02.11.2026, 07:30 Uhr
Schwerpunkt US-Zwischenwahlen (3/3) – Die viel zitierte Nachwahlrally an der Wall Street hat für Schweizer Anleger einen Wechselkurs. In Franken fällt die historische Rendite deutlich tiefer aus, in einzelnen...
Schwerpunkt US-Zwischenwahlen – Am Dienstag wählen die USA einen neuen Kongress. Die Prognosemärkte sehen die Demokraten klar vorne, die Börsen bleiben gelassen. Banken und Vermögensverwalter raten von einer Wahlwette ab. Das grössere Risiko sehen sie nicht im Wahlsieger, sondern in den Haushaltskonflikten danach.
Die Midterms entscheiden über den Handlungsspielraum von Donald Trump, nicht über seine Präsidentschaft. Am 3. November werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus, 35 Sitze im Senat und 36 Gouverneure neu bestimmt. Heute kontrollieren die Republikaner beide Kammern. Selbst wenn die Demokraten beide gewinnen, bleibt die Regierung geteilt: Trump behält sein Vetorecht und kann bei Handel, Zöllen, Einwanderung und Aussenpolitik weiterhin per Dekret regieren.
Die Ausgangslage spricht gegen die Republikaner. In der jüngsten Umfrage von Reuters/Ipsos (22. bis 26. Oktober) bevorzugen registrierte Wähler die Demokraten mit 47 zu 36 Prozent. Trump kommt noch auf eine Zustimmung von 32 Prozent, belastet vor allem durch den Iran-Krieg, hohe Energiepreise und steigende Lebenshaltungskosten. «Die Wahl am 3. November wird faktisch zum Referendum über Inflation und Lebenshaltungskosten», sagt Thorsten Fischer, Head of Portfolio Management bei Moventum AM.
Die Prognosemärkte haben ihre Erwartungen in den letzten Wochen deutlich zugunsten der Demokraten verschoben. Auffällig ist, wie weit die Hausmeinungen der Banken dahinter zurückbleiben:
| Quelle (Stand) | Demokraten in beiden Kammern | Demokratisches Repräsentantenhaus, republikanischer Senat | Republikaner in beiden Kammern |
|---|---|---|---|
| Migros Bank (2. Oktober) | 30 Prozent | 50 Prozent | 20 Prozent |
| UBS (3. Oktober) | 50 Prozent | 40 Prozent | 10 Prozent |
| BEKB (15. Oktober) | 20 Prozent | 70 Prozent | 10 Prozent |
| Polymarket (31. Oktober) | 70,5 Prozent | 23,5 Prozent | 4,5 Prozent |
Einzeln betrachtet lag die Wahrscheinlichkeit eines demokratischen Repräsentantenhauses bei Polymarket am Freitag bei 94,5 Prozent, jene eines demokratischen Senats bei 71,5 Prozent. Vorsichtiger ist das Prognosemodell von Decision Desk HQ mit 80 beziehungsweise 57 Prozent. Libby Cantrill, Head of Public Policy bei PIMCO, hält die Hürde im Senat für hoch: Die Demokraten müssten drei eigene Sitze in umkämpften Staaten verteidigen und vier von sechs republikanischen Sitzen gewinnen, viele davon in Staaten, die Trump dreimal klar gewonnen hat. Bei 50 zu 50 entscheidet Vizepräsident JD Vance. Alaska, Iowa, Maine, Ohio und Texas gelten als offen.
An den Märkten ist von Wahlnervosität wenig zu spüren. Garrett Melson, Portfolio Strategist bei Natixis Investment Managers Solutions, verweist auf die Terminkurve des Volatilitätsindex VIX. Sie zeigt im Wahlmonat November normalerweise einen deutlichen Knick, in diesem Jahr ist er kaum zu erkennen. Der Oktober war stattdessen von einer Umschichtung aus KI-Aktien in bisher zurückgebliebene Segmente geprägt, die breiten Indizes bewegen sich seit fast drei Monaten seitwärts.
«Wir gehen nicht davon aus, dass die Midterms nennenswerte Auswirkungen auf die Märkte haben werden – politisches Drama hingegen ist durchaus möglich», sagt Mike Bell, Head of Market Strategy bei RBC BlueBay Asset Management, gegenüber finews. Ein demokratischer Sieg in beiden Kammern sei weitgehend eingepreist. Für J.P. Morgan Asset Management liegt die Marktrelevanz in der politischen Unsicherheit, nicht in der Wahl selbst. Wachstum, Inflation, Unternehmensgewinne und Fed-Politik blieben die grösseren Renditetreiber.
Für Anleger ist der Unterschied zwischen den beiden wahrscheinlichsten Szenarien kleiner, als er scheint. Neben dem Veto des Präsidenten braucht es für die meisten Gesetze wegen des Filibusters 60 Stimmen im Senat – eine Schwelle, welche die Demokraten auch bei einem sehr guten Abend nicht erreichen. «Auch wenn der Markt die Unterschiede zwischen einem geteilten und einem einheitlichen Kongress als bedeutend interpretieren mag, unterscheiden sie sich in politischer Hinsicht nicht allzu sehr», sagt Cantrill.
Goldman Sachs Asset Management bezeichnet die Wahl deshalb als «Ereignis für den fiskalpolitischen Spielraum». Handel, Aussenpolitik und Einwanderung steuere ohnehin die Exekutive. Die Überraschung läge bei den Republikanern: Halten sie beide Kammern, öffnet sich eine grössere Bandbreite an Fiskal- und Zinsentwicklungen – gerade weil der Markt dieses Szenario kaum eingepreist hat.
Was sich bei einer demokratischen Mehrheit ändern dürfte, ist die Kontrolle. Mit Vorladungsrecht und Ausschussvorsitzen würden die Demokraten Untersuchungen vom Iran-Krieg bis zu möglichen Interessenkonflikten anstossen und Trumps Kandidaten, auch für das Fed-Direktorium, schwerer passieren lassen. Brian Horrigan, Chefökonom bei Loomis Sayles, rechnet mit zahlreichen Anhörungen im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl 2028, etwa zu Preiserhöhungen und schwachem Lohnwachstum. Im Visier stünden Öl- und Gasfirmen sowie grosse Technologie- und Social-Media-Konzerne. J.P. Morgan AM warnt zudem: Ein innenpolitisch gebremster Präsident könnte stärker auf Dekrete und die internationale Bühne ausweichen.
Die verbreitete Formel, ein geteilter Kongress sei gut für die Börse, stellen mehrere Häuser infrage. «Wir widersprechen der Vorstellung, dass Stillstand zwangsläufig gut ist», sagte Kurt Reiman, Head of Fixed Income Americas bei UBS Global Wealth Management, an einer Diskussionsrunde. Jonathan Pingle, Chefökonom USA der UBS Investment Bank, erwartet, dass die Demokraten ihre neue Macht bei Haushalt und Schuldenobergrenze als Hebel einsetzen – etwa um Kürzungen bei Medicaid und anderen Sozialprogrammen aufzuschieben, im Tausch gegen höhere Verteidigungsausgaben. Auch die DWS hält fest: Ein Stillstand könne Politikwechsel erschweren, «die fiskalische Arithmetik allein löst er aber nicht».
Hinzu kommt ein Risiko aus der Wahl selbst. Hängt die Mehrheit von wenigen Tausend Stimmen ab, drohen Nachzählungen und juristische Anfechtungen. Die Machtverhältnisse könnten dann über Wochen offen bleiben, und Anleger dürften eine höhere Risikoprämie verlangen, warnt Horrigan.
Wichtiger als die erste Kursreaktion am Mittwoch dürften die Termine danach sein. Die Übergangsfinanzierung der Bundesregierung läuft am 11. Dezember aus. Horrigan erwartet eine weitere kurzfristige Verlängerung, «niemand möchte über die Feiertage einen Stillstand der Bundesverwaltung riskieren». Allianz Global Investors rechnet für das Frühjahr 2027 mit einem neuen Konflikt um die Schuldenobergrenze, Horrigan sieht den heikelsten Moment im Oktober 2027, wenn der Beginn des neuen Fiskaljahrs und der Zeitpunkt zusammenfallen könnten, an dem das Finanzministerium seine ausserordentlichen Massnahmen ausgeschöpft hat. Einen technischen Zahlungsausfall hält er für unwahrscheinlich, «aber nicht für ausgeschlossen».
Eine fiskalische Konsolidierung erwartet unter keinem der drei Szenarien jemand. Das Defizit erreichte im abgelaufenen Fiskaljahr laut Moventum 6 Prozent des Bruttoinlandprodukts, und PIMCO rechnet unabhängig vom Ausgang mit weiter steigenden Ausgaben, weil 75 Prozent davon gesetzlich gebunden sind.
Entsprechend einheitlich fallen die Empfehlungen aus. «Wir nehmen rund um die Zwischenwahlen keine Änderungen an unserer Portfolioallokation vor», sagt Reiman von der UBS. J.P. Morgan AM rät, investiert und diversifiziert zu bleiben, statt um den Wahltermin herum zu handeln. Robert Greil, Chefstratege bei Merck Finck, empfiehlt, Portfolios auf mehrere Szenarien auszurichten statt auf ein einzelnes Ergebnis zu setzen.
Die DWS bringt das Dilemma auf den Punkt: Wer die Wahl richtig vorhersagt, trifft deshalb noch nicht die richtige Anlageentscheidung. Entscheidend sei, wie stark das Ergebnis von den eingepreisten Erwartungen abweicht – und ob es Gewinne, Inflation, Zinsen oder Risikoprämien tatsächlich verändert. Ein demokratischer Sieg in beiden Kammern wäre vor allem eine Bestätigung. Die grössere Neubewertung bräuchte es, wenn die Republikaner den Kongress halten.