«Europa muss vom Regulierer zum Ermöglicher werden»

Er ist Keynote-Referent am Finance Forum Liechtenstein: der ehemalige deutsche Finanzminister Christian Lindner (Bild: FFL)
Er ist Keynote-Referent am Finance Forum Liechtenstein: der ehemalige deutsche Finanzminister Christian Lindner (Bild: FFL)

Der ehemalige deutsche Finanzminister Christian Lindner ist Keynote-Referent am Finance Forum Liechtenstein am 29. April 2026. Im Interview spricht er über geopolitische Verschiebungen und die Chancen der Schweiz und Liechtensteins.

17.03.2026, 05:59 Uhr

Redaktion: asc

Geopolitische Spannungen, Deglobalisierungstendenzen und wirtschaftliche Fragmentierung prägen die Gegenwart. Welche dieser Entwicklungen stellen aus Ihrer Sicht die grösste Herausforderung für internationale Finanzplätze dar?

Die grösste Herausforderung wäre nicht die Deglobalisierung selbst, sondern ihre Unordnung. Kapitalmärkte funktionieren mit Regeln, Verlässlichkeit und offenen Kanälen. Wenn geopolitische Blöcke entstehen, droht Fragmentierung von Zahlungsströmen, Regulierung und Währungen. Für Finanzplätze bedeutet das höhere Transaktionskosten und politische Risiken. Wer künftig erfolgreich sein will, muss Stabilität, Rechtssicherheit und internationale Anschlussfähigkeit bieten – und zugleich resilient gegenüber geopolitischen Schocks bleiben.

Finanzmärkte reagieren sensibel auf politische Unsicherheit. Welche politischen Fehler der vergangenen Jahre wirken heute besonders stark auf Kapitalmärkte und Investitionsentscheidungen nach?

Die Märkte reagieren ja weniger auf einzelne Entscheidungen als auf mangelnde Planbarkeit. Unklare Energiepolitik, steigende Staatsverschuldung ohne Wachstumsstrategie und Überregulierung haben Investoren verunsichert. Kapital sucht Verlässlichkeit. Wenn Politik kurzfristig interveniert statt langfristig ordnungspolitisch zu handeln, verteuert sich Finanzierung – für Staaten wie Unternehmen. Das scheinen die USA unter Trump gerade erneut zu zeigen. Vertrauen ist am Kapitalmarkt eine harte Währung.

Europa steht wirtschaftlich und strategisch unter Druck – von den USA ebenso wie von China. Welche Rolle kann und sollte der europäische Finanzsektor in dieser neuen globalen Ordnung spielen?

Europa muss vom Regulierer zum Ermöglicher werden. Wir haben starke Banken, Versicherer und Kapitalmärkte, aber fragmentierte Strukturen. Eine echte Kapitalmarktunion wäre ein geopolitischer Faktor: Finanzierung von Innovation, Verteidigung und Transformation aus eigener Kraft. Europa sollte nicht zwischen USA und China lavieren, sondern ein eigenständiges Modell für offene, regelbasierte Finanzmärkte etablieren.

Hochvernetzte Finanzplätze wie die Schweiz und Liechtenstein sind besonders abhängig von stabilen Rahmenbedingungen. Welche geopolitischen Risiken werden aus Ihrer Sicht oft unterschätzt – gerade aus der Perspektive kleiner Staaten?

Unterschätzt wird oft die politische Instrumentalisierung von Finanzströmen. Sanktionen, Zugang zu Zahlungssystemen oder regulatorische Standards werden zunehmend geopolitisch genutzt. Kleine Staaten sind besonders exponiert. Ihre Versicherung dagegen sind hohe Compliance- Qualität und internationale Glaubwürdigkeit. Wer Vertrauen bietet, bleibt relevant – auch in einer polarisierten Welt. Leicht wird das aber nicht.

Regulierung ist ein zentrales Instrument staatlicher Steuerung, kann aber auch Wettbewerbsfähigkeit beeinflussen. Wo sehen Sie heute in Europa die richtige Balance zwischen politischer Kontrolle und wirtschaftlicher Freiheit im Finanzsektor?

Regulierung muss Risiken begrenzen, darf aber Innovation nicht ersticken. Europa neigt zur Detailsteuerung. Das schafft Sicherheit, aber auch Bürokratie. Entscheidend ist ein Prinzip: gleiche Regeln für gleiche Risiken, technologieneutral und verhältnismässig. Der Staat sollte Leitplanken setzen – nicht Geschäftsmodelle definieren.

Sie haben sich als Finanzminister klar zu marktwirtschaftlichen Prinzipien bekannt. Welche wirtschaftspolitischen Leitplanken sind aus Ihrer Sicht unverzichtbar, damit ein Finanzplatz langfristig erfolgreich bleibt?

Rechtsstaatlichkeit, stabile Währung, solide Staatsfinanzen und offene Märkte. Dazu kommt heute ein fünfter Punkt: digitale Souveränität. Finanzplätze müssen technologisch führend sein – bei Zahlungsverkehr, Dateninfrastruktur und Cyber-Sicherheit. Vertrauen entsteht aus Stabilität und Modernität zugleich.

Die deutsche Wirtschaft kommt nicht so recht aus der Talsohle heraus. Wie könnte ein neues deutsches Wirtschaftswunder entstehen?

Nicht durch ein einzelnes Programm, sondern durch einen Mentalitätswechsel: mehr Lust auf Leistung, mehr private Investitionen, weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen, wettbewerbsfähige Steuern und konsequente Innovationspolitik. Deutschland hat Kapital und Know-how. Was fehlt, ist Tempo. Wachstum entsteht, wenn Leistung wieder attraktiver ist als Verwaltung.

Wo sehen Sie generell Zukunftschancen für Europa?

Europa hat enorme Chancen, wenn wir vorhandenes Kapital und vorhandene Ideen zusammenbringen. Wir stehen uns selbst im Weg. Wir haben uns gefesselt. Das ist eine gute Nachricht, denn wir können uns aus eigener Kraft daraus befreien.

Die Schweiz und Liechtenstein verbindet internationale Offenheit mit politischer Stabilität. Welchen strategischen Rat würden Sie einem Finanzplatz geben, der klein ist, aber global denkt?

Kleinheit muss kein Nachteil sein, sondern kann zum strategischen Vorteil werden. Schnelle Entscheidungen, klare Regulierung und persönliche Netzwerke schaffen Vertrauen. Wichtig ist, Nischen konsequent zu besetzen: Vermögensverwaltung, nachhaltige Finanzierung, spezialisierte Dienstleistungen. Global denken, aber institutionell stabil bleiben – das ist die eigentliche Stärke.

Wenn Sie einen Blick nach vorne werfen: Welche Entwicklung wird die Finanzbranche in den nächsten zehn Jahren stärker prägen als heute allgemein angenommen?

Die Verschmelzung von Technologie und Regulierung. Künstliche Intelligenz, digitale Identitäten und programmierbares Geld werden Geschäftsmodelle verändern – aber gleichzeitig neue Fragen zu Kontrolle, Datenschutz und Souveränität aufwerfen. Die Finanzbranche wird technologischer, aber auch politischer. Wer beides versteht, wird die nächste Dekade prägen.

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Das Finance Forum Liechtenstein geht am 29. April 2026 zum 12. Mal über die Bühne. Es ist seit mehr als 10 Jahren der zentrale Treffpunkt für die Finanzbranche in Liechtenstein und der Schweiz.

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