Eurozone dürfte 2015 wieder wachsen

Philippe Chaumel und Didier Bouvignies, beide geschäftsführende Gesellschafter bei Rothschild & Cie Gestion.
Philippe Chaumel und Didier Bouvignies, beide geschäftsführende Gesellschafter bei Rothschild & Cie Gestion.

Während die Performance im Jahr 2014 befriedigend war, erwies sich die Anlageverwaltung in diesem Jahr als besonders schwierig. Die Zinsmärkte legen weiter zu und erreichen neue Höchststände, während die Aktienmärkte in Europa eine stabile Entwicklung zeigen. Lesen Sie weiterführend die Markteinschätzung der Experten und General Partners von Rothschild, Didier Bouvignies und Philippe Chaumel.

18.12.2014, 15:43 Uhr

Redaktion: ist

Seit 2010 sind deutliche Unterschiede zwischen der Entwicklung in den USA und auf dem alten Kontinent zu beobachten. Diese Kluft zwischen den beiden Kontinenten ist vor allem auf den unterschiedlichen „Policy-Mix“ auf beiden Seiten des Atlantiks zurückzuführen, wobei in den USA sehr früh eine äusserst lockere Geldpolitik verfolgt wurde, die auf einen Rückgang der Realzinsen und eine Wiederbelebung des Wachstums abzielte, und gleichzeitig auf Massnahmen zur Erhöhung der Haushaltseinnahmen und Defizitabbau gesetzt wurde.

In diesem positiven Wachstumsumfeld konnten die US-Unternehmen ihre Gewinne steigern, die gegenüber dem Niveau von 2007 um 27% gestiegen sind. In der Eurozone erlaubte es hingegen die geopolitische Situation nicht, die gleichen (makroökonomischen) Mittel einzusetzen. Der Fokus auf den Schuldenabbau bei Beibehaltung einer orthodoxen Geldpolitik war eine starke Belastung für die Wirtschaft der Südländer und weckte 2011 Ängste vor einem Zusammenbruch des Euro. 2014 wurde vor allem die Wirtschaft in Deutschland, aber auch in Italien und in geringerem Masse in Frankreich durch die Entwicklungen in Russland beeinträchtigt, und es kamen Ängste vor einem dritten Rückfall („Dip“) in die Rezession auf. Es stellt sich die Frage, ob die Länder der Eurozone diesen Rückstand, sowohl was die Entwicklung an den Börsen als auch die Konjunktur betrifft, im Jahr 2015 aufholen können, oder ob sich der Abstand vergrössert. Wir gehen eher von Ersterem aus.

In der Vergangenheit gab es recht häufig Phasen, in denen deutliche Unterschiede zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung in den USA und Europa bestanden. Zu denken ist an den Zeitraum zwischen 1995 und 1997 oder 2001 und 2004. Aufgrund des Ausmasses der Krise sind die Unterschiede diesmal allerdings ausgeprägter. Zwei wesentliche Faktoren sprechen unserer Meinung nach jedoch für eine positive Sicht: Erstens wird das Wachstumspotenzial der Eurozone extrem pessimistisch eingeschätzt und zweitens sind als Folge hiervon die Marktbewertungen niedrig.

Es gibt mehrere Faktoren, die zur Verbesserung der Wachstumsbedingungen im Jahr 2015 beitragen dürften:
- Der Rückgang des Ölpreises, der infolge der sinkenden Inflation zu einer höheren Kaufkraft der Privathaushalte führt und
eine Verbesserung der Handelsbilanz zur Folge hat
- Die Abwertung des Euro, deren kurzfristig negative Auswirkungen (infolge der Verteuerung der Exporte) durch den Rückgang der Energiepreise ausgeglichen werden dürften, und die zu einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und damit der Handelsbilanz führen dürfte
- Durch den enormen Rückgang der Zinsen im Jahr 2014 dürften die Kosten für die Verschuldung, sowohl der Haushalte als auch der Unternehmen, weiter sinken
- Die extrem negativen Auswirkungen der Kontraktion im Bausektor der Eurozone und insbesondere Frankreichs dürften aufgrund der Massnahmen zur Stützung dieses Sektors, der bereits in Spanien eingesetzten Erholung und der Rückkehr zu einem stabilen Wachstum in Deutschland abnehmen
- Durch die zuletzt von Mario Draghi verfolgte Geldpolitik dürfte sich die Situation der kleinen und mittleren Unternehmen, insbesondere in den Südländern, verbessern. Allgemein ausgedrückt: Die in den wichtigsten Ländern, die in der Eurozone in Schieflage geraten sind, praktizierte Angebotspolitik schafft Bedingungen, die eine Verbesserung der Rentabilität der Unternehmen ermöglichen, sodass die Hoffnungen auf eine Erholung der Investitionen zunehmen. Einige dieser positiven Effekte sind bereits in Spanien und Portugal zu beobachten.

Der zweite Stützungsfaktor sind die im historischen und regionalen Vergleich sowie mit Blick auf andere Anlagekategorien niedrigen Bewertungen der Aktienmärkte der Eurozone. Zieht man das einfache Kriterium der Dividende heran, so werden die Unternehmen der Eurozone im Sommer 2015 Dividenden in Höhe von 3,3% auszahlen, während französische Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren eine Rendite von 1% und mit einer Laufzeit von fünf Jahren eine Rendite von 0,2% bieten. Einen derartigen Unterschied hat es in der Geschichte bisher noch nicht gegeben. Die Bewertungen liegen beim 13,5-fachen der erwarteten Gewinne (was einer Gewinnrendite von 7,4% entspricht) und damit sowohl unter dem historischen Durchschnitt als auch unter dem Niveau in den USA, obwohl die Gewinne 25% unter den Niveaus von 2007 liegen. Daher besteht bei einer Verbesserung der Konjunktur Wachstumspotenzial.

Sollten die internationalen Anleger wieder auf Aktien der Eurozone setzen, könnten zyklische Werte oder Finanztitel, die ihre Kosten an das schwierige Umfeld angepasst haben, zu den Hauptnutzniessern der Mittelzuflüsse gehören. Diese Papiere werden auch in den Portfolios von Rothschild bevorzugt. Sie wurden in den letzten zwei Quartalen durch Gewinnmitnahmen belastet. Danach hat jedoch eine Erholung eingesetzt, die sich 2015 fortsetzen dürfte.

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