Brexit treibt Renditen der Staatsanleihen in die Höhe

Der Finanzplatz London wird durch die Brexit-Diskussion mit grossen Herausforderungen konfrontiert. (Bild: Shutterstock.com/s4svisuals)
Der Finanzplatz London wird durch die Brexit-Diskussion mit grossen Herausforderungen konfrontiert. (Bild: Shutterstock.com/s4svisuals)

Der Brexit beschäftigt Europa seit Langem. Was aber haben die Diskussionen für Auswirkungen auf das Pfund Sterling und britische Staatsanleihen? Howard Cunningham von Newton Investment Management schätzt die Lage ein.

17.10.2019, 11:00 Uhr

Redaktion: lek

Anleger, die in britischen Staatsanleihen investiert sind, haben von der nicht enden wollenden Brexit-Saga profitiert: 15-jährige Gilts haben bis zum Ende des dritten Quartals 22% Rendite erzielt. "Inzwischen macht sich zwar leiser Optimismus breit, dass ein Brexit-Vertrag zwischen der Europäischen Union und Grossbritannien zustande kommt. Allerdings ist der Weg dahin weiterhin schwierig. Möglich, dass es ein für die EU akzeptables Abkommen geben wird – auch möglich, dass es für das britische Parlament ein solches geben wird", sagt Howard Cunningham, Fixed Income Portfolio Manager bei Newton Investment Management – einer Investmentgesellschaft von BNY Mellon Investment Management.

Die Schwierigkeit besteht gemäss Cunningham nur darin, einen Vertrag aufzusetzen, der für beide Seiten gleichermassen akzeptabel ist. Je mehr Zugeständnisse die britische Regierung macht, desto höher sind die Chancen auf ein Abkommen mit der EU. Gleichzeitig steigt damit aber auch das Risiko, dass das britische Parlament einem solchen Abkommen nicht zustimmt.

Brexit-Verhandlungen gehen wohl in die Verlängerung

Cunningham ist der Meinung, dass selbst wenn sich die unterschiedlichen Akteure auf einen Entwurf eines Abkommens einigen sollten, eine Ratifizierung bis zum 31. Oktober aber wohl unmöglich sein wird. Daher ist eine weitere Verlängerung erforderlich – entweder um mehr Zeit für die Ratifizierung zu haben oder um im Falle einer Nichtvereinbarung andere Schritte einzuleiten, also Neuwahlen oder ein Referendum.

Dass der Markt eine weitere Verlängerung befürchtet, ist für den Portfoliomanager von Newton nicht überraschend. Eine Verlängerung könnte zwar die schlimmsten Auswirkungen eines sofortigen harten Brexits vermeiden. Andererseits würden weitere Monate der Unsicherheit mehr Schäden im Hinblick auf Investitionen und das Verbrauchervertrauen verursachen. Das Wirtschaftswachstum sowie das Pfund Sterling würde weiter belasten werden, wohingegen britische Staatsanleihen gestützt würden.

"Das beste kurzfristige Ergebnis für das Pfund Sterling wäre es, wenn bis Ende dieser Woche ein Abkommen zustande käme. Wenn jedoch ein Abkommen ausbleibt, wird der Brexit wahrscheinlich in eine weitere Verlängerung gehen, die ein anhaltend geringes Wachstum, eine geringe Risikobereitschaft und extrem niedrige Renditen für britische Staatsanleihen zur Folge hätte", mutmasst Cunningham. Das Vereinigte Königreich sei nach wie vor auf ausländische Investitionen angewiesen, wobei ausländische Anleger etwa 28% des britischen Staatsanleihenmarktes halten.

Er führt seine Prognosen weiter aus und erklärt, dass ein ungeordneter Brexit dazu führen könnte, dass ausländische Investoren ihre Anlagen in britischen Staatsanleihen überdenken. Die Bank of England würde höchstwahrscheinlich mehr Anleihen kaufen und inländische Investoren würden ihre Anteile an britischen Staatsanleihen als sicheren Hafen im Vergleich zu anderen britischen Anlageklassen erhöhen. Dies könnte die negativen Effekte etwas ausgleichen. Allerdings könnte ein Grossinvestor, der seine Gilts verkauft, deren Renditen in die Höhe treiben.

Hohes Defizit droht nach Brexit

Laut Institute of Fiscal Studies würde sich das Defizit Grossbritanniens trotz eines Brexit-Deals auf 50 Mrd. Pfund Sterling fast verdoppeln, und die Schuldenquote käme nah an 90% heran – ein Niveau, das seit Mitte der 1960er Jahre nicht mehr erreicht wurde, wie der Grossbritannien-Experte weiss. Im Falle eines "No Deals" könnte sich das Defizit nochmals verdoppeln, auf über 100 Mrd. Pfund Sterling – und das selbst dann, wenn mögliche Beeinträchtigungen auf ein Minimum beschränkt blieben.

Howard Cunningham ergänzt: "Darüber hinaus haben die Ratingagenturen Grossbritannien bereits nach dem EU-Referendum 2016 herabgestuft und angekündigt, dass sie das Rating im Falle eines ungeordneten Brexits weiter herabsetzen werden. Geringe Herabstufungen von Staatsanleihen mit guter Bonität führen nicht unbedingt zu höheren Kosten für die jeweiligen Staaten. In den USA und Kontinentaleuropa war in den letzten Jahren sogar das Gegenteil der Fall. Das Verhältnis zwischen Ratings und Risikoaufschlägen ist jedoch nicht linear und aufeinanderfolgende Herabstufungen können sich negativ auswirken."

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