12.02.2026, 07:04 Uhr
Der Goldpreis eilt von Rekord zu Rekord, doch historisch betrachtet gingen Minenaktien bei steigenden Goldpreisen oft leer aus. Jetzt aber stimme die Gleichung, kommt Charles-Edouard Bilbault von Rothschild & Co Asset...
Die Fondsgesellschaft La Financière de l’Echiquier (LFDE) zeichnete in ihrem jüngsten Webinar ein Bild der globalen Märkte, das von hohen Bewertungen, geopolitischer Unsicherheit und einer bemerkenswert niedrigen Volatilität geprägt ist.
Das vergangene Jahr war ein Jahr der Umschichtungen: Europa und die Schwellenländer rückten stärker in den Vordergrund, während die Dominanz der USA erstmals ernsthaft hinterfragt wurde. Trotz dieser Verschiebungen blieb die Marktbreite gering, und viele Indizes stiegen vor allem aufgrund von der Expansion der Bewertungen– ein Warnsignal, das 2026 zu einem Jahr macht, in dem tatsächliches Gewinnwachstum entscheidend sein wird.
Besonders kritisch sieht LFDE die Situation in den USA. Zwar präsentieren sich die Fundamentaldaten robust, doch die Bewertungen haben historisch gesehen fast schon extreme Niveaus erreicht. Das Verhältnis zwischen Preis und langfristig erwartbarer Rendite wirkt zunehmend ungesund, und statistisch wäre ein viertes positives Aktienjahr in Folge eine Seltenheit. «Aber gleichzeitig bleibt die politische Unsicherheit hoch, nicht zuletzt wegen der Frage, wie unabhängig die US-Notenbank unter einer neuen Führung bleiben wird», gibt Michel Saugné, CIO von LFDE, zu bedenken. Diese Gemengelage habe die USA zwar nicht «uninvestierbar» gemacht, aber sie stelle die Rolle der Vereinigten Staaten als alternativloser Kern globaler Portfolios in Frage, so der Investmentchef von LFDE.
Europa dagegen profitiert von einem relativen Bewertungsabschlag und mehreren potenziellen Katalysatoren, die der Markt noch nicht vollständig eingepreist hat. Dazu gehören ein mögliches deutsches Konjunkturpaket, eine verzögerte, aber absehbare Lockerung der EZB-Politik und eine Stabilisierung des Euro gegenüber dem Dollar, die insbesondere exportorientierten Unternehmen zugutekäme.
Die verbleibenden NGEU-Mittel, die noch ausgezahlt werden müssen, könnten im Jahr 2026, dem grundsätzlich letzten Jahr des Programms, erheblich sein, da mehrere Volkswirtschaften – wie Griechenland, Spanien und Italien – erheblich davon profitieren und die Zuweisungen 10 Prozent ihres BIP übersteigen. Frankreich bleibt aus Sicht von LFDE ein Sonderfall, da politische Stabilität hier zur Voraussetzung für neue Engagements wird.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Schweiz eine besondere Rolle. Als klassischer Qualitäts- und Defensivmarkt könnten Schweizer Aktien 2026 zu den stillen Profiteuren eines zunehmend selektiven Umfelds werden. Die Stärke des Schweizer Frankens war zwar 2025 ein Belastungsfaktor, doch LFDE betont, dass eine Stabilisierung der Währungsdynamik bereits ausreichen könnte, um eine Erholung einzuleiten. Gleichzeitig sorgt die Unsicherheit über internationale Zölle zwar für Zurückhaltung, doch sobald hier Klarheit herrscht, könnten Schweizer Exporteure wieder an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen.
Besonders positiv hebt LFDE den Gesundheitssektor hervor, der mit seiner Innovationskraft und globalen Nachfrage als Stabilitätsanker gilt. Auch UBS wird nach der Integration der Credit Suisse als potenzieller Gewinner gesehen, da das fusionierte Institut über eine gestärkte Marktposition und neue Skaleneffekte verfügt.
Neben den geografischen Verschiebungen betont LFDE die zunehmende Bedeutung von Qualitätsaktien. Nach einem schwierigen Jahr 2025 könnten Unternehmen mit hoher Visibilität, soliden Bilanzen und stabilen Cashflows wieder stärker in den Fokus rücken. Das gilt nicht nur für die Schweiz, sondern global – und es passt zu einem Marktumfeld, in dem «Fehler teurer werden und die Streuung der Ergebnisse zunimmt», sagt Michel Saugné.
Auch die Schwellenländer rücken wieder ins Blickfeld, insbesondere Indien, wo sich die Bewertungen normalisiert haben und makroökonomische Rückenwinde, wie sinkende Zinsen und moderate Inflation, für einen neuen Investitionszyklus sprechen.
Auf Sektorebene erwartet LFDE eine Abkehr von breiten Momentum-Trades hin zu einer deutlich selektiveren Titelauswahl. Banken haben nach ihrer starken Performance 2025 kaum noch Bewertungsreserven, sodass künftig die individuelle Qualität der Institute entscheidend sein wird. Der KI-Sektor bleibt aus Sicht der Analysten eine langfristige Revolution, keine Blase, doch auch hier verschiebt sich die Marktführerschaft – etwa zugunsten von Speicherherstellern oder Unternehmen mit soliden Bilanzen, die den hohen Investitionsbedarf stemmen können.
Seltene Erden gewinnen vor allem als strategisches Thema europäischer Souveränität angesichts der chinesischen Dominanz in der Verarbeitung weiter an Bedeutung. Gold wiederum bleibt der sichere Hafen, da das Vertrauen in die politische Stabilität der USA weiter schwindet und viele Zentralbanken ihre Reserven zu Gunsten des Edelmetalls diversifizieren.
Darüber hinaus warnt LFDE aber noch vor zehn potenziellen «Überraschungen», die das Konsensszenario 2026 erschüttern könnten – von einer harten globalen Landung über einen Kreditmarktunfall bis hin zu einer neuen Inflationswelle, die durch Zölle oder geopolitische Spannungen ausgelöst wird. Besonders Letzteres hält LFDE für das wahrscheinlichste der unwahrscheinlichen Risiken, da die hohe Liquidität im System und protektionistische Tendenzen eine erneute Teuerungsdynamik begünstigen könnten.
Im Fazit betont LFDE, dass 2026 kein Jahr des Komforts wird, sondern eines der Dispersion. Die Zeiten, in denen breite Marktbewegungen alle Anleger mitzogen, sind vorbei. «In diesem Umfeld heisst die Lösung diversifizieren, selektiv sein und vor allem aktiv bleiben», folgert Michel Saugné. Denn, so der CIO, «Alpha wird nur aus klugen Entscheidungen resultieren.» Für die Schweiz kann die aktuelle Situation eine interessante Ausgangslage darstellen, denn sie bleibt ein Hort der Qualität – und könnte genau deshalb zu den Gewinnern eines anspruchsvollen Jahres gehören.