Das neue Beuteschema für Anleger heisst Value

Value-Aktien sind im Vergleich zu Growth so günstig wie selten. (Bild: Shutterstock.com/studiowork)
Value-Aktien sind im Vergleich zu Growth so günstig wie selten. (Bild: Shutterstock.com/studiowork)

Obwohl vom Börsenhoch auch Value-Aktien profitieren, ist ihr Rückstand zu Wachstumsaktien noch immer beträchtlich. Für J.P. Morgan Asset Management ist das kein Grund, Value zu meiden, im Gegenteil. Statt "Wachstum um jeden Preis" heisst in hoch bewerteten Märkten die Devise: "Wachstum zu günstigem Preis", sprich Value.

16.06.2021, 11:04 Uhr

Redaktion: hf

Die Aktienmärkte haben in den vergangenen 14 Monaten ein Kursfeuerwerk von mehr als 50% hingelegt. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI World Index von 23 der erwarteten 12-Monatsgewinne erscheinen die Bewertungen besorgniserregend hoch. Kurstreiber waren vor allem Wachstumsaktien, die auf ein goldenes Jahrzehnt zurückblicken. Nach Ansicht von Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege von J.P. Morgan Asset Management, sollten Anleger vor diesem Hintergrund erwägen, ihr "Beuteschema“ zu ändern.

Relativ schwaches Wirtschaftswachstum, technologische Adaption und niedrige Zinsen waren nach seiner Analyse der Nährboden für eine Wertentwicklung, wie sie zuletzt in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zu erleben war. Seit April 2010 haben globale Wachstumsaktien Investoren einen Ertrag von 335% beschert, 182 Prozentpunkte mehr als Value-Aktien.

Historische Kaufchance

"Interessanterweise war der Mehrertrag nur zu einem verhältnismässig geringen Anteil durch höheres Gewinnwachstum getrieben“, erklärt der Stratege. Bei den Wachstumsaktien betrug das Gewinnwachstum pro Aktie in der betreffenden Zeit 73% verglichen mit 40% bei Value-Titeln. Die Bewertungsausweitung war demnach der grösste Ertragsbringer der letzten elf Jahre. Das KGV der Wachstumsunternehmen hat sich von 15 auf 32 mehr als verdoppelt. Die Bewertung von Value-Aktien mutet nach Ansicht Gallers Ansicht mit einem KGV von 15 geradezu günstig an. Die Pandemie habe diese Entwicklung nochmals beschleunigt, fügt er an.

Ein zweiter Faktor, der die Bewertungsschere (vgl. Grafik) in den letzten drei Jahren weiter geöffnet hat, ist für Galler der Kampf gegen den Klimawandel. Das Ziel der CO2-Neutralität habe Kurse und Bewertungen alternativer Energie- und Versorgerunternehmen sowie von Herstellern elektrischer Antriebskonzepte nach oben katapultiert.

Forward-KGV des MSCI Growth und Value

Quelle: J.P. Morgan Asset Management
Quelle: J.P. Morgan Asset Management

Ertragsquellen verändern sich

"Auf dem aktuellen Bewertungsniveau bedeutet das nichts anderes, als dass die Marktteilnehmer eine fundamentale und nachhaltige Veränderung der Ertragskraft der Unternehmen erwarten: weg von Finanzwerten, Industrie, klassischem Einzelhandel und Energie hin zu Fintech, IT, Online-Handel und nachhaltiger Energieerzeugung", stellt der Stratege fest. Es spreche einiges dafür, dass dies langfristig eintreten werde.

Aktuell lohnt es sich nach Gallers Meinung allerdings, sich den lange verschmähten Value-Aktien zuzuwenden. Denn die Pandemie und die Reaktion der Politik hätten im Vergleich zur vorherigen Dekade die Parameter an den Märkten in einem entscheidenden Punkt verändert – der Fiskalpolitik.

Value stabilisiert das Portfolio

Die Abwendung von der stabilitätsorientierten Politik hin zu einer expansiven und wachstumsorientierten Fiskalpolitik schaffe zumindest kurzfristig ein Umfeld von kräftigem Wirtschaftswachstum und Inflation. "Value-Branchen profitieren überproportional von dieser Entwicklung. Die Industrie wächst dank staatlicher Investitionsprogramme, Finanzwerten hilft die steilere Zinsstrukturkurve und der Einzelhandel profitiert von dem aufgestauten Bedürfnis nach einer realen ‚Shopping-Erfahrung‘“, erklärt Galler.

Das bedeute, dass in einem Umfeld üppigen Wirtschafts- und Gewinnwachstums Investoren ihr "Beuteschema“ verändern sollten. "Wachstum um jeden Preis“ werde durch "Wachstum zum günstigen Preis“ – sprich Value – ersetzt. Mithilfe eines stärkeren Fokus auf Value-Aktien könnten Investoren den hohen Gesamtmarktbewertungen zumindest teilweise trotzen.

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