Vom Ölschock zum Stromsuperzyklus

Der Krieg im Iran erschüttert die Energiemärkte. Doch der eigentliche Strukturbruch liegt woanders: Geopolitik und künstliche Intelligenz treiben die Welt in eine neue Ära der Energieinfrastruktur. Der Krieg könnte zu einem Mega-Energieinvestitionsprogramm führen.

06.03.2026, 10:53 Uhr
Interviews | Konjunktur

Redaktion: asc

Als Donald Trump vergangenes Wochenende den Angriff auf Iran befahl, reagierten die Märkte mit einer Wucht, die viele überraschte. Brent-Öl schnellte um bis zu 16 Prozent in die Höhe, der Schiffsverkehr durch die Hormuzstrasse kam beinahe zum Erliegen, und Asiens Aktienbenchmark steuerte auf die schlechteste Woche seit März 2020 zu – ein Minus von 6,3 Prozent innerhalb von fünf Tagen. Fonds zogen Gelder aus der Region so schnell ab wie zuletzt vor vier Jahren.

Doch während Händler die kurzfristigen Schocks verdauen, zeichnen Bankanalysten und Ökonomen ein nuancierteres Bild: Der unmittelbare Schock ist beherrschbar. Aber er könnte ein jahrzehntelanges Investitionsprogramm auslösen – weg vom Öl, hin zur Elektrizität.

Hormuz steht still – und die Märkte schwanken

Freitagmorgen, 6. März: Das Joint Maritime Information Center meldet, dass der Schiffsverkehr in der Hormuzstrasse nahezu vollständig zum Erliegen gekommen ist. Durch diesen Korridor fließt normalerweise ein Fünftel des globalen Ölangebots – Japan bezieht 70 Prozent seiner Öleinfuhren auf diesem Weg, Südkorea ebenso, China immerhin 40 Prozent.

Trotzdem zeigen sich die Märkte am letzten Handelstag der Woche überraschend wiederstandsfähig. Europäische Aktien-Futures springen fast ein Prozent, US-Indizes legen ebenfalls zu. Brent-Öl fällt um nur 0,3 Prozent, nachdem es zu Beginn des asiatischen Handels noch 2,6 Prozent im Minus lag. Gold steigt auf 5.115 Dollar je Unze, Silber legt 2,3 Prozent zu. Der Dollar gibt leicht nach – er hatte in der Krisenwoche seinen besten Lauf seit November 2024 hingelegt und seine Rolle als globaler Fluchtwert zurückerobert. «Der Markt wirkt überraschend wiederstandsfähig. Die Sorgen um Iran bleiben, aber Investoren scheinen zu glauben, dass das kein langfristiger Konflikt wird,» so Naoki Fujiwara von Shinkin Asset Management auf Bloomberg.

Trumps blinder Fleck: Die fast leere Notreserve

Ausgerechnet jetzt offenbart sich eine strategische Schwäche der USA: Die Strategische Erdölreserve (SPR) enthält laut der Financial Times derzeit nur 415 Millionen Barrel – rund 20 Tage des gesamten US-Verbrauchs, weit unter der Kapazität von 714 Millionen Barrel. Joe Biden hatte ab 2022 rund 180 Millionen Barrel freigegeben. Trump versprach in seiner Antrittsrede, die Reserve wieder aufzufüllen – tat es aber nicht. Das lässt die USA und die Welt verwundbarer gegenüber dem echten Versorgungsnotfall zurück, den wir gerade erleben. Die Wiederauffüllung würde über 20 Milliarden Dollar kosten. Energieminister Chris Wright beantragte diesen Betrag beim Kongress – erhielt aber weniger als 171 Millionen Dollar. Die Trump-Regierung erklärte gegenüber der Financial Times, sie werde die SPR nicht anzapfen, um den Preisanstieg zu bremsen. Experten bezweifeln die Alternativpläne wie Tanker-Eskorte oder Öl-Futures-Handel.

Die Makroökonomie: Kein 1970er-Szenario

Trotz der politischen Fehler in Washington halten Ökonomen die makroökonomischen Folgen für beherrschbar – zumindest im Basisszenario einer Deeskalation. Pictet hat die Szenarien durchgerechnet und verweist auf den entscheidenden strukturellen Unterschied zu früheren Krisen: Der Ölverbrauch pro BIP-Einheit hat sich seit den 1970ern mehr als halbiert. Die USA sind durch den Schieferoel-Boom Netto-Exporteur geworden. Und die Arbeitsmärkte zeigen kaum Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale.

Im unwahrscheinlicheren Szenario eines dauerhaften 30-prozentigen Ölpreisanstiegs schätzt der IWF den globalen Wachstumsschaden auf bis zu 0,5 Prozentpunkte, den Inflationsschub auf 1,2 Prozentpunkte. Ein solcher Energiepreisschock würde laut Pictet den erwarteten Fiskalstimulus aus Trumps Steuererleichterungen rechnerisch fast vollständig neutralisieren.

Bloomberg-Stratege Garfield Reynolds warnt zudem vor indirekten Effekten – steigende Lebensmittelpreise durch höhere Düngemittelkosten und Störungen im Welthandel könnten Schwellenländer besonders treffen.

Notenbanken in der Warteschleife

So oder so: Für die Zentralbanken verschärt sich das Dilemma. Die für Juni und September erwarteten US-Zinssenkungen dürften sich laut Pictet verzögern. Auch der JPMorgan-Strategiedesk kommentiert trocken: «Je stärker der Arbeitsmarkt, desto besser – angesichts des gestiegenen Inflationsdrucks durch die Energiepreise. Eine schwächere Zahl erhöht zwar die Zinssenkungserwartungen, birgt aber das Risiko der Stagflation.»

Die EZB dürfte laut Einschätzung der meisten Marktteilnehmer beim März-Meeting stillhalten, EZB-Chefin Lagarde werde aber einen leicht hawkischen Ton anschlagen. Für die Bank of England ist das Szenario noch unangenehmer: Sie würde zuerst länger restriktiv bleiben – dann bei abschwachender Konjunktur umso tiefer schneiden müssen. Die SNB kämpft mit dem starken Franken; Devisenmarktinterventionen bleiben erste Verteidigungslinie, negative Zinsen kommen nur im extremen Rezessionsszenario in Betracht.

Die eigentliche Geschichte: Das Ende des Öls und ein neuer gigantischer Energiebedarf

Hinter all diesen kurzfristigen Dynamiken zeichnet sich eine tiefer gehende Verschiebung ab, die Mirabaud-Analysten als den eigentlichen Kern des aktuellen Schocks beschreiben: Jahrzehnte lang war das Öl der zentrale Engpass im globalen Energiesystem. Heute verlagert sich dieser Engpass auf Elektrizität.

Drei Kräfte treiben diesen Wandel gleichzeitig an: erstens die KI-Revolution, die Rechenzentren mit 24/7-Grundlaststrom versorgen muss – Strom, der nicht durch Lieferkettenstoerungen am Persischen Golf unterbrochen werden darf. Zweitens die schiere Grösse des digitalen Bedarfs: Der globale Stromverbrauch von Rechenzentren dürfte bis 2030 von rund 450 TWh auf etwa 1'200 TWh steigen – fast 5 Prozent des weltweiten Gesamtverbrauchs. Drittens der laufende Elektrifizierungszyklus der Industrie, der auf Infrastruktur trifft, die für eine vergangene Ära gebaut wurde.

Mirabaud beschreibt vier Anpassungsphasen nach einem Energieschock: erhöhte Risikoprämien und defensives Positioning; dann staatliche Priorität für Energiesicherheit und LNG-Infrastruktur; schliesslich Druck auf Stromerzeugung durch digitale Nachfrage; und am Ende der eigentliche Engpass – die Fähigkeit, Strom in grossem Massstab zu liefern. Der daraus entstehende Investitionszyklus konzentriert sich auf Hochspannungsnetze, kritische Halbleitertechnologien sowie modulare Nukleartechnologie und hocheffiziente Gasturbinen.

Die geografische Schadensverteilung ist ungleich. Die USA sind als Netto-Ölexporteur strukturell besser positioniert – höhere Energiepreise stützen die Profitabilität des heimischen Energiesektors. Trotzdem trifft der Preisschock die Konsumenten, und die leere SPR verhindert eine schnelle Gegenwirkung.

Europa leidet mehr. Zwar hat die EU ihre Energieversorgung nach 2022 diversifiziert – Norwegen hat Russland als wichtigsten Lieferanten abgelöst –, doch die strukturelle Importabhängigkeit bleibt.

China nimmt eine Zwischenposition ein: einerseits teurer Kohlenwasserstoffimporteur, andererseits Weltmarktführer bei Elektrifizierungstechnologien und Netzausrüstung – potenziell ein Hauptprofiteur des langen Infrastrukturzyklus. Rohstoffexportierende Volkswirtschaften wie Kanada und Brasilien können dagegen von steigenden Preisen durch verbesserte Handelsbilanzen profitieren.

Fazit: Der kurze Schmerz und die lange Rechnung

Die gute Nachricht zuerst: Die Welt ist besser gewappnet als in den 1970ern. Die Energieintensität der Wirtschaft ist dramatisch gesunken, die Arbeitsmärkte zeigen kaum Lohndruck, und der IWF steht bereit, Länder mit Zahlungsbilanzhilfen zu unterstützen. Selbst an den Finanzmärkten hält sich Optimismus, dass der Konflikt begrenzt bleiben dürfte.

Die schlechte Nachricht: Die USA haben ihre strategische Notreserve leerlaufen lassen. Die Notenbanken stecken in einer Zinszwickmühle. Und der Strom für KI-Rechenzentren muss irgendwo herkommen – unabhängig davon, was in der Hormuzstrasse passiert.

Dieser Ölschock ist kein 1973, kein 2022. Aber er könnte der Startschuss für das grösste Energieinvestitionsprogramm seit Jahrzehnten sein – nur dass dessen Währung diesmal nicht Barrel heisst, sondern Kilowatt.

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