Erfolg im Fussball gleich Erfolg in der Wirtschaft?

Holger Fahrinkrug, Chefvolkswirt bei Meriten
Holger Fahrinkrug, Chefvolkswirt bei Meriten

Kurz vor Start der WM in Brasilien haben Meriten Investment Management, Standish Mellon Asset Management und ARX Investimentos, drei Boutiquen von BNY Mellon Investment Management, die Wirtschaftslage der fünf Titelanwärter Deutschland, Spanien, Italien, Argentinien und Brasilien untersucht.

12.06.2014, 16:26 Uhr

Redaktion: jf

Europa im Überblick
Holger Fahrinkrug, Chefvolkswirt bei Meriten, stellt fest: Es ist wohl verfrüht, von Spanien zu erwarten, Deutschlands Wachstumsleistung bereits 2014 zu toppen. Allerdings gehen wir davon aus, dass sich der Abstand zwischen den europäischen Ländern im weiteren Jahresverlauf bis in 2015 hinein verringern wird. Südeuropa könnte 2015 für einige positive Wachstumsüberraschungen sorgen. In Sachen Wachstum sieht die Platzierung Deutschlands, Spaniens und Italiens anders aus als beim Fussballranking. Klarer wirtschaftlicher Champion ist aktuell Deutschland. Ob es zum Fussballweltmeister reicht, ist weniger klar.

Fahrinkrug sagt weiter: Unternehmen und private Haushalte fassen wieder Vertrauen, die Finanzierungsbedingungen entspannen sich allmählich. Aufgrund dieser Tatsache könnte Spanien in den kommenden zwei Jahren Fahrt aufnehmen und sich aus seiner aktuell unsicheren wirtschaftlichen Lage befreien. In Italien fallen die wirtschaftlichen Fortschritte etwas verhaltener aus. So ist das BIP-Wachstum in den letzten zwei Quartalen weitgehend auf der Stelle getreten. Bei den Konjunkturindikatoren zeichnen sich jedoch gewisse positive Tendenzen ab, wie etwa beim Einkaufsmanagerindex, der gegenüber dem niedrigen Niveau der letzten zwei Jahre deutlich gestiegen ist.

Mit Blick auf die Zukunft fügt Fahrinkrug hinzu: Es wird längere Zeit dauern, bis sich die Lücke zwischen Spanien und Italien auf der einen Seite und Deutschland auf der anderen schliesst. Deutschland, als Europas Reformweltmeister der späten 1990er Jahre, beginnt nun, die Früchte seiner Wettbewerbsüberlegenheit zu ernten. Abzulesen ist dies am steigenden Lohnwachstum, an den grosszügigen Rentenerhöhungen und der Einführung eines Mindestlohns. Diese politischen Massnahmen werden Deutschlands Wachstum mittel- bis langfristig dämpfen und anderen Ländern Gelegenheit geben, sich hervorzutun.

Spanien wie auch Italien werden mit Arbeitslosenquoten und Schulden auf Rekordniveau zu kämpfen haben, während in vielen deutschen Regionen nahezu Vollbeschäftigung herrscht und der öffentliche Haushalt und die aussenwirtschaftlichen Bilanzen Deutschlands ein Plus aufweisen. Zwar führt Spanien die Fussballtabelle an. Deutschland belegt dagegen in wirtschaftlicher Hinsicht den Spitzenplatz, so Holger Fahrinkrug.

Schwellenländer als Titelfavoriten
Traditionell zählt Brasilien seit jeher zu den Favoriten für den Weltmeistertitel. Seine wirtschaftlichen Aussichten sind hingegen deutlich weniger klar. Die Inflation ist hoch und im Vorfeld der Wahlen im kommenden Oktober fühlen sich grosse Teile der Wähler allein gelassen und übergangen, kommentiert Rogerio Poppe, Portfoliomanager bei ARX Investimentos. Präsidentin Dilma Rousseff hat sich in ihrer Amtszeit vornehmlich auf soziale Unterstützung in Form von Programmen wie Bolsa Família konzentriert. Hierbei handelt es sich um ein von ihrem Vorgänger Präsident Luiz Inácio Lula da Silva eingerichtetes Programm zur finanziellen Unterstützung brasilianischer Familien. Zwar ist der Erfolg von Bolsa Família nicht von der Hand zu weisen rund 11 Mio. brasilianische Familien profitieren1 von diesem Programm. Es gibt aber auch einige kritische Stimmen. So sehr das Programm für rund ein Viertel der Bevölkerung eine Hilfe sein mag, die grössten Probleme der überwiegenden Mehrheit bleiben die Inflation und die steigenden Lebenshaltungskosten in den Grossstädten des Landes.

Beim Blick auf andere Teile Südamerikas wird Argentinien nicht nur aktuell als zweitheissester Kandidat für den Weltmeistertitel hinter Brasilien gehandelt. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht scheint sich das Land ungeachtet einer Wachstumsabschwächung in diesem Jahr im Vorfeld der 2015 anstehenden Wahlen in die richtige Richtung zu entwickeln. So wurden politische Kurskorrekturen und marktfreundliche Massnahmen vorgenommen. Sollte der oberste Gerichtshof der USA im Rechtsstreit mit Altgläubigern2 zugunsten von Argentinien entscheiden, würde damit ein grosses Hemmnis wegfallen, das bislang einer Rückkehr an die freien Kapitalmärkte und idealerweise zu einem nachhaltigen Wachstumspfad im Wege stand so Javier Murcio, Portfolio für Emerging Markets bei Standish.

Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass der oberste US-Gerichtshof vom US-Generalanwalt weitere Beweise fordert, was das Verfahren um mindestens ein weiteres Jahr verlängern würde. Sollte es sich für die Fortführung des Verfahrens entscheiden, steigen die Chancen eines technischen Zahlungsausfalls, da die Aussetzung des Beschlusses des Berufungsgerichts höchstwahrscheinlich aufgehoben würde.

Mit ihren aktuellen Anpassungsmassnahmen signalisiert die argentinische Regierung, dass sie die Notwendigkeit von Korrekturen erkannt hat, um die Währungsreserven zu stabilisieren und den Weg für die Rückkehr des Landes an die Kapitalmärkte zu ebnen. Die bislang vorgenommenen Schritte erfolgten zumeist auf geldpolitischer Seite (Abwertung, höhere Zinsen, Abbau von Long-Positionen in USD seitens der Banken, Änderungen der Bezahlung von Tourismusleistungen mit ausländischen Kreditkarten) und haben bereits zur Stabilisierung der Währungsreserven beigetragen.

Auch die Vorlage genauerer Inflationszahlen und eine neue Methode zur Berechnung des BIP waren hilfreich. Nun müssen fiskalische Anpassungen folgen. Bei den Primärausgaben besteht beispielsweise Einsparpotenzial in Höhe von rund 2-3% des BIP. Möglich wäre dies durch Kürzungen bei den Energiesubventionen ein politisch relativ schmerzfreier Schritt und einen folglich um den gleichen Betrag sinkenden Finanzierungsbedarf bei der Zentralbank, so das Fazit Murcios.

1 The World Bank, April 2014
2 Hier wird Bezug genommen auf Argentiniens Gerichtsverfahren mit Anlegern, die sich gegen eine Teilnahme an den Schuldenumstrukturierungen von 2005 und 2010 entschieden haben und die volle Rückzahlung der Schulden aus dem Zahlungsausfall von 2001 verlangen.

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