Another BRIC in the wall

Maarten Jan Bakkum, Senior Strategist Emerging Market Equity, ING Investment Management
Maarten Jan Bakkum, Senior Strategist Emerging Market Equity, ING Investment Management

Trübe Aussichten für Brasilien, Russland, Indien und China. Laut den Prognosen von ING Investment Management belasten Faktoren wie Wachstumssorgen Chinas und ihre Folgen für Rohstoffpreise Rohstofferzeugerländer wie Brasilien.

25.05.2012, 12:58 Uhr

Redaktion: anw

Die brasilianische Regierung agiert zunehmend interventionistisch und unternimmt wenig, um die strukturellen Probleme des Landes – wie hohe Besteuerung und spärliche Investitionen in Infrastruktur und Ausbildung – zu lösen. Stattdessen setzt sie auf die Subventionierung von Krediten, um die Investitionstätigkeit anzukurbeln. Die Zentralbank, die in den letzten paar Jahren ihre Unabhängigkeit eingebüsst hat, senkt die Zinsen jetzt stärker, als beim derzeitigen Inflationsniveau gerechtfertigt wäre.

Mit ihren neuen Regelungen für Sparkonten hat die Regierung den Weg für weitere Zinssenkungen bereitet. Die Regierung scheint entschlossen, den Zinsindex SELIC in den kommenden Monaten auf 8 Prozent zu senken. Die Folge ist ein steigendes Inflationsrisiko sowie zunehmender Druck auf die Währung. Aus unserer Sicht ist der brasilianische Aktienmarkt einer der risikoreichsten Emerging Markets, der gerade im gegenwärtigen globalen Umfeld besonders gefährdet ist.

Indischer Aktienmarkt: Mangel an einem überzeugenden Reformprogramm
Im Hinblick auf Indien weist ING Investment Management darauf hin, dass der indische Aktienmarkt seit geraumer Zeit unter erheblichem Druck steht und in den letzten paar Jahren schlechter als der Durchschnitt der globalen Emerging Markets abgeschnitten hat. Zwar sei der indische Markt lebhafter ins laufende Jahr gestartet, habe sich seitdem jedoch abgeschwächt. Grund ist nach Worten des Asset Managers vor allem der Mangel an einem überzeugenden Reformprogramm. Dieser Mangel gefährdet Wirtschaft und Markt durch potenzielle Kapitalabflüsse.

Indiens Haushaltsdefizit macht über 8 Prozent seiner Wirtschaftsleistung aus; gleichzeitig weitet sich die Leistungsbilanz aus. In diesem Jahr war die Rupie bisher eine der schwächsten Währungen. Falls die globale Risikoaversion anhält, wird Indien wohl unter Druck bleiben. Andererseits ist der fallende Erdölpreis ausgesprochen günstig für das Zwillingsdefizit und die Wachstumsaussichten. Ferner hat die Rupie so stark nachgelassen, dass sie mittlerweile attraktiv bewertet ist. Insgesamt dürfte der indische Markt in den nächsten Quartalen von einer leichten Erholung der Wachstumsentwicklung profitieren. Seine vergleichsweise geschlossene Struktur macht diesen Markt gerade im derzeit schwachen globalen Wachstumsumfeld zu einem interessanten Anlageziel.

Ein fallender Ölpreis bedeutet steigende Steuern in Russland
Derweil reagieren russische Aktien immer noch sehr empfindlich auf Fluktuationen des Ölpreises. Das liegt nicht nur daran, dass auf Erdöl- und Erdgasprodukte der Löwenanteil der russischen Ausfuhren entfällt. Auch der russische Staatshaushalt setzt hohe Ölpreise voraus. Nach den Worten von ING Investment Management gibt es nur wenige Länder in der Welt, die ihre öffentlichen Ausgaben so stark erhöht haben wie Russland in den letzten Jahren. Ein fallender Ölpreis bedeutet daher, dass die Steuern angehoben werden müssen.

Dies ist eines der grössten Risiken für den russischen Aktienmarkt: die unablässigen Bemühungen der Regierung um höhere Steuereinnahmen, vor allem von gelisteten Energie- und Bergbauunternehmen. Und wenn der Ölpreis weiter fällt (was angesichts der schwachen Weltkonjunktur und des ausdrücklichen Wunschs der OPEC nach einem Preis von 100 Dollar pro Barrel durchaus möglich ist), dürfte auch der russische Rubel zunehmend an Boden verlieren. Auf kurze Sicht ist der russische Aktienmarkt somit besonders anfällig. Längerfristig bleibt seine niedrige Bewertung indes ein guter Grund, den Markt nicht allzu negativ zu beurteilen.

Chinesischer Aktienmarkt bleibt unter Druck
Nicht zuletzt bleibt der chinesische Aktienmarkt nach Einschätzung von ING Investment Management unter Druck. Nach den Inflationssorgen in 2010 und in der zweiten Jahreshälfte 2011 nehmen die Wachstumssorgen nunmehr deutlich zu. Das Vermögensverwaltungshaus ist allerdings der Ansicht, dass die Erwartungen an die Wachstumsentwicklung in China nach wie vor überzogen sind.

Es gibt kaum Spielraum für eine lebhaftere Wachstumsentwicklung: Die private Wohnungswirtschaft stagniert, Infrastrukturinvestitionen sind immer noch recht schwach, die Exportnachfrage steht unter immensem Druck, während die Behörden sich vorzugsweise auf einen Abbau der Ungleichgewichte in der Wirtschaft konzentrieren. Gleichzeitig sind längerfristig die Sorgen um mögliche staatliche Eingriffe in die Wirtschaft und strukturell geringe Gewinnspannen chinesischer Unternehmen Negativfaktoren, die den Aktienmarkt belasten. Insgesamt bleiben wir vorsichtig. Die geldpolitische Lockerung, die im Oktober letzten Jahres einsetzte, ist der einzige Grund, warum wir chinesische Aktien nicht gänzlich negativ einschätzen.

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