Coronavirus: "Bei manchen Stürmen gibt es keinen sicheren Hafen"

Bei manchen Stürmen
Bei manchen Stürmen

Das Coronavirus hat gewaltige fiskal- und geldpolitische Reaktionen ausgelöst, die zumindest kurzfristig auch die Finanzmärkte etwas beruhigt haben. Covid-19 hat aber weiterhin das Potenzial, in beide Richtungen zu überraschen. DWS bleibt angesichts der aktuellen Entwicklungen vorsichtig optimistisch.

24.03.2020, 18:05 Uhr

Redaktion: rem

Die Ereignisse der letzten vier Wochen waren beispiellos, und zwar nicht nur an den Finanzmärkten. Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus (Covid-19) sorgt in immer mehr Ländern weiterhin für eine immense Unsicherheit. Eine wachsende Zahl europäischer Länder hat Ausgangssperren verhängt und damit ganze Nationen unter Quarantäne gestellt. So auch Kalifornien, das 40 Millionen Menschen aufforderte, zu Hause zu bleiben. Zusammen mit den Bundesstaaten New York und Washington verzeichnen sie etwa zwei Drittel der bisherigen Coronavirus-Todesfälle in den USA.

"Im Vergleich zu früheren Markteinbrüchen kann der aktuelle bereits als historisch bezeichnet werden. Die Geschwindigkeit, mit der sich diese Korrektur entfaltet, ist beispiellos", konstatiert DWS im CIO Flash vom 23. März. Für viele der weltweiten Aktienmärkte waren nur das Platzen der so genannten "Dotcom-Blase" kurz nach der Jahrtausendwende und die Finanzkrise, die mit dem Konkurs von Lehman Brothers im Jahr 2008 ihren Höhepunkt erreichte, schlimmer. Und was die Geschwindigkeit betrifft, müsste man sich auf die Kursstürze von 1929 berufen, die der Grossen Depression den Weg ebneten, um Beispiele für ähnlich rasante Einbrüche zu finden.

Rasche monetäre und fiskalische Reaktionen

"Wir bleiben vorsichtig optimistisch, dass ein katastrophaler Ausgang vermieden werden kann, auch wegen der schnellen Reaktionen der Fiskal- und Geldpolitik in der ganzen Welt", so die DWS-Experten. Die Märkte zeigten sich jedoch enttäuscht und interpretierten die jüngsten Aktionen der US Federal Reserve (Fed) – Anleihekäufe im Wert von 700 Mrd. Dollar – und der Europäischen Zentralbank (EZB) – Pandemie-Notkaufprogramm in Höhe von 750 Mrd. Euro – als Signale der Hilflosigkeit.

"Der eigentliche Test solcher Massnahmen besteht natürlich nicht darin, ob die amerikanischen oder europäischen Aktienmärkte am nächsten Tag im Plus oder Minus handeln. Es geht darum, wie sie sich in den kommenden Wochen und Monaten auf die Realwirtschaft auswirken werden, insbesondere nachdem die Krise zu verblassen beginnt", so DWS. In dieser Hinsicht sieht das CIO Office nicht nur negative Risiken. Das liege zum Teil an den fiskalischen Begleitpaketen zur Geldpolitik, die der Herausforderung von Covid-19 angemessen erscheinen. Erste Pakete wurden bereits in den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Italien, China und Japan beschlossen.

Ob die Massnahmen genügen, hängt davon ab, welches Szenario eintritt. "Die Ungewissheit sorgt wie immer für Überraschungspotenzial in beide Richtungen", so die DWS-Experten. Was die Neuinfektionen betrifft, so wäre ein positives Szenario, dass die Zahl der Infektionen in Europa im April und einige Wochen später in den Vereinigten Staaten ihren Höhepunkt erreicht. Die Wirtschaftspolitik würde bis dahin eine Konkurswelle verhindern. Im optimistischen Szenario könnte die Quarantäne ab Mai allmählich gelockert werden, und die Weltwirtschaft hätte gute Chancen auf eine spürbare Erholung. Das alternative Szenario, dass die Krise länger andauert und eine Welle von Konkursen oder eine Staatsschuldenkrise hinterlässt, wird die politischen Entscheidungsträger sicherlich weiterhin zum Handeln anspornen.

Massiv gestiegene Risikoaufschläge bei Anleihen

Selbst nach der jüngsten Ankündigung des US-Finanzministers Steven Mnuchin, dass die Regierung insgesamt 850 Mrd. Dollar zur Unterstützung von Bürgern und Unternehmen ausgeben wird, konnte sich der Russell 2000 Index von einem Verlust von fast 45% nicht erholen. Dies mag laut DWS zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass er kleinere Unternehmen enthält, die in der Vergangenheit ein deutlich höheres Ausfallrisiko hatten.

Aus dem gleichen Grund sind die Spreads hochverzinslicher Unternehmensanleihen in Euro und Dollar gestiegen. Die Risikoaufschläge von Euro- Hochzinsanleihen (ICE BofA Merrill Lynch Euro Non-Financial High Yield Constrained Index) stiegen innerhalb eines Monats von etwa 300 auf über 850 Basispunkte. Im gleichen Zeitraum stiegen die Renditen für 10-jährige griechische Staatsanleihen von einem auf über drei Prozent. Die Spreads von US-Anleihen des Energiesektors haben sich unter dem Druck des anhaltenden Ölpreiskriegs zwischen Saudi Arabien und Russland stark ausgeweitet; dies gilt insbesondere für die Hochzinsanleihen, wo sie von 700 Basispunkten (im letzten Monat) auf über 2000 Basispunkte gestiegen sind. Eine schnelle Lösung dieses politischen Konflikts innerhalb der OPEC+2 ist nicht in Sicht.

Selbstzufriedenheit an der Wall Street

Dass die Marktteilnehmer an der Wall Street solche Risiken bis Mitte Februar, als bereits Tausende von Fällen in China gemeldet wurden, ignoriert haben, lässt auf eine gewisse Selbstzufriedenheit schliessen, die in der Spätphase des Bullenmarktes nicht ungewöhnlich ist. Anleger hatten sich an eine geringe Volatilität und einfache Faustregeln wie "Buying the Dip" gewöhnt, die in den 2010er Jahren vielen
gut gedient haben. Dabei vergassen sie die Lehren aus der Geschichte und auch, dass manche Unsicherheiten viel schwieriger abzusichern und zu quantifizieren sind als ein einfacher Anstieg der Marktvolatilität.

Die Volatilität, wie sie der CBOE-Volatilitätsindex (VIX) widerspiegelt, ist in den letzten Wochen stark gestiegen. Sie bleibt nahe ihres Allzeithochs, da institutionelle Anleger Aktien verkaufen müssen, um die Risikostandards einzuhalten und ihre Portfolios umzustrukturieren. Anstatt als sicherer Hafen zu dienen, ist Gold bis am 23. März um etwa 14% gefallen, da Anleger ihre Liquidität erhöhen mussten und somit Gold verkauft haben. "Damit sind wir bei der ersten von drei Regeln angelangt, die wir für beachtenswert halten, weit über die aktuelle Krise hinaus", folgert das DWS CIO Office:

  • Bei manchen Stürmen gibt es keinen sicheren Hafen. Statt sich auf vergangene Korrelationen zu verlassen, sollten Sie sich überlegen, was in Zeiten von Stress geschehen könnte, und dabei besonders auf die jüngsten Innovationen und Veränderungen in der Marktarchitektur achten.
  • Wenn es hart auf hart kommt, sollte man die Höhe des Bargeldbestands prüfen. Kein Finanzinstrument, egal wie liquide es in normalen Zeiten ist, ist wirklich ein Bargeldäquivalent.
  • Bargeld ist auch auf der Unternehmensseite wichtig. Die Insolvenz ist nicht nur ein theoretisches Risiko.
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