Coronavirus – Auftrieb für einen ethischen Kapitalismus?
Das Coronavirus und seine Folgen stellt die Menschheit rund um den Globus vor grosse Herausforderungen. (Bild: Shutterstock.com/Imageflow)
Das Coronavirus hinterlässt beim einzelnen Individuum, bei Familien und Unternehmen bis hin zu den Anlagemärkten seine Spuren. Pauline Grange von Columbia Threadneedle identifiziert zehn Faktoren, die Volkswirtschaften und Märkte für immer verändern könnten.
10.06.2020, 17:12 Uhr
Redaktion: rem
Die Covid-19-Krise stellt Menschen, Familien, Unternehmen, Regierungen und Anlagemärkte weltweit vor Herausforderungen. Eine solche Erfahrung könnte sowohl das Verhalten von Verbrauchern und Unternehmen als auch die Finanzmärkte grundlegend verändern. Pauline Grange, Portfoliomanagerin für Globale Aktien bei Columbia Threadneedle, hat vor diesem Hintergrund zehn aus der Covid-19-Krise hervorgehende Trends abgeleitet, die ihrer Meinung nach zu einem dauerhaften Wandel von Volkswirtschaften und Märkten führen werden:
Die Globalisierung hat ihren Höhepunkt erreicht: Länder werden sowohl beim Konsum als auch bei den Lieferketten über die Herkunft der Produkte und ihre übermässige Abhängigkeit von bestimmten Ländern nachzudenken beginnen. Unternehmen stehen damit ganz klar vor der Aufgabe, ihre Lieferketten zu diversifizieren. Es könnte auch eine Welle der Unterstützung für kleine, lokale Unternehmen geben, wenn Verbraucher von den bekannten Marken, die sie vorher gekauft haben, abrücken.
Schnellerer Übergang von Bar- zu Kartenzahlungen: Da mehr Menschen gezwungen sind, ihre Einkäufe über das Internet anstatt im Geschäft zu erledigen, und stationäre Läden vielerorts aus Hygienegründen keine Barzahlungen mehr annehmen, könnte sich der Übergang von Bar- zu Kartenzahlungen beschleunigen.
Gesundheit und Hygiene: Die Regeln und Vorschriften werden sich verschärfen, insbesondere in China, da angesichts des Ursprungs des Virus der Druck auf das Land zur Überwachung seiner Lebensmittelindustrie zunehmen wird.
Fortschritt der medizinischen Fachwelt: "Es ist erstaunlich, welche raschen, in der genetischen Forschung verwurzelten Fortschritte gemacht wurden, um die Krankheit aufzuhalten, und wie schnell uns klinische Studien Ergebnisse liefern", sagt Pauline Grange. Mitte Januar wurde das Genom der Krankheit entschlüsselt, vor zwei Wochen wurde der Wirkungsmechanismus der Proteinbindung identifiziert, vor einer Woche wurde das Virus in einem kanadischen Labor nachgebaut und das US-Biotechnologieunternehmen Moderna testet seit zwei Wochen einen Impfstoff. Im Vergleich zu "früheren Zeiten», als solche Studien Jahre statt Monate in Anspruch genommen hätten, sei das atemberaubend schnell. Viele unterschätzen vielleicht die Entwicklung der Wissenschaft und ihre Auswirkungen. Falls sich bald eine Chance abzeichne, die Krankheit früher als erwartet auszubremsen, sei mit positiven Überraschungen zu rechnen.
Intelligenteres Arbeiten wird stärker akzeptiert: Jetzt da Unternehmen gezwungen sind, Telearbeit zu ermöglichen, könnte diese Arbeitsform mehr Akzeptanz finden. Das wirkt sich auf Investitionen in die Cloud und ähnliche Technologien aus, und es beschleunigt die Abkehr von der alten IT-Infrastruktur.
Widerstände gegen die grossen Technologieunternehmen lassen nach, da sie jetzt wie Versorgungsunternehmen angesehen werden. "In dieser Phase der Isolation erkennen wir eindeutig, wie stark wir auf Technologieplattformen und soziale Medien angewiesen sind. Kurzfristig könnten Online-Plattformen wie der Suchmaschine Google, YouTube und Facebook bzw. Instagram zwar Werbeeinnahmen wegbrechen, auf längere Sicht werden diese Plattformen allerdings vom stärkeren Anstieg der Nutzerzahlen und vom zunehmenden Interesse profitieren", so Grange. Die Nutzer, die den Plattformen aufgrund von datenschutzrechtlichen Bedenken den Rücken gekehrt hatten, kommen jetzt vielleicht zurück, und Staaten gehen angesichts der Schlüsselrolle, die Technologieunternehmen in der Krise bei der Unterstützung der Gesellschaft gespielt haben, womöglich weniger scharf gegen diese vor.
Online-Konsum nimmt zu: Ob beim Kauf von Lebensmitteln, im Bildungsbereich oder im Einzelhandel allgemein – der Online-Konsum hat zugelegt, denn inzwischen ist ein grösserer Nutzerkreis mit der Inanspruchnahme dieser Dienstleistungen vertraut. Was für viele aus der Notwendigkeit heraus begann, kann vielleicht zur Norm werden. Auch klassische Einzelhändler und Dienstleister werden verstärkt ins Online-Geschäft investieren.
Beschleunigung wichtiger technologischer Trends: Bei KI-Fabriken, die datengesteuerte Algorithmen zur automatisierten Entscheidungsfindung einsetzen, anstatt auf arbeitsintensive Prozesse zu setzen, die persönliche Kommunikation erfordern, war bereits ein rasantes Wachstum zu verzeichnen. "Sie eignen sich gut für eine Welt mit weniger zwischenmenschlichen Kontakten und könnten, wie bereits erwähnt, Investitionen in öffentliche Clouds beschleunigen", meint Grange.
Aufstieg der "grünen» Agenda: Da einige Länder gerade erleben, welche Vorzüge sauberere Luft und Gewässer haben (in den Kanälen von Venedig ist das Wasser so klar geworden, dass man jetzt Fischschwärme sehen kann) besteht vielleicht der Wunsch, diese zu bewahren. Mithilfe fiskalpolitischer Fördermassnahmen könnten Umweltthemen auf der Agenda nach oben rücken und mehr Investitionen in erneuerbare Energien, Infrastruktur für Elektrofahrzeuge und ähnliche Projekte fliessen.
Aufstieg des ethischen Kapitalismus: "Überdenken Unternehmen ihr gesamtes Handeln und richten mehr Aufmerksamkeit auf ihren Zweck, d. h. ihren Einfluss auf Umwelt und Kunden, die Gesellschaft, ihre Mitarbeiter und die Lieferkette? Vor dem Hintergrund zunehmender sozialer Ungerechtigkeit in westlichen Ländern wird es bereits jetzt zunehmend kritisch gesehen, wenn Unternehmen zu Aktienrückkäufen greifen, um auf Kosten von Investitionen und Bilanzen die Kurse zu stützen. Wäre es denkbar, dass sich diese kritische Grundhaltung in einer Welt nach Covid-19 verstärkt? Nachdem wir im Grunde unserer Freiheit beraubt wurden, denken wir als Verbraucher möglicherweise ganz neu darüber nach, was uns im Leben wichtig ist. Materielle Güter treten plötzlich in den Hintergrund, während Erlebnissen, Gesundheit/Fitness und sozialem Engagement mehr Bedeutung zugemessen wird", so Grange.
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