07.04.2026, 09:11 Uhr
Der Swisscanto Pensionskassen-Monitor per 31. März 2026 zeigt: Marktverwerfungen haben die Gewinne vom Februar teilweise zunichte gemacht. Private Equity und Direktimmobilien stemmen sich gegen den Abwärtstrend –...
Während US-Treasuries und britische Gilts unter dem Druck des Iran-Krieges einbrechen, trotzt der chinesische Bondmarkt dem Trend. Doch am Horizont ziehen neue Risiken auf.
Es ist eine bemerkenswerte Umkehrung der gewohnten Ordnung: Seit Ausbruch des US-israelischen Krieges gegen den Iran Ende Februar stehen die klassischen sicheren Häfen der Anleihemärkte unter massivem Druck. US-Treasuries, britische Gilts, die Benchmark-Papiere der westlichen Finanzwelt – sie alle verlieren an Wert, während die Renditen in die Höhe schiessen. Ausgerechnet chinesische Staatsanleihen halten dagegen still. Mehr noch: Sie haben sich leicht verteuert.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Rendite zehnjähriger chinesischer Staatsanleihen liegt aktuell bei rund 1,82 Prozent – praktisch unverändert seit Kriegsbeginn am 28. Februar. In der gleichen Zeitspanne sind die Renditen zehnjähriger US-Treasuries um 0,38 Prozentpunkte auf über 4,35 Prozent gestiegen. Britische Gilts legten sogar um rund 0,7 Prozentpunkte zu. Der Mechanismus ist bekannt: Die explodierenden Energiepreise – Brent-Rohöl notiert mittlerweile über 112 Dollar je Barrel – treiben die Inflation, und die Notenbanken in Washington und London können die Zinsen nicht wie geplant senken. Die Stagflationsängste sind zurück.
China operiert in einem völlig anderen Umfeld. Die Inflation lag im Februar bei lediglich 1,3 Prozent, weit unter dem offiziellen Ziel von rund 2 Prozent. Dank eines diversifizierten Energiemixes – Kohle, Erneuerbare, Atomkraft – sowie enormer strategischer Ölreserven und des fortgesetzten Zugangs zu russischem Rohöl trifft der Energieschock die Volksrepublik deutlich weniger als die westlichen Industriestaaten oder energieimportabhängige Länder wie Japan und Südkorea.
«China ist von diesem Energie-Pass-through weniger betroffen, und der wirtschaftliche Ausgangspunkt ist ein ganz anderer», so Mitul Kotecha, Leiter der asiatischen Devisen- und Schwellenländerstrategie bei Barclays, gegenüber der Financial Times.
Neben der Energiefrage gibt es einen strukturellen Faktor, der den chinesischen Bondmarkt von globalen Verwerfungen abschirmt: die strikten Kapitalverkehrskontrollen. Chinesische Anleger können ihr Geld nicht ohne Weiteres ins Ausland verlagern. Das schafft eine stabile, im Grunde gefangene Nachfragebasis, so der Experte Vincent Chung von T. Rowe Price
Hinzu kommt ein Mangel an Alternativen innerhalb Chinas: Nach der anhaltenden Immobilienkrise und einem schweren Bärenmarkt bei Aktien sind Staatsanleihen für viele inländische Investoren schlicht die einzig attraktive Anlageklasse. Die Renditen mögen aus westlicher Sicht niedrig erscheinen – für chinesische Anleger bieten sie in einem deflationären Umfeld reale Erträge.
Auch die People's Bank of China selbst wird von internationalen Investoren als Stabilitätsanker wahrgenommen – allerdings aus anderen Gründen als etwa die Fed. Ihre Geldpolitik gilt als vorhersehbar, weil sie dem politischen Willen der Zentralregierung folgt. Das Forschungshaus Gavekal kam in einer vielbeachteten Analyse zu dem Schluss, dass chinesische Staatsanleihen über die vergangenen zwei Jahrzehnte auf währungsgesicherter Basis die Anleihen der wichtigsten Vergleichsmärkte übertroffen hätten – sowohl in der Gesamtrendite als auch risikoadjustiert.
Doch die Erfolgsgeschichte hat eine Kehrseite – und sie wird gerade akut. Bloomberg berichtete am Wochenende, dass chinesische Anleihen möglicherweise vor einem historischen Wendepunkt stehen. Die Renditen könnten aus ihrer engen Handelsspanne nach oben ausbrechen und in Richtung 2 Prozent oder darüber steigen, warnen Analysten von Citigroup und Huatai Securities.
Der Grund: Die Deflationsnarrative, die den Markt jahrelang getrieben haben, bekommen Risse. Überraschend starke Wachstumsdaten, langsamere Rückgänge bei den Erzeugerpreisen und die kriegsbedingten Energiepreissteigerungen verändern den Inflationsausblick auch für China. Goldman Sachs und die ANZ Bank haben ihre Prognosen für eine Zinssenkung der People's Bank of China (PBoC, die Zentralbank der Volksrepublik China mit Sitz in Peking) zurückgezogen oder abgeschwächt und ihre Inflationsschätzungen für China nach oben korrigiert.
Bereits Anfang 2025 hatte die PBoC selbst vor einer möglichen Blasenbildung am Anleihenmarkt gewarnt und ihre Staatsanleihenkäufe am offenen Markt vorübergehend ausgesetzt, nachdem die Zehnjahresrendite auf ein historisches Tief von rund 1,6 Prozent gefallen war. Kleinere Banken, die über 80 Prozent des Handelsvolumens ausmachen, seien zu stark in Staatsanleihen engagiert, mahnte die Notenbank damals.
Chinesische Staatsanleihen haben sich in den vergangenen Wochen als das erwiesen, was viele westliche Papiere nicht mehr sein konnten: ein Ruhepol in einer von Krieg, Inflation und geldpolitischer Unsicherheit geprägten Welt. Kapitalkontrollen, niedrige Inflation und eine akkommodierende Notenbank haben den Markt isoliert – vorerst. Doch die Isolation könnte sich als vergänglich erweisen, wenn die Deflation weicht, die Energiepreise auch China erreichen und die jahrelange Rally ihren Tribut fordert. Der sichere Hafen ist real. Aber er ist nicht ohne Verfallsdatum.