Ernüchterung nach Notenbank-Beschlüssen

EZB-Präsidentin Christine Lagarde signalisiert Bereitschaft zu weiteren Zinserhöhungen. Auch Fed und SNB schliessen weitere Schritte nicht aus. (Bild: Shutterstock.com/Alexandros Michailidis)
EZB-Präsidentin Christine Lagarde signalisiert Bereitschaft zu weiteren Zinserhöhungen. Auch Fed und SNB schliessen weitere Schritte nicht aus. (Bild: Shutterstock.com/Alexandros Michailidis)

Führende Notenbanken haben, wie mehrheitlich angenommen, die Leitzinsen um 0,5 Prozentpunkte erhöht. Im Falle der Schweiz beträgt der Leitsatz neu 1,0%. Wie geht es mit den Zinsen weiter? Die Märkte reagierten verschnupft, von EZB-Chefin Christine Lagarde waren mildere Töne erwartet worden, doch gerade sie äusserte sich relativ direkt. Ein Meinungsquerschnitt.

15.12.2022, 17:54 Uhr

Autor: Hanspeter Frey

Aus Sicht der UBS dürfte die Schweizerische Nationalbank den Leitzins an der nächsten Lagebeurteilung im März 2023 weiter erhöhen. "Wir erwarten einen Anstieg von 0,50 Prozentpunkten im ersten Quartal auf 1,50%. Wenn sich die Inflation und die Konjunktur im Verlauf des ersten Halbjahres deutlich abkühlen, dürfte die SNB für den Rest des Jahres auf weitere Zinsanhebungen verzichten", erklären die Ökonomen Alessandro Bee und Florian Germanier vom Global Wealth Management der Grossbank. Zinssenkungen dürften dann im darauffolgenden Jahr ein Thema sein.

Der Zinsanstieg der Obligationen in den letzten Quartalen habe bereits eine restriktivere Geldpolitik der SNB – Nationalbank-Präsident Thomas Jordan schliesst wie Fed-Chef Jerome Powell weitere Zinserhöhungen nicht aus – vorweggenommen. Man rechne daher in den kommenden Quartalen mit einer Seitwärtsbewegung der Schweizer Zinsen, weiterhin begleitet von einer hohen Volatilität.

Franken bleibt stark

Der Franken dürfte 2023 sowohl gegenüber dem US-Dollar als auch gegenüber dem Euro erstarken, meinen die UBS-Ökonomen. Die deutlich tiefere Inflation als in anderen Währungsräumen begünstige eine Aufwertung der Schweizer Währung.

"In der Tat hielt der starke Franken die importierte Inflation in Schach und rechtfertigte keine allzu aggressive Reaktion", kommentiert die Bank Bonhôte."Doch während die Inflation mit 3% weitaus stärker eingedämmt ist als anderswo, beginnt der starke helvetische Arbeitsmarkt mit einer Arbeitslosigkeit von nur 2% auf die Löhne zu drücken und könnte eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen".

SNB hält an Inflationsziel von 2% fest

Darüber hinaus müsse die SNB eine zu grosse Zinsdifferenz vermeiden, die zu Spekulationen gegen den Franken führen und den Preisanstieg unterstützen würde. "Indem sie die Markterwartungen erfüllt, sendet die SNB also eine klare Botschaft, dass sie die Inflation auf ihr Ziel von 2% zurückführen will", führt Bonhôte weiter aus.

Die Nationalbank werde ihre Zinserhöhungen fortsetzen, "die unserer Ansicht nach bis Mitte 2023 bei 1,75 bis 2% ihren Höhepunkt erreichen sollten", hält die Neuenburger Privatbank fest.

Reaktionen zur EZB

Zur Perspektive im Euroraum äussert sich Luke Bartholomew, Senior Economist von abrdn: Eine Zinserhöhung um 50 Basispunkte war weithin erwartet worden. "Aber der begleitende Kommentar war auffallend restriktiv. Präsidentin Lagarde schien die Markterwartungen ausdrücklich in Richtung eines höheren Endsatzes lenken zu wollen", kommentiert er.

Es sei ungewöhnlich, dass Lagarde versuche, die Märkte mit so viel Nachdruck zu lenken. Das zeige die Dringlichkeit des Anliegens, das die EZB verfolge.

"Daher sind in den kommenden Sitzungen weitere umfangreiche Zinserhöhungen wahrscheinlich. Sollte die Wirtschaft jedoch in eine tiefere Rezession fallen als von der EZB prognostiziert, werden die Zinsen nicht so aggressiv steigen, da die wirtschaftliche Schwäche das zugrunde liegende Inflationsproblem in den Griff bekommt", so der abrdn-Chefökonom.

Signale auf restriktiv gestellt

Die EZB stelle alle Signale auf restriktiv, meint Hetal Mehta, Senior European Economist von Legal & General Investment Management (LGIM): Mit dem Hinweis, dass die Zinssätze deutlich weiter steigen müssen und dass sie im Frühjahr mit der quantitativen Straffung beginnen werde, schliesse die EZB zu anderen Zentralbanken auf, die ebenfalls die Zügel angezogen haben.

An Deutlichkeit kaum zu übertreffen ist der Kommentar von Matteo Cominetta, Leiter der makroökonomischen Forschung des Barings Investment Institutes: Wenn die EZB mit dieser Sitzung ein Ziel verfolgte, dann war es, jegliche Marktdiskussion über eine Wende, über eine baldige Abschwächung der Geldpolitik, zu beenden."

Das sei ihr gelungen. "Die Märkte haben aufgehört, die Erwartungen in Bezug auf EZB-Erhöhungen zu senken, womit sich der im Oktober begonnene Trend umkehrt." Die starke Erhöhung der EZB-Inflationsprognosen verstärkten diese Botschaft.

"Die vor der Sitzung mit Spannung erwartete Ankündigung einer quantitativen Straffung ab März in Höhe von 15 Mrd. Euro pro Monat wurde von den grösseren Überraschungen bei der Zinspolitik überschattet", folgert Cominetta.

"Gefährliches Spiel"

Für Nicolas Forest, Global Head of Fixed Income von Candriam, spielt die EZB 2023 ein gefährliches Spiel. Die Äusserungen der EZB seien äusserst aggressiv, hält er fest. "Für eine rechtzeitige Rückkehr der Inflation zum mittelfristigen Ziel von 2% müssten die Zinssätze noch deutlich und stetig steigen."

Hinzu kommt der für Anfang März 2023 angekündigte Beginn der quantitativen Straffung bei Anleihen mit AA-Rating. All diese Massnahmen würden die Anleihemärkte unter Druck setzen. "Da wir im Jahr 2023 mit einem grösseren Angebot rechnen, besteht die Gefahr hoher Zinsen, die den Immobilienmarkt anfälliger machen könnten." Es drohe eine Rezession, und die starke Reduktion der Liquidität in den ersten Monaten des kommenden Jahres werde man im Auge behalten.

"Falkenhafter als üblich"

Dave Chappell, Portfoliomanager Fixed Income von Columbia Threadneedle Investments, reiht sich ins Konzert der besorgten Stimmen ein: "Die Erklärung als auch der Ton von Christine Lagarde während der Pressekonferenz war falkenhafter als üblich", sagt er. Nach Lagardes Ankündigung stiegen die Anleiherenditen, und die Anleihen der Peripherieländer schnitten schlechter ab, weil sich eine weniger unterstützende Haltung der Zentralbank abzeichne.

Etwas provokativ, aber nicht unberechtigt fragt das Anleihenteam von M&G Investments: "Warum also nicht einfach eine Anhebung um 75 Basispunkte vornehmen, wie es einige Mitglieder des EZB-Rats, beispielsweise Isabel Schnabel, befürwortet hatten? Unserer Meinung nach ging es vor allem darum, die Zinskurve zu kontrollieren und den Markt von seiner Besessenheit rund um die nächsten Schritte der Zentralbanken zu befreien. Deshalb hat die EZB mit Hilfe der Forward Guidance einen falkenhaften Ton angeschlagen, um den Blick auch auf die langfristigeren Zinssätze zu lenken."

Diese "Kehrtwende gegenüber der Tonalität der November-Sitzung" ist für M&G eine deutliche Botschaft an die Märkte, dass die Inflationsrisiken im gesamten Euroraum trotz der niedrigeren Energiepreisinflation weiterhin sehr real sind. "Nicht das Wachstum ist die Hauptsorge; die jüngste Rallye bei den Risikoanlagen war zu verfrüht. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“

Entsprechend reagierten die Märkte: mit Verstimmung. Die Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Zinserhöhungszykluses haben sich zerschlagen. Geduld ist gefragt.

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