallelen zur heutigen Situation. So schlecht wie derzeit war das amerikanisch-chinesische Verhältnis seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Und wie 1968 verschärft heute die Covid-19-Pandemie bestehende soziale und wirtschaftliche Spannungen. Das Verhältnis zwischen den beiden Grossmächten ist wieder einmal durch eine Verhärtung der Fronten und Missverständnisse geprägt. Welche Implikationen hat dies für die Weltwirtschaft und die globalen Finanzmärkte in einer Welt, die ihren Weg aus der COVID-19-Krise sucht? Und wie stehen die Chancen für ein neues geopolitisches Tauwetter?

Geopolitik und COVID-19

Die geopolitischen Risiken im Jahr 2020 beschränken sich nicht nur auf den Konflikt zwischen den USA und China. Schon vor der Corona-Krise beherrschte das Säbelrasseln zwischen den USA und dem Iran die Schlagzeilen. Anfang Januar hatten die USA einen prominenten iranischen General, Qasem Soleimani, als Vergeltung für einen Anschlag auf die US-Botschaft im Irak ermorden lassen. Ein bewaffneter Konflikt oder zumindest eine Beschleunigung des iranischen Atomprogramms war nicht mehr ganz auszuschliessen. (2)

Die Entscheidung Saudi-Arabiens Anfang März, mehr Öl zu fördern, um seinen Marktanteil zulasten anderer Anbieter auszuweiten, sorgte für eine weitere Destabilisierung im Nahen Osten. Dieser Schachzug kam für die internationalen Märkte völlig überraschend und führte zu einem Preisrutsch am Rohölmarkt.

Die Corona-Pandemie hat die Aufmerksamkeit von diesen Ereignissen abgelenkt. Iran ist eines der von COVID-19 am schlimmsten in Mitleidenschaft gezogenen Länder und musste sich auf die Bewältigung der Gesundheitskrise im eigenen Land konzentrieren. Seine Aussenpolitik rückte in den Hintergrund. Saudi-Arabien schloss mit der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) eine Vereinbarung zur Angebotsverknappung, nachdem das Ausmass des COVID-19-bedingten Nachfrageeinbruchs absehbar war.

Mittlerweile stand jedoch der Konflikt zwischen den USA und China wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit. US-Präsident Trump machte die chinesische Staatsführung für den Ausbruch der Corona-Krise verantwortlich. Er sprach vom chinesischen Virus und setzte das Gerücht in die Welt, das Virus sei in einem chinesischen Labor gezüchtet worden. Die chinesische Regierung ihrerseits schob die Schuld an der Verbreitung des Virus den USA zu. (3)

Da beide Mächte offenbar vom Krisenmanagement zu Hause ablenken wollen, wird die verbale Auseinandersetzung mittlerweile mit so harten Bandagen geführt, dass sie die gegenseitigen wirtschaftlichen Beziehungen erheblich belastet und damit auch die globale Erholung nach der Krise beeinträchtigt.

"Das ist nicht mehr nur ein reiner Handelsstreit. Dieser Konflikt zieht bereits viel weitere Kreise“, sagt Harriet Ballard, Senior Multi-Asset Strategist bei Aviva Investors in London.

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Quellen:

David Rothkopf: "Why it’s too early to tell how history will judge the Iran and Greece deals", Foreign Policy, 14. Juli 2015.

David Gardner: "Soleimani assassination risks all-out war between US and Iran", Financial Times, 3. Januar 2020.

Michael H. Fuchs: "The US-China coronavirus blame game is undermining diplomacy", The Guardian, 31.März 2020.

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