02.11.2026, 07:30 Uhr
Schwerpunkt US-Zwischenwahlen – Am Dienstag wählen die USA einen neuen Kongress. Die Prognosemärkte sehen die Demokraten klar vorne, die Börsen bleiben gelassen. Banken und Vermögensverwalter raten von einer...
Schwerpunkt US-Zwischenwahlen (3/3) – Die viel zitierte Nachwahlrally an der Wall Street hat für Schweizer Anleger einen Wechselkurs. In Franken fällt die historische Rendite deutlich tiefer aus, in einzelnen Zyklen sogar negativ. Trotzdem raten die Häuser davon ab, wegen der Wahl zusätzlich gegen den Dollar abzusichern.
Für Schweizer Portfolios sind die USA der wichtigste Auslandsmarkt. Wer einen globalen Aktienindex hält, ist zu einem grossen Teil in US-Titeln investiert, und auch Pensionskassen und Vermögensverwalter halten bedeutende Positionen in Dollar. Die Frage, was die Midterms für den Franken-Anleger bedeuten, lässt sich deshalb nicht mit dem Blick auf den S&P 500 allein beantworten.
Die Börsenhistorie scheint klar. Gemäss Carson Investment Research lag der S&P 500 seit 1950 zwölf Monate nach jeder Zwischenwahl höher, im Schnitt um 16,6 Prozent. Das VZ VermögensZentrum kommt für die Zyklen seit 1974 auf durchschnittlich 14,3 Prozent. Rechnet man in Franken, schrumpft der Zuwachs aber auf 11,1 Prozent. In zwei der untersuchten Zyklen führte die Dollarschwäche trotz steigender US-Aktien sogar zu einem Verlust für Schweizer Anleger.
Hinzu kommen zwei Einschränkungen. Erstens beweist die Abfolge keine Kausalität: Konjunktur, Unternehmensgewinne und Geldpolitik verändern sich gleichzeitig. Zweitens ist der übliche Rücksetzer im Wahljahr diesmal ausgeblieben, wie Moventum festhält. Ohne ihn fehlt ein Teil des Aufholpotenzials, die Durchschnittswerte lassen sich nicht eins zu eins übertragen. Eine belastbare Formulierung lautet deshalb: US-Aktien haben sich im Jahr nach den Midterms häufig positiv entwickelt. Eine Garantie ist das nicht, schon gar nicht in Franken.
Trotzdem empfiehlt ODDO BHF Schweiz keine zusätzliche Währungsabsicherung wegen der Wahl. Diese dürfte kein wesentlicher Katalysator für den Dollar sein, und die Absicherungskosten blieben hoch, «insbesondere in Schweizer Franken», schreibt Arthur Jurus, CIO Private Wealth Management. Der Grund ist die Zinsdifferenz: Die SNB belässt den Leitzins bei 0 Prozent, die Fed-Zielspanne liegt bei 3,75 bis 4,00 Prozent. Die Kosten einer Dollarabsicherung bewegen sich damit grob in der Grössenordnung dieser Differenz von rund vier Prozentpunkten pro Jahr – ein Grossteil der laufenden Rendite von US-Anlagen ginge so verloren.
Auch der Zahlungsdienstleister Convera erwartet bei einer geteilten Regierung nur eine begrenzte Reaktion des Dollars. Das grössere Aufwärtsrisiko für die US-Währung wäre ein republikanischer Sieg in beiden Kammern, der an den Prognosemärkten aber nur noch mit rund 5 Prozent bewertet wird. Über die Wechselkurse entscheiden laut ODDO BHF weiterhin vor allem Zinsdifferenzen und Inflationsaussichten. Ein Risiko für den Dollar sehen Julius Bär und Allianz GI eher im Streit um die Schuldenobergrenze, der im Frühjahr 2027 erwartet wird. Wer seine Absicherungsquote überprüfen will, tut dies also besser mit Blick auf diesen Termin als auf den Wahltag.
Die Einschätzungen der Schweizer Banken unterscheiden sich vor allem bei den Wahrscheinlichkeiten. Die BEKB gewichtete Mitte Oktober einen geteilten Kongress mit 70 Prozent, die Migros Bank Anfang Oktober mit rund 50 Prozent. Die UBS sah dagegen bereits Anfang Oktober einen demokratischen Sieg in beiden Kammern mit 50 Prozent vorne. Die Prognosemärkte gehen inzwischen deutlich weiter und bewerten dieses Szenario mit gut 70 Prozent.
Bei den Empfehlungen herrscht dagegen Einigkeit: keine Wahlwette. «Wir nehmen rund um die Zwischenwahlen keine Änderungen an unserer Portfolioallokation vor», sagt Kurt Reiman, Head of Fixed Income Americas bei UBS Global Wealth Management. Er warnt aber vor der Annahme, ein politischer Stillstand sei automatisch gut für die Märkte. Afonso Borges von Julius Bär sieht im begrenzten Spielraum eines geteilten Kongresses Unterstützung für längere Anleihen. Alex Rohner von J. Safra Sarasin erwartet unabhängig vom Ausgang eine robuste US-Wirtschaft und weitere Zinserhöhungen der Fed. ODDO BHF hat US-Aktien Anfang Oktober von Untergewichten auf Neutral hochgestuft und bevorzugt Technologie, Energie und Finanzwerte. Pictet Asset Management in Genf rät, sich mit günstigen Put-Optionen gegen Extremszenarien abzusichern, statt die Allokation umzubauen.
Für Schweizer Unternehmen sind zwei Themen relevant, an denen die Wahl wenig ändert. Erstens die Medikamentenpreise: Beide Parteien machen damit Wahlkampf, das Regulierungsrisiko im Gesundheitssektor bleibt laut Moventum unabhängig vom Ausgang bestehen. Für die grossen Schweizer Pharmakonzerne mit ihrem bedeutenden US-Geschäft ist das ein Dauerthema. Allianz GI sieht bei einem demokratischen Kongress zwar Rückenwind für Gesundheitsunternehmen, falls Kürzungen bei Medicaid und anderen Programmen zurückgenommen werden. Das betrifft aber eher Leistungserbringer und Versicherer als Medikamentenhersteller.
Zweitens die Handelspolitik. Zölle und Sanktionen laufen weitgehend über präsidentielle Verfügungen, wie Moventum, Julius Bär und J.P. Morgan Asset Management übereinstimmend festhalten. Ein Machtwechsel im Kongress würde Trump politisch stärker kontrollieren, seine Möglichkeiten bei Zöllen aber nicht beseitigen. J.P. Morgan AM warnt sogar, ein innenpolitisch gebremster Präsident könnte stärker auf die internationale Bühne ausweichen. Für exportorientierte Schweizer Unternehmen bleibt die handelspolitische Unsicherheit damit bestehen, egal wie die Wahl ausgeht.
Auf der anderen Seite profitiert der Schweizer Anleihenmarkt von der Unsicherheit um die Staatsfinanzen der grossen Volkswirtschaften. Die Rendite zehnjähriger Eidgenossen liegt um 0,5 Prozent, die Inflation bei 1 Prozent, der Bundeshaushalt dürfte 2026 einen Überschuss ausweisen. Sollte ein Haushaltsstreit in Washington oder ein Konflikt um die Schuldenobergrenze die Märkte verunsichern, dürfte die Nachfrage nach Franken-Anlagen eher steigen. Für Schweizer Anleger, die in US-Anleihen investieren, bleibt das Dilemma bestehen: Die höheren Renditen sind attraktiv, die Kosten der Währungsabsicherung zehren sie aber zu einem grossen Teil wieder auf.
Nach dem 3. November lohnt sich der Blick auf vier Punkte: die Grösse der Mehrheiten im Kongress, die Haushaltsfrist vom 11. Dezember, die Entwicklung der langen Treasury-Renditen und den Dollar gegenüber dem Franken. Entscheidend für Schweizer Portfolios ist weniger, welche Partei gewinnt, als die Frage, ob die Wahl die Erwartungen an Defizite und Zinsen verändert. Und das zeigt sich nicht in der Wahlnacht, sondern in den Monaten danach.