„Zukünftig werden wir mit sehr niedrigen Zinssätzen leben müssen“

Hans van Zwol, Senior Portfolio Manager bei ING Investment Management.
Hans van Zwol, Senior Portfolio Manager bei ING Investment Management.

Hans van Zwol, Senior Portfolio Manager bei ING Investment Management und verantwortlich für den ING (L) RF Global Bond Opportunities Fund, erläutert im Interview, was Anleiheinvestoren 2015 erwarten dürfen.

02.03.2015, 10:50 Uhr

Redaktion: dab

Welche Lehren ziehen Sie persönlich aus der Marktentwicklung des Jahres 2014?
Hans van Zwol: Zu Beginn des Jahres 2014 herrschte ein breiter Konsens, dass ein sich verbesserndes globales Wachstum einen moderaten Anstieg der Zinsen einleiten würde. Nicht eingetroffene Inflationserwartungen, abnehmende Rohstoffpreise und eine ausserordentlich lockere Gelpolitik führten jedoch zu einem Fall der Zinsen auf ein Allzeittief. Einmal mehr hat sich gezeigt, dass Portfolio-Manager flexibel und in der Lage sein sollten, auf Veränderungen in der Marktentwicklung zu reagieren. Es ist uns bewusst geworden, dass wir künftig mit sehr niedrigen Zinssätzen leben werden müssen – vermutlich selbst für eine ganze Reihe von Jahren. Die Zeiten, als die positiven Preiseffekte abnehmender Zinsen für hohe Erträge sorgten, sind vorbei. Dies macht andere Investitionsansätze als früher nötig.

In welchem Ausmass konnte Ihr Portfolio von der starken Aufwertung des US-Dollars im zweiten Halbjahr 2014 profitieren?
In den Monaten August und September hatten wir mehrere Long-Positionen in US-Dollar in unseren Portfolios. Diese Long-Positionen hielten wir sowohl gegen Währungen von Industrieländern als auch gegen Schwellenländerwährungen. Nachdem wir unser Ziel erreicht und ansehnliche Gewinne verbucht hatten, haben wir diese Positionen geschlossen. Darüber hinaus profitierte der Gesamtertrag des Fonds signifikant, da das strategische Portfolio einen substanziellen US-Dollar-Anteil umfasst.

Wie optimistisch ist Ihre Sicht auf die Zukunft und auf welche Hindernisse und Herausforderungen sollten sich Investoren im Jahr 2015 gefasst machen?
Für Investitionen in festverzinsliche Papiere im Allgemeinen können wir nur mässig optimistisch sein. Allerdings gibt es bei genauerer Betrachtung weiterhin festverzinsliche Anlagekategorien, für die wir relativ attraktive Erträge erwarten. Ausserdem wird der Mehrwert dieser Anlagekategorien bei einem Vergleich mit anderen Anlagen, wie beispielsweise Sparkonten oder Staatsanleihen mit kurzen Laufzeiten, deutlich. Die Herausforderung in den nächsten Jahren ist eindeutig die Frage, wie das Niedrigzinsumfeld bezwungen werden kann. Wir sind der Auffassung, dass zurzeit ein Umfeld herrscht, in welchem aktive Erträge eine prominentere Rolle spielen sollten.

Was können wir aus der überraschenden Entscheidung der SNB, die Euro-Untergrenze aufzugeben, lernen?
Die Lektion für aktive Investoren ist, dass man sehr vorsichtig sein sollte, wenn man Stop-Loss-Order unter einem bestimmten «Floor»-Level belässt. Wie im Fall des EUR-CHF-Kurses gehen Sie dabei das Risiko ein, dass Ihre Order bei viel schlechteren Kursniveaus ausgeführt werden als diejenigen, die bei der Ordereingabe herrschten. Wir haben einmal mehr gesehen, dass man immer auf Diversifikation achten und Risikokonzentrationen vermeiden sollte.

Wie planen Sie, im Jahr 2015 im Bereich der festverzinslichen Anlagen Rendite zu erzielen? Und in welchem Mass hat die Ankündigung einer quantitativen Lockerung seitens der EZB Ihre Portfolio-Positionierung beeinflusst?
Hauptsächlich wollen wir von der «Jagd nach Rendite» profitieren, indem Anlagekategorien mit höheren Renditen stärker gewichtet werden. Dies können Anleihen aus den Peripheriemärkten der Eurozone sein, aber auch Produkte wie hochverzinsliche Anleihen, Unternehmensanleihen oder Anleihen und Währungen aufstrebender Märkte. Wir sehen zudem eine Abnahme der Marktliquidität, was hin und wieder kurze Perioden einleitet, die wir «Luftlöcher» nennen – Perioden mit hoher Volatilität. Diese Momente bieten flexiblen Investoren ausgezeichnete Gelegenheiten, um von Marktverlagerungen zu profitieren. Wir haben unseren Investitionsprozess so gestaltet, dass wir nicht von bestimmten Marktumständen abhängig sind, und streben ein stark diversifiziertes Portfolio an, worin eine breite Anzahl unabhängiger Meinungen zum Ausdruck kommt.

Zum Ende des Sommers 2014 verstärkte sich unsere Überzeugung erheblich, dass eine Lockerung der Geldmenge unvermeidbar sei und wir entschieden uns, unser Portfolio entsprechend zu positionieren. Ab Herbst 2014 antizipierten wir Ankündigungen einer mengenmässigen Lockerung, indem wir uns für niedrigere Gewinne positionierten. Zudem hielten wir wesentliche Positionen in festverzinslichen Anlagekategorien, von denen wir erwarteten, dass sie vom Thema «Jagd nach Rendite» profitieren würden, wie beispielsweise italienische und spanische Staatsanleihen, Kreditpapiere und Anleihen aufstrebender Märkte. Die tatsächliche Ankündigung einer Lockerung der Geldmenge durch die EZB erfolgte dann ziemlich im Einklang mit unseren Erwartungen und gab uns keinen Anlass, unsere Portfolio-Positionierung zu ändern.

In welchem Mass beeinflusst die Fondsgrösse die Effizienz und Wirksamkeit Ihrer Investitions-Strategie?
In unserem Fall ist die Fondsgrösse kein Problem. Wir arbeiten in relativ liquiden Märkten und nutzen alle verfügbaren Instrumente. Dies bedeutet, dass wir beispielsweise einfach Futures oder Swaps einsetzen können, falls die Marktliquidität in anderen Instrumenten ungenügend ist, um gewünschte Positionen zu realisieren oder falls die Kosten dafür zu hoch sind.

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