03.03.2026, 08:16 Uhr
Der Tod von Irans oberstem Führer Khamenei und iranische Drohnenangriffe auf Katars Gasanlagen haben eine neue Ära der Marktunsicherheit eingeläutet – und ein Grundprinzip des Investierens erschüttert: die...
Wall Street hat in den letzten Jahren keinen Boom erlebt, der so still, so schnell und so weit in die Portfolios von Privatanlegern vorgedrungen ist wie der Markt für Private Credit. Nun stellt sich die Gretchenfrage: Was passiert, wenn diese Anleger ihr Geld zurückwollen?
Die Antwort kam im Februar 2026 – und sie war laut. Blue Owl Capital, einer der führenden Verwalter privater Kreditportfolios mit über 300 Milliarden Dollar an Assets under Management, verzeichnete elf aufeinanderfolgende Tage mit fallenden Aktien. Es war die längste Verlustserie seit dem Börsengang des Unternehmens vor fünf Jahren.
Co-Chef Marc Lipschultz sah sich genötigt, Analysten zu beschwichtigen und zählte in einem Atemzug alle Krisen auf, die der Markt überstanden habe: Covid, den Kollaps der Silicon Valley Bank, den Liberation Day. Die Botschaft: Panik sei unangebracht. Doch genau diese Reaktion zeigte, wie nervös die Branche geworden war.
Am 19. Februar 2026 verkündete Blue Owl gleich zwei Massnahmen, die Investoren aufschreckten. Erstens verkaufte der Vermögensverwalter Kreditforderungen im Wert von 1,4 Milliarden Dollar aus drei seiner Business Development Companies (BDCs) – Vehikel, die Private Credit für Retailanleger zugänglich machen. Zweitens und noch gravierender: Für seinen kleinsten Retailfonds, Blue Owl Capital Corporation II (OBDC II), wurden die vierteljährlichen Rücknahmeoptionen dauerhaft und vollständig abgeschafft.
Das Pikante daran: OBDC II war Wochen zuvor bereits durch einen gescheiterten Fusionsplan mit dem börsenkotierten Schwesterunternehmen in die Schlagzeilen geraten. Und kurz davor hatten Investoren mehr als 15 Prozent der Nettovermögen aus einem der tech-fokussierten Fonds von Blue Owl abgezogen. Die Nerven lagen blank – und die Nachricht vom Rücknahmestopp wirkte wie eine Bestätigung der schlimmsten Befürchtungen, schreibt Bloomberg.
Co-Präsident Craig Packer versuchte zu beschwichtigen: Es handele sich lediglich um eine Anpassung des Rücknahmemechanismus, nicht um einen Liquiditätsengpass. Die Loans seien «nahezu zum vollen Nennwert» verkauft worden – «ein unbedingt äusserst positives Ergebnis für unsere Investoren». Der Markt glaubte ihm nur halb, schreibt die NY Times. Blue Owls Aktie verlor am Tag der Ankündigung fast 6 Prozent.
Die Reaktion war unmittelbar und breit. Aktien von Blackstone und Apollo Global fielen laut CNBC am 20. Februar ebenfalls um mehr als 5 Prozent. Dan Rasmussen, Gründer von Verdad Capital, brachte die Stimmung gegenüber Bloomberg auf den Punkt: «Das ist ein Kanarienvogel in der Kohlenmine. Die Blase auf den Privatmärkten beginnt endlich zu platzen.»
Besonders brisant: Analysten des Andersen Institute wiesen darauf hin, dass die aktuellen Ereignisse strukturelle Risse in einem Markt sichtbar machen, der in kurzer Zeit enorm gewachsen ist. US-Banken haben bis Mitte 2025 rund 300 Milliarden Dollar an private Kreditgeber verliehen. Damit ist der Sektor systemrelevant – und ein Liquiditätsschock könnte weit über die Branche hinaus Folgen haben. Moody's veröffentlichte prompt einen Sektorkommentar zu den Liquiditätsproblemen.
Knapp zwei Wochen nach der Blue-Owl-Eskalation lieferte Blackstone die nächste schlechte Nachricht. Aus dem Flaggschiff-Retailfonds BCRED (Blackstone Private Credit Fund), dem grössten privaten Kreditfonds der Welt mit rund 82 Milliarden Dollar Volumen, wurden im ersten Quartal 2026 Rücknahmen in Rekordhöhe beantragt. Die Anfragen überstiegen die reguläre Auszahlungsgrenze von 5 Prozent und erreichten insgesamt 7,9 Prozent des gesamten Fondsvermögens.
Blackstone reagierte ungewöhnlich: Das Unternehmen erhöhte das reguläre Rücknahmefenster auf 7 Prozent und stockte die verbleibenden 0,9 Prozent mit eigenem Kapital und Mitarbeitergeld – insgesamt rund 400 Millionen Dollar – auf, um alle Rücknahmeanträge vollständig zu bedienen. Das war eine bewusste Signalwirkung: Man wollte um jeden Preis vermeiden, dass auch nur ein Anleger auf sein Geld warten muss. Netto flossen trotzdem 1,7 Milliarden Dollar aus dem Fonds ab.
Blackstone betonte laut Reuters explizit: «Dies ist nicht auf Liquiditätsbeschränkungen von BCRED zurückzuführen.» Doch die Worte zeigen, wie sehr die Branche nun um den Narrativ kämpft – zwischen «geordneter Anpassung» und «Vertrauenskrise».
Hinter den Einzelfällen steckt ein tieferes, strukturelles Problem. Private Credit hat als Anlageklasse bisher vor allem für institutionelle Investoren – Pensionskassen, Versicherungen – funktioniert. Diese haben lange Anlagehorizonte und verstehen, dass Illiquiditätsprämien nur verdient werden, wer Geduld mitbringt. In den letzten Jahren aber hat die Branche massiv in den Retailmarkt expandiert: über BDCs, Intervallfonds, 401(k)-Angebote und integrierte Technologieplattformen.
Das Problem: Retailanleger haben kurze Zeithorizonte und klare Liquiditätspräferenzen. Sie erwarten, ihr Geld zurückzubekommen – quartalsweise, auf Abruf. Dieses Versprechen war strukturell nie einlösbar, wenn alle gleichzeitig an die Tür klopfen. «Die Risikooffenlegung für Retail-Investoren war schlicht unzureichend», urteilt das Andersen Institute.
Hinzu kommt die Intransparenz der Bewertungen: Preise von ähnlichen Kreditportfolios können je nach Fonds erheblich voneinander abweichen. Secondärmärkte mit echter Preisfindung existieren kaum. Wenn das Vertrauen in diese Bewertungen einmal schwindet, droht eine Spirale aus Illiquidität, Zwangsverkäufen und Abschreibungen – das Muster, das die Welt zuletzt 2007/2008 bei Verbriefungsmärkten gesehen hat, schreibt das renommierte Andersen Institute.
Noch ist das Schlimmste nicht eingetreten. BCRED verwaltet über hunderte von Krediten, überwiegend in erstrangig besicherten Senior-Secured-Strukturen. Blackstone unterhält tiefe institutionelle Beziehungen zu Kreditnehmern. Und Blue Owls Loan-Verkauf erfolgte – darin sind sich Beobachter einig – ohne nennenswerte Abschläge. Zwei Insolvenzen im Sektor im Jahr 2025 haben zwar das Vertrauen erschüttert, aber keine systemische Kette ausgelöst, so Hedgeco.
Dennoch ist klar: Der Private-Credit-Boom der letzten Jahre hat eine strukturelle Schwachstelle hinterlassen. Die Wachstumsstory steht nun unter Druck. Regulatoren in Washington fordern bereits schärfere Aufsicht über den Sektor. Für die grossen Manager – Blackstone, Blue Owl, Apollo – beginnt eine neue Phase: Wer Portfolioqualität und Transparenz nachweisen kann, wird langfristig Marktanteile gewinnen. Wer das nicht kann, muss sich auf weitere Rücknahmen einstellen, schreibt Financial Content. Der Kanarienvogel singt. Ob es eine Warnung ist oder ein Abgesang – das entscheidet sich in den nächsten Quartalen.