Gegen den Strom

Peter Singlehurst, Head of Private Companies, Investment Manager, Baillie Gifford
Peter Singlehurst, Head of Private Companies, Investment Manager, Baillie Gifford

Neben Neugierde und Geduld brauche es auch den Mut, anders als die Masse zu sein, meint Peter Singlehurst von Baillie Gifford. Obwohl das Konzept an sich einfach sei, erachtet er es als schwierig, es gegen den Strom der verbreiteten Kultur der Finanzbranche zu leben.

04.06.2021, 15:33 Uhr

Redaktion: rem

"Neugierde und Geduld sind zwei Aspekte, die Baillie Gifford einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Aber um neugierig zu sein und um geduldig zu sein, brauchen wir eine weitere Zutat. Wir müssen mutig sein", sagt Peter Singlehurst, Head of Private Companies und Investment Manager bei Baillie Gifford. Gemeint sei nicht der Mut, den medizinisches Personal während der Pandemie oder Soldaten unter Beschuss auszeichne. Gemeint sei vielmehr der Mut, der es ermögliche, anders als die Masse zu sein.

Als Vermögensverwalter könne Baillie Gifford nicht in jeder Hinsicht anders sein. Vielmehr sei es der bewusste Entscheid, wie und warum sei Unternehmen anders sein wolle, betont Singlehurst und fügt an: "Eine Entscheidungshilfe dabei ist, über zwei konkurrierende Theorien der Menschenmassen nachzudenken: Die Weisheit der Vielen und der Wahnsinn der Massen."

Die Weisheit der Vielen würde genaue Schätzungen erlauben …

Die Theorie der Weisheit der Vielen besagt, dass die durchschnittliche Schätzung einer grossen Anzahl Personen nicht nur besser ist als die jedes einzelnen Individuums, sondern auch ziemlich präzise. Die aggregierten Schätzungen der Vielen werden aus einem gewissen Anteil an Wahrheit und einem gewissen Anteil an Irrtum bestehen. Im Fall einer "weisen" Menge ist der Fehler zufällig verteilt. Das bedeutet, dass sich der Fehler, ob hoch oder niedrig, selbst aufhebt und eine durchschnittliche Schätzung übrig bleibt, die sehr nahe an der Wahrheit zu liegen scheint.

"Diese Theorie wird oft als magisch angesehen. Sie untermauert einen Grossteil der Hypothese des effizienten Marktes. Aber, wenn sie wahr ist, warum verhalten sich Menschenmengen manchmal seltsam", fragt Singlehurst.

… wenn die Voreingenommenheit die Masse nicht in den Wahnsinn führen würde

Die Grundhypothese des Wahnsinns der Massen sei, dass – obwohl sich ein Individuum rational verhalten könnte – die Aggregation dieser Verhaltensweisen zu einer Masse führt, die sich scheinbar irrational verhält, erklärt der Investment Manager weiter. Der Sprung von einer weisen Menge zu einer wahnsinnigen Masse geschehe, wenn der Irrtum nicht mehr zufällig sei, sondern systemisch in eine bestimmte Richtung gehe. Die Menge verhalte sich irrational, nicht weil ein bestimmtes Individuum von Natur aus falsch liege, sondern weil die Aggregation der Voreingenommenheit der Menge die Wahrheit überlagere.

"Das ist es, was wir jeden Tag an den Finanzmärkten beobachten. Das Erkennen und Ausnutzen der systematischen Fehler der Finanzmärkte ist der Kern unseres Wettbewerbsvorteils bei Baillie Gifford als Investoren", sagt Singlehurst.

Systematische Fehler der Finanzmärkte vermeiden …

Wo andere auf Kursziele und kurzfristige Gewinnprognosen schauten, konzentriere sich das Investment-Research von Baillie Gifford auf die langfristige qualitative Entwicklung eines Unternehmens, und erst dann werde dies in finanzielle Merkmale übersetzt. In einem weiteren Schritt sei die Art und Weise hinterfragt worden, wie die Finanzmärkte zwischen börsenkotierten und privat gehaltenen Unternehmen unterteilt seien.

Seit 2012 investiere Baillie Gifford in privat gehaltene Unternehmen. Damals habe die Meinung vorgeherrscht, dass es eine harte Grenze zwischen börsenkotierten und privat gehaltenen Unternehmen gebe, die im Rahmen von Vermögensverwaltungsmandaten nicht überschritten werden könne.

… und mutig die IPO-Grenze für Investments hinterfragen

"Wir haben dies in Frage gestellt und argumentiert, dass es keinen Sinn macht, die willkürliche IPO-Linie als Grenze zur Aufteilung der Finanzmärkte zu verwenden. Darüber hinaus wollten wir längerfristige Anlage-Vehikel und niedrigere Gebührenstrukturen einführen, um eine bessere Abstimmung zwischen den Unternehmen, Investoren und Vermögenseigentümern zu schaffen, womit wir uns ausserhalb der Marktnormen bewegten", erläutert Singlehurst das Vorgehen.

Sich gegen die Masse zu stellen, sei von Natur aus unangenehm und erfordere Mut. Was Baillie Gifford ermögliche, mutig zu sein, seien die Struktur und die Kultur des Unternehmens. "Wir sind eine Partnerschaft. Das bedeutet, dass wir nicht an externe Aktionäre gebunden sind, und das ermöglicht uns, das Unternehmen langfristig zu führen. Wir müssen nicht hinterfragen, was ein externer Anteilseigner vielleicht möchte. Das bedeutet, dass die Partnerschaft, wenn sie sich einmal zu etwas verpflichtet hat, dies mit Überzeugung umsetzen kann", ist Singlehurst überzeugt.

… die Partnerschaftsstruktur und die Fehlerkultur machen es möglich

Seiner Ansicht nach ist bei Baillie Gifford der wichtigste kulturelle Aspekt, der helfe, mutig zu sein, die institutionelle Akzeptanz – ja sogar die Umarmung von Unsicherheit. Manchmal funktioniere es, Dinge anders zu machen als die Masse, und manchmal nicht. Es gebe keinen schnelleren Weg, eine konformistische Kultur zu schaffen, als auf Gewissheit zu bestehen, bevor irgendetwas unternommen werde. "Die Akzeptanz von Ungewissheit ist die Grundlage für die Entwicklung neuer Strategien innerhalb von Baillie Gifford, aber auch für die Auswahl einzelner Aktien in den Portfolios", so der Investment Manager.

"Mutig zu sein ist eine seltene Eigenschaft. Obwohl das Konzept einfach ist, ist es schwierig, es gegen den Strom der verbreiteten Kultur der Finanzbranche zu leben. Warum, wenn es eine so seltene Eigenschaft ist, sollte Baillie Gifford ihr gerecht werden können? Nun, es liegt nicht daran, dass wir tugendhaft oder clever sind. Wenn wir mutig sein können und wenn wir diese Eigenschaft nutzen können, um einen besseren Job für unsere Kunden zu machen, dann liegt es daran, dass die Struktur und Kultur von Baillie Gifford es ermöglichen, dass diese Qualitäten nicht zu Tugenden werden, sondern zu Gewohnheiten, die auf lange Sicht Bestand haben", schliesst Singlehurst seine Betrachtung.

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