investrends.ch-Umfrage: Mehrheit sieht SNB-Leitzins Ende 2022 bei 0,25%

Bei der Eindämmung der Inflation durch Anhebung der Leitzinsen besteht die Gefahr, dass die Wirtschaft abgewürgt wird. (Bild: Shutterstock.com/Ronstik)
Bei der Eindämmung der Inflation durch Anhebung der Leitzinsen besteht die Gefahr, dass die Wirtschaft abgewürgt wird. (Bild: Shutterstock.com/Ronstik)

Eine klare Mehrheit von 35% der Umfrageteilnehmerinnen und –teilnehmer glaubt, dass die Nationalbank zur Bekämpfung der Inflation den Leitzins bis Ende 2022 auf mindestens 0,25% anheben wird. Fast ein Fünftel erwartet sogar eine Erhöhung über 0,5%.

29.07.2022, 16:06 Uhr

Redaktion: rem

Die Inflationsrate in der Schweiz hat im Juni mit 3,4% gegenüber dem Vorjahresmonat erstmals seit Sommer 2008 über 3% betragen und das höchste Niveau seit 1993 erreicht. Auch wenn sie damit deutlich niedriger als in anderen Industriestaaten (USA aktuell 9,1%, Eurozone 8,9%) ist, übersteigt die hiesige Inflation den oberen Rand des von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) mit Preisstabilität zu vereinbarenden Bereiches von Null bis unter 2%.

Die SNB hat auf diese Inflationsentwicklung am 16. Juni mit einer überraschenden Leitzinserhöhung von 0,5 Basispunkten auf -0,25% reagiert, um dem gestiegenen inflationären Druck entgegenzuwirken und zu verhindern, dass die Teuerung breiter auf Waren und Dienstleistungen übergreift. Es sei nicht auszuschliessen, dass in absehbarer Zukunft weitere Zinserhöhungen nötig werden, um die Inflation auf mittlere Frist im Bereich der Preisstabilität zu stabilisieren, hiess es.

Schritt aus dem Schatten der EZB

"Die SNB hat mit ihrer Zinserhöhung Mitte Juni einen ersten Schritt aus dem Schatten der EZB getan. Eigenständigkeit zurückgewinnen muss ihr Ziel sein", betont der investrends.ch-Redaktor Hanspeter Frey in einem Kommentar zur Politik der Notenbanken. Um die Inflation unter Kontrolle zu bringen, müssten die Notenbanken die Geldpolitik derart stark straffen, dass sich das Wirtschaftswachstum bis auf das Potenzialwachstum abschwäche, sage die Ökonomie. Wahrscheinlich falle das Wachstum vorübergehend noch tiefer, denn eine Punktlandung, ein Soft Landing, sei noch selten gelungen.

Wie der Kommentator weiter ausführt, wäre das keine Katastrophe. Denn eine Rezession gehe vorüber, die Inflation bleibe, von der dritten Variante, einem Stück von beidem, der Stagflation, ganz zu schweigen. "Eine Rezession, so schlimm das Wort klingt, würde die Verhältnisse wieder zurechtrücken: dem Kapitalmarkt seine Funktion zurückgeben, Sparen belohnen und Verschulden aufs Notwendige reduzieren", so Frey.

Sorgen halten sich in Grenzen

Trotz der aussergewöhnlich schnell gestiegenen Inflation halten sich die Sorgen der Konjunkturbeobachter von BAK Economics bezüglich der weiteren Inflationsentwicklung in Grenzen. Zwar müsse ein Szenario anhaltend hoher Inflation oder sogar Stagflation im Auge behalten werden. Jedoch spreche viel dafür, dass die Inflation in den kommenden Monaten zu sinken beginne und bereits 2023 mit einem Jahresdurchschnitt um 1% das Stabilitätskriterium der SNB wieder klar einhalten werde.

Die SNB leiste einen wesentlichen Beitrag zur Rückkehr der Preisstabilität. Auch mit dem Franken, so die BAK-Ökonomen, stünde ihr ein schnell wirksames Mittel zur Verfügung. Ein höherer Aussenwert des Frankens reduziere die importierte Teuerung bei Vorleistungen, Rohstoffen und Konsumgütern. Zusätzlich schwäche eine stärkere Währung die Nachfrage nach Schweizer Produkten und Dienstleistungen und lenke die hiesige Kaufkraft ins Ausland, was sich ebenfalls preismindernd auswirke.

Leitzinserhöhung hängt von weiterer Inflations- und Konjunkturentwicklung ab

Bei der Dämpfung der Nachfrage gelte es, Augenmass zu wahren, um die Konjunktur nicht in eine Rezession zu treiben. Die robuste Verfassung der Schweizer Wirtschaft mit Engpässen am Arbeitsmarkt biete jedoch Spielraum für eine restriktivere Gangart. BAK Economics rechnet nach weiteren Zinsschritten noch 2022 mit dem Ende der Negativzinsen. Mit der wieder moderaten Inflation dürfte 2023 dann von einer Zinspause geprägt sein.

Thomas Stucki, CIO der St. Galler Kantonalbank, wird da schon etwas konkreter: Indem die Notenbanken ihre Leitzinsen jetzt rasch anheben, schaffen sie sich das notwendige Polster, um später bei Bedarf mit Zinssenkungen wieder auf konjunkturelle Probleme oder externe Schocks reagieren zu können. Die SNB werde in den nächsten zwölf Monaten die Zinsen um insgesamt 1,50% auf 1,25% anheben. Anschliessend könne das Tempo gedrosselt werden. "Ende 2023 wird bei 1,75% gemäss unserer Prognose das Ende der Zinserhöhungen erreicht sein", sagt er.

Derzeit gehen viele Marktbeobachter davon aus, dass die SNB im September einen weiteren Zinsschritt von 0,5 Basispunkten auf +0,25% folgen lässt und die Negativzinsen somit Vergangenheit sein werden. Gegen Ende 2022 könnte dann nochmals eine Anhebung um 0,25 oder 0,5 Basispunkte folgen, wodurch der Leitzins auf 0,5% oder 0,75% zu liegen käme. Wie die SNB dann wirklich handelt, hängt natürlich von der weiteren Inflations- und Konjunkturentwicklung ab.

In der investrends.ch-Umfrage sieht eine Mehrheit (34,9%) der Teilnehmerinnen und Teilnehmer den SNB-Leitzins Ende 2022 bei +0,25%. Dass die SNB in diesem Jahr bei 0% Halt macht, glauben 25,4%, und dass die Schweizer Notenbanker den Leitzins bis auf 0,5% anheben, erwarten 18,2%. An eine Anhebung über 0,5% glauben fast gleich viele, nämlich 17,7%. Schliesslich haben noch 3,8% angegeben, dass die SNB wieder einen Schritt zurück unter -0,25% macht.

In der nächsten Umfrage können Sie Ihre Meinung dazu abgeben, wann die US-Notenbank mit ihrer Zinspolitik ihren Zielwert von 2% erreichen wird. Hier geht es zur Umfrage.

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