23.03.2026, 10:17 Uhr
Trotz Krieges im Nahen Osten und höherer Ölpreise haben die Ökonomen in der Schweiz ihre Wachstumsprognosen nicht nach unten geschraubt. Das zeigt eine Zusammenstellung des KOF-Instituts.
Während die USA über mögliche Fed-Zinserhöhungen debattieren, eskaliert die Lage am britischen Anleihenmarkt bereits zur handfesten Krise – mit Renditen auf dem höchsten Stand seit 2008. Was bedeutet das für die Zinsmärkte – und für den Schweizer Franken?
Am Montagmorgen überschritt die Rendite zehnjähriger britischer Staatsanleihen die Marke von 5,05 Prozent – das ist das höchste Niveau seit der Finanzkrise 2008. Gleichzeitig stiegen die zweijährigen Gilt-Renditen auf 4,65 Prozent. Seit Kriegsbeginn haben die zehnjährigen Renditen um insgesamt 80 Basispunkte zugelegt – Grossbritannien steht damit vor dem schlechtesten Anleihenmonat seit dem «Mini-Budget»-Desaster im Herbst 2022 unter Liz Truss.
Was hinzukommt: Es ist auch das Tempo der Neubewertung, das sich beschleunigt. Noch letzte Woche preisten die Märkte drei Zinserhöhungen der Bank of England für 2026 ein. Heute sind vier Erhöhungen – je 25 Basispunkte also – vollständig in den Swaps-Märkten eingepreist. Vor Kriegsausbruch hatte der Konsens zwei Senkungen erwartet.
Die Bank of England hielt ihren Leitzins vergangene Woche an ihrer März-Sitzung einstimmig bei 3,75 Prozent – es war eine Entscheidung, die für viele Beobachter 'hawkisher' ausfiel als erwartet. Märkte hatten im Vorfeld mit einer 7:2-Mehrheit für eine Pause gerechnet; das Einstimmigkeitsurteil überraschte und trieb die Gilt-Renditen unmittelbar höher. BoE-Gouverneur Andrew Bailey liess keinen Zweifel an der Stossrichtung: «Wir sind bereit zu intervenieren, um sicherzustellen, dass die Zinssätze die Inflation wirksam eindämmen» – eine unverhohlene Warnung vor weiteren Erhöhungen, sollte der Energieschock anhalten.
Das Dilemma ist struktureller Natur: Grossbritannien ist unter den G7-Volkswirtschaften besonders stark von Energieimporten abhängig, und die Schliessung der Strasse von Hormuz trifft laut der BBC die britische Wirtschaft direkt und hart. Hinzu kommt, dass das Vereinigte Königreich bereits vor Kriegsbeginn die höchsten staatlichen Kreditkosten unter den G7-Staaten aufwies – lange Laufzeiten bei 20- und 30-jährigen Gilts lagen bereits deutlich über der psychologisch wichtigen 5-Prozent-Marke.
Die Parallelen zum Oktober 2022 drängen sich auf, sind aber nicht vollständig. Bloomberg bezeichnet Grossbritannien explizit als «Zentrum der globalen Inflationsangst». Und das nicht ohne Grund. Die 10-Jahres-Gilt-Rendite bei 5 Prozent ist tatsächlich nicht nur ein britisches, sondern ein globales Warnsignal: Es signalisiert, dass Märkte auch in grossen, entwickelten Volkswirtschaften nicht länger davon ausgehen können, dass Zentralbanken Energieschocks einfach ignorieren können, so ein Experte gegenüber CNBC.
Der Iran-Krieg hat innerhalb von drei Wochen das gesamte geldpolitische Narrativ des Jahres 2026 zerstört. Was als Lockerungszyklus begann, droht sich in einen der schärfsten synchronisierten Zinserhöhungszyklen der letzten Jahrzehnte zu verwandeln – angetrieben nicht durch Überhitzung, sondern durch einen externen Angebotsschock, gegen den Notenbanken traditionell nur stumpfe Waffen haben.
So preisen aktuell die Futures-Händler in den USA eine Wahrscheinlichkeit von rund 35 bis 50 Prozent ein für eine US-Zinserhöhung bis Oktober 2026 ein. Das ist ein dramatischer Bruch mit dem Konsens vom Jahresbeginn. Noch vor einem Monat hatten über 91 Prozent der Marktteilnehmer auf niedrigere Zinsen bis zur Oktober-Sitzung des Federal Open Market Committees gewettet. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung ist heute auf gerade noch 6 Prozent zusammengeschmolzen.
Was ist passiert und wieso ging das alles so schnell? Sicher ist: Wie die EZB und die SNB hat auch die US-Notenbank Federal Reserve in ihrer März-Sitzung vergangene den Leitzins unverändert gelassen. Bei der Fed waren es bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Fed-Chef Jay Powell räumte offen ein, dass der Krieg die Inflation weiter nach oben treiben werde – blieb aber bei der offiziellen Projektion einer einzelnen Zinssenkung um 25 Basispunkte im Jahresverlauf.
Doch die Märkte glauben ihm nicht. Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen – der sensibelste Seismograph für Zinserwartungen – stieg zeitweise um 11 Basispunkte auf 3,94 Prozent und näherte sich damit dem 12-Monatshoch vom Vortag. Seit Kriegsbeginn hat die Rendite bereits 50 Basispunkte zugelegt. Mit anderen Worten: Der Markt wettet gegen die Fed.
Subadra Rajappa, Head of US Research bei Société Générale, brachte den Stimmungsumschwung auf den Punkt: «Die Investorenstimmung gegenüber der Fed verändert sich. Investoren gehen davon aus, dass dieser Krieg deutlich länger andauern wird.» Die Annahme also, dass die USA als energieunabhängige Nation solche Schocks schnell absorbieren könnten, werde nun grundsätzlich in Frage gestellt, so Rajappa. Und das hat Folgen: «Der wirtschaftliche Ausblick hat sich eingetrübt – der Konflikt zieht sich hin, die Ölpreise bleiben hoch und volatil.»
Blake Gwinn, Head of US Interest Rate Strategy bei RBC Capital Markets, warnte derweil vor einer Überinterpretation der Marktbewegungen: «Die Fed-Erwartungen haben sich ein wenig in Richtung 'Hawkishness' verschoben, aber das ist keine genaue Widerspiegelung dessen, was die Leute wirklich glauben, was die Fed tun wird. Es hat sich von den Fundamentaldaten abgekoppelt.» Seine Kollegen von der RBC hatten zuvor bereits festgehalten, dass die Fed-Redner signalisiert hätten, höhere Energiepreise zunächst «durchschauen» zu wollen – geldpolitisch also nicht unmittelbar zu reagieren. RBC-Chefökonomin Frances Donald hingegen warnt: «Wir sehen die Kerninflation bis Mitte 2026 auf bis zu 3,5 Prozent steigen – weit ausserhalb jeder Komfortzone.»
Goldman Sachs hat seine Fed-Zinssenkungsprognose auf frühestens September 2026 verschoben. Die Bank warnt, dass jede zehnprozentige Ölpreiserhöhung die Gesamtinflation um 0,2 Prozentpunkte und die Kerninflation um 0,1 Punkte nach oben treibt. Der Brent-Rohöl-Preis ist seit Kriegsbeginn um rund 50 Prozent gestiegen. Goldman hebt seine Preisprognose für das zweite Quartal auf 98 USD pro Barrel an – und warnt in einem Tail-Risk-Szenario, dass der Allzeitrekord von 147,50 USD aus dem Juli 2008 übertroffen werden könnte, sollte der Strait of Hormuz dauerhaft gesperrt bleiben. Die Bank rechnet global mit einem BIP-Rückgang von 0,3 Prozent und einem Inflationsanstieg von 0,5 bis 0,6 Prozentpunkten. In die gleiche Richtung geht auch die jüngste Warnung von UBS-Chef Sergio Ermotti auf Bloomberg-TV. Er sieht die Gefahr einer Inflation.
Auch auf der anderen Seite des Atlantiks dreht sich das Bild. JPMorgan und Barclays rechnen nun mit einer Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) bereits im April – mit weiteren Schritten im Juni und Juli. JPMorgan stellt zudem öffentlich die Frage, ob die Fed die Risiken aus dem Nahen Osten systematisch unterschätzt.
Morgan Stanley hatte zu Jahresbeginn noch zwei EZB-Zinssenkungen für 2026 erwartet. Diese Prognose wurde komplett gestrichen: Die EZB werde die Zinsen das gesamte Jahr 2026 unverändert lassen, Senkungen erst wieder 2027 – mit dem Risiko, dass stattdessen Erhöhungen um 25 Basispunkte im Juni und September kommen. Bank of America Global Research schloss sich dieser Einschätzung an und strich ebenfalls alle Zinssenkungserwartungen für die Eurozone.
UBS-Stratege Giovanni Staunovo vom Chief Investment Office der Bank hat seine Brent-Prognose auf 90 USD/Barrel bis Ende Juni angehoben – gegenüber zuvor 65 USD – und sieht 85 USD bis Ende September. In einem Prolongations-Szenario könnte Brent kurzfristig über 150 USD überschreiten, ein Niveau, das massive Nachfragezerstörung auslösen würde. UBS warnt dabei explizit vor Hortungseffekten: Knappheitsängste könnten selbstverstärkende Preisdynamiken auslösen, die weit über die fundamentale Angebots-Nachfrage-Lücke hinausgingen.
Als komparativ optimistische Stimme positioniert sich BlackRock. Die weltgrösste Vermögensverwalterin bezeichnet die Unterbrechung als einen Schock von «Wochen, nicht Monaten» – wirtschaftliche und politische Kräfte drängen auf eine rasche Wiedereröffnung der Golfschifffahrtsrouten. Dennoch räumt BlackRock ein, dass es sich um einen echten energieinduzierten Angebotsschock mit stagflationärem Druck handle und dass global keine freien Reservekapazitäten existieren, um prolongierte Ausfälle zu kompensieren.
Der weltweite Bondmarkt sendet bereits klare Signale: Das Treasury-Markt-Muster, das sich Mitte März abzuzeichnen begann, gilt als klassischer Frühindikator für Stagflationsrisiken – schwaches Wachstum bei gleichzeitig hartnäckiger Inflation. Ob die Fed tatsächlich die Zinsen erhöhen wird, bleibt unter Analysten umstritten. Was nicht umstritten ist: Das Szenario mehrerer Zinssenkungen in diesem Jahr ist vom Tisch – und die Notenbanken weltweit befinden sich in einem Dilemma, für das es in der jüngeren Geschichte kaum ein passendes Playbook gibt.
Die grosse Frage bleibt, was dies für die Schweizerische Nationalbank (SNB) bedeutet, die die Lage genau beobachtet. Der starke Franke bleibt hier ein zentraler Faktor. Ziehen die Zinsen in anderen Volkswirtschaften an, könnte das den Druck auf den Schweizer Franken lockern. Aktuell befindet er sich in einer ausgeprägten Aufwertungsphase und notiert auf einem Mehrjahreshoch gegenüber dem Euro.