"Die Reinkarnation des alten Core-Satellite-Modells steht bevor"

Jürg Zollinger, Länderchef Schweiz bei BNY Mellon Investment Management.
Jürg Zollinger, Länderchef Schweiz bei BNY Mellon Investment Management.

Jürg Zollinger, Länderchef bei BNY Mellon Investment Management, spricht im Interview über den Bericht "Future 2024", über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf das Verhalten der Investoren und über die Herausforderungen im Anlagebereich aufgrund des Klimawandels.

09.12.2019, 11:44 Uhr

Redaktion: lek

Warum hat BNY Mellon Investment Management den Bericht "Future 2024"(investrends.ch berichtete) in Auftrag gegeben?
Jürg Zollinger:
Wir haben den Bericht erstellen lassen, um unseren Kunden hochwertige und tiefgehende Analysen zu liefern, die nicht nur aktuell sind, sondern auch massgeblich zur Bewältigung ihrer anstehenden Herausforderungen beitragen.

Welche Megatrends werden in der Studie analysiert und welchen Einfluss haben diese auf die Finanzindustrie?

Der Bericht untersuchte, wie Klimawandel und Künstliche Intelligenz von Investoren weltweit wahrgenommen werden, welche Anlagethemen und -lösungen sich daraus ergeben und wie sich diese Supertanker-Trends potenziell auf Ansätze zur Vermögensallokation und auf die Vermögensverwaltungsbranche auswirken.

Der Studie zufolge birgt Künstliche Intelligenz (KI) Chancen, aber auch Risiken. Wie sind diese Ihrer Ansicht nach gewichtet?

Die Investoren werten KI wie auch den Klimawandel als Faktoren von wesentlicher Bedeutung. Unsere Analysen ergaben, dass 89% der institutionellen Investoren, die sich an der Studie beteiligten, die beiden Supertanker-Trends als Investmentrisiken betrachten. Insbesondere vertreten über 85% die Auffassung, dass KI ein Investmentrisiko darstellt, welches potenzielle gesellschaftliche Gegenreaktionen und geopolitische Spannungen auslösen könnte. Dennoch erkannte die Hälfte der befragten Investoren, die KI als Risiko bezeichneten, darin auch eine Chance. 33% sahen KI ausschliesslich als Risiko an, 7% nur als Chance.

Welche Veränderungen sehen Sie auf die Vermögensallokation und die Investmentindustrie zukommen?

Erste Veränderungen bei der Vermögensallokation und in der Investmentbranche zeichnen sich bereits ab. Langfristige Themen wie KI und Klimawandel gehören zu den Schlüsselfaktoren, die solchen Veränderungen zugrunde liegen. Wir gehen davon aus, dass bei neuen künftigen Allokationen private Märkte stärker nachgefragt werden als öffentliche, wenn sich das Interesse an nicht korrelierenden absoluten Renditen steigert. Es wird vermehrt auf Private Equity, aber auch auf Private Debt gesetzt, um aus KI-bedingten Umstrukturierungen von Unternehmen Kapital zu schlagen. Dem Bericht zufolge belaufen sich die Allokationen der Investoren in die privaten Märkte derzeit auf 19 bis 31%, dürften aber zunehmen.

Wie beurteilen Sie das Fazit des Berichts, dass neu entstehende Kundensegmente die Vermögensverwaltung umgestalten werden?

Wir messen die Kundennachfrage bereits, weil wir daran ablesen können, wie Kundenbindung und Kundenzufriedenheit aussehen. Nach unserer Feststellung investieren Kunden aus verschiedenen Gründen: um Alpha zu generieren, um verschiedene Anlagestile zu berücksichtigen, um sich gegen fallende Märkte abzusichern und um das Ergebnis auf konkrete Verbindlichkeiten und Bedürfnisse auszurichten. Ungeachtet der Motive der Kunden für ein Engagement geht es aber stets um starke Performance.

Und die können Sie liefern?

Wer im aktuellen Umfeld erfolgreich sein will, braucht Grösse und Vielfalt. BNY Mellon Investment Management verfügt über die nötige Grösse. Dadurch können wir Dienstleistungen wettbewerbsfähig erbringen.

Inwiefern schreibt KI die Zukunft der Vermögensverwaltung neu?

Die Branche tritt derzeit in die dritte Phase ein, in der sie sich für eine starke operative Leistungsfähigkeit auf KI stützt, der fünf konkrete Ziele zugrunde liegen: hohe Renditen, reibungslose Kundenerfahrung, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bei den Gebühren, betriebliche Exzellenz und ein skalierbares Geschäftsmodell.

KI kann dazu beitragen, den Investmenterfolg im Front-Office zu steigern, im Middle-Office Kunden besser zu betreuen und im Back-Office Grössenvorteile zu bieten. Anders formuliert: Sie kann es Vermögensverwaltern ermöglichen, all ihre Kapazitäten einzusetzen, um mehr Leistung für weniger Geld zu bringen und damit eine bessere operative Leistungsfähigkeit.

KI ist darauf ausgerichtet, tektonische Verschiebungen auszulösen, indem sie in der Anlageindustrie neue Geschäftsmodelle ermöglicht und diese einer "Der Sieger bekommt alles"-Dynamik aussetzt, wie sie auch in anderen Sektoren erwartet wird. Sie eröffnet die Möglichkeit, das Vermögensverwaltungsgeschäft ganz anders zu betreiben. In der Vergangenheit wurden durch die Einführung technischer Neuerungen hauptsächlich die Kosten reduziert.

Welche Reaktionen erkennen Sie auf die Herausforderungen durch den Klimawandel?

Die Investoren kalkulieren potenziell drakonische Massnahmen ein, legen Wert auf intensive Dialoge mit den Unternehmen, investieren verstärkt in grüne Anleihen und akzeptieren ESG als Werkzeug zur Risikominderung. Ferner kombinieren Investoren immer häufiger aktive und passive Anlagestrategien, fokussieren sich auf idiosynkratische Portfoliorisiken, interessieren sich gezielt für neue Innovationsführer und lassen harte sowie weiche Kennzahlen in ihre Analysen einfliessen.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Strategien/Fonds grössere Zuflüsse in ESG-Anlagen verzeichnen?

ESG-Fonds haben bereits mehr Zulauf und werden auch auf absehbare Zeit beträchtliche Zuflüsse verzeichnen. Sowohl institutionelle Investoren als auch Privatanleger richten ihre Portfolios dahingehend aus, dass ESG-Prinzipien eingebettet werden. Auf längere Sicht dürfte viel davon abhängen, wie widerstandsfähig sie sind, wenn der Markt kräftig einbricht. Langfristig orientierte Investoren werden sich nicht beirren lassen, doch vor allem Privatanleger beweisen womöglich weniger Durchhaltevermögen.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus der Studie Future 2024 im Allgemeinen und für den Schweizer Finanzmarkt im Speziellen?

Die Studie macht zwei Umwälzungen deutlich, die bei der Vermögensallokation eine besondere Rolle spielen: die Umstellung von aktiv auf passiv und von öffentlichen auf private Märkte. Beides sind Indizien für die Reinkarnation des alten Core-Satellite-Modells. Die Studie belegt zwar, dass in ganz Europa auf breiter Front die Überzeugung herrscht, dass der Anteil passiver Ansätze an Kerninvestments weiter steigen wird, doch dieser Prozess scheint in der Schweiz bereits im Gange. Mehr oder weniger gleich bleibt, dass sich aktive Managementstile auf Einzelinvestitionen mit höherem Risiko und Renditepotenzial fokussieren – die sogenannten Satelliten, die ineffiziente oder illiquide Märkte dominieren. Die Trennung von Alpha und Beta ist struktureller Natur, doch die beiden Investment-Stilrichtungen aktiv und passiv bleiben wechselseitig voneinander abhängig.

Dabei unterscheiden Investorensegmente, die sich neu herausbilden, ganz klar zwischen Produktalpha und Lösungsalpha – ob also der Markt durch die Einzeltitelauswahl geschlagen wird oder die vorgegebenen Finanzziele und persönlichen Werte von Investoren eingehalten werden. Angesichts der Megatrends ist die Vermögensverwaltungsbranche von heute in zehn Jahren womöglich gar nicht mehr wiederzuerkennen. Voraussetzung für den Erfolg ist die Anpassung an diese Veränderungen und ihre Bewältigung, um eine neue Zukunft zu gestalten.

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