02.03.2026, 08:20 Uhr
Noch vor Kurzem galten US-Technologieriesen als alternativlos – getragen vom KI-Boom und beeindruckendem Gewinnwachstum. Doch Anfang 2026 hat eine Sektorrotation eingesetzt: Energie- und Grundstoffwerte legen zu,...
Der Angriff der USA und Israels auf Iran hat eine neue geopolitische Zeitrechnung eingeläutet. Für Anleger stellen sich nun drei Szenarien – mit weitreichenden Folgen für Öl, Inflation und Kapitalallokation, wie die Spezialisten von Edmond de Rothschild Asset Management analysieren.
Die Eskalation kam schnell und mit voller Wucht: Nachdem diplomatische Verhandlungen über das iranische Atomprogramm scheiterten, ordnete US-Präsident Donald Trump eine grossangelegte Militäroperation gegen Iran an. Bereits in den ersten Stunden des Konflikts wurden Revolutionsführer Ali Khamenei sowie 48 weitere politische und militärische Führungspersonen getötet. «Das Ziel der USA und Israels war eindeutig ein Regimewechsel und nicht nur die Zerstörung nuklearer und ballistischer Kapazitäten», schreiben Michaël Nizard, Head of Multi-Asset & Overlay, und Nabil Milali, Portfolio Manager bei Edmond de Rothschild Asset Management, in einer aktuellen Analyse.
Teheran reagierte mit Angriffen auf mehrere Nachbarländer – darunter die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Saudi-Arabien und selbst Oman, das zuvor als Vermittler in Verhandlungen aufgetreten war. Bislang üben sich diese Staaten in Zurückhaltung und beschränken sich auf das Abfangen iranischer Raketen. Doch laut Nizard und Milali steigt das Risiko einer Gegenreaktion auf iranischem Territorium, sobald die Abwehrkapazitäten der Golfstaaten an ihre Grenzen stossen. Auch Europa ist beteiligt: Frankreich, Deutschland und das Vereinigte Königreich haben Streitkräfte in die Region entsandt – eine direkte Beteiligung an Angriffen auf Teheran, insbesondere nach dem Beschuss einer britischen Militärbasis auf Zypern, sei nicht auszuschliessen.
Die Finanzmärkte reagierten mit Risikoaversion – sinkende Aktienindizes, ein stärkerer Dollar, ausgeweitete Credit Spreads und ein Anstieg des Goldpreises. Überraschend moderat: Brent-Rohöl notiert trotz eines Anstiegs von rund 30 Prozent seit Jahresbeginn bei etwa 79 Dollar pro Barrel – ein Niveau, das die Weltwirtschaft noch verkraften kann.
Der Grund liegt in strukturellen Veränderungen des Ölmarkts. «Amerikanisches Schieferöl, wachsende Nicht-OPEC-Produktion sowie alternative Exportrouten wie die EWP-Pipeline Saudi-Arabiens (7 Mb/d) und die ADCOP-Pipeline der UAE (1,5 Mb/d) begrenzen das Risiko eines Ölschocks nach dem Muster der 1970er-Jahre», erklären die Autoren. Dennoch bleibt die Strasse von Hormus das kritische Nadelöhr: Rund 20 Prozent des weltweiten Öls und mehr als ein Drittel des Seetransports fliessen durch die Meerenge – nicht primär durch direkte Angriffe auf Tanker gefährdet, sondern durch explodierende Versicherungsprämien und GPS-Störungen, die die Navigation massiv erschweren.
Nizard und Milali skizzieren drei mögliche Ausgänge des Konflikts, die unterschiedliche Anlagestrategien implizieren:
Chaos (Wahrscheinlichkeit: 20 Prozent ): Ein institutionelles Vakuum nach einem Regimesturz könnte zu einem Bürgerkrieg führen – ähnlich dem libyschen Szenario nach dem Fall Gaddafis. Milizen mit dauerhafter Störkapazität für den Schiffsverkehr würden einen anhaltenden geopolitischen Risikoaufschlag bei Rohöl rechtfertigen und eine neue Inflationsspirale auslösen.
Abnutzungskrieg (Wahrscheinlichkeit: 50 Prozent): Das wahrscheinlichste Szenario: Iran erweist sich als widerstandsfähiger als erwartet, Trump erklärt nach Monaten einseitig den Sieg und beendet die Kampfhandlungen – nicht zuletzt mit Blick auf die Mid-Term Elections. Ölpreise würden sinken, ohne das Vorkrisenniveau zu erreichen, was Risikoappetit an den Märkten wiederbeleben dürfte.
Regimewechsel (Wahrscheinlichkeit: 30 Prozent): Der von Washington und Tel Aviv erhoffte Ausgang würde ein Ende von über 40 Jahren islamischer Herrschaft bedeuten, Brent-Preise deutlich fallen lassen und die Attraktivität der Region für Direktinvestitionen massiv steigern.
Steigende Energiepreise stellen auch die US-Notenbank vor neue Herausforderungen. Die Fed trete «2026 in einer unbequemen Position» an, so die Analysten: Inflation bleibt hartnäckig, der Arbeitsmarkt robust, und geopolitische Schocks trüben das Bild zusätzlich. Dennoch plädieren Nizard und Milali dafür, dass Fed-Chef Kevin Warsh die Leitzinsen trotz hoher Ölpreise senken sollte – ein anhaltender Energieschock könnte den Konsum belasten und das Wachstum bremsen, was geldpolitische Unterstützung rechtfertigen würde.
Angesichts der Unsicherheit halten Nizard und Milali an bestehenden Absicherungspositionen fest – optionale Hedges sowie Credit-CDS, die vor der jüngsten Eskalation aufgebaut wurden, bleiben bestehen. Die Untergewichtung des Dollars wurde bereits mit Gewinn aufgelöst; der Greenback gewinne seine Safe-Haven-Qualitäten zurück. Die strategische Empfehlung lautet klar: «Übergewichtung von Resilienz-Themen wie Verteidigung, Energiesicherheit und strategische Autonomie.»