01.07.2026, 08:44 Uhr
Nach einer Phase ausgeprägter Schwäche zu Jahresbeginn hat sich der US-Dollar seit Mitte Juni 2026 deutlich erholt. Auslöser ist ein geldpolitischer Kurswechsel verstärkt durch die Energiepreis-Folgen des...
Am Mittwoch verkündet die US-Notenbank ihren nächsten Zinsentscheid. Der Konsens rechnet mit einer fünften Pause in Folge – doch die Debatte über Zinserhöhungen hat eine Schärfe erreicht, die seit Jahren nicht mehr zu beobachten war. Was heisst das für Schweizer institutionelle Anleger, Exporteure und die SNB?
Die Fakten zuerst: Der Federal Open Market Committee (FOMC) hält den Leitzins seit Dezember 2025 unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Was als Jahr der erwarteten Zinssenkungen begann, hat sich fundamental gewandelt: Wegen des Nahost-Konflikts, des Ölpreisschocks und einer hartnäckig über dem Zielwert liegenden Inflation – zuletzt 3,5 Prozent im Jahresvergleich – sprechen heute mehrere Wall-Street-Banken offen von Erhöhungen noch in diesem Jahr.
Ausschlaggebend dafür war auch der Dot Plot der Juni-Sitzung. Unter dem neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh, der am 22. Mai vereidigt wurde, fiel der Median-Leitzinserwartungswert für Ende 2026 mit 3,8 Prozent deutlich restriktiver aus als im März (3,4 Prozent). Neun von 18 FOMC-Mitgliedern votierten für mindestens eine Erhöhung bis Jahresende – im März war es niemand.
Warsh selbst hat die Forward Guidance abgeschafft und das Statement des Juni-Meetings radikal gekürzt. Die bisherige Formulierung, die auf künftige Lockerungen hindeutete, ist ersatzlos gestrichen. «Persistently high prices are a burden for the American people. But the recent past need not be prologue», erklärte Warsh nach seinem ersten FOMC-Meeting.
Laut CME FedWatch lag die Wahrscheinlichkeit für einen unveränderten Leitzins am 29. Juli Stand 23./24. Juli bei 65,3 Prozent, jene für eine Erhöhung um 25 Basispunkte bei 34,7 Prozent – vor einer Woche lag diese noch bei rund 12 Prozent. Für die September-Sitzung preisen die Fed-Funds-Futures eine Wahrscheinlichkeit von rund 82 Prozent für mindestens eine Erhöhung ein. Bis Jahresende rechnen die Terminmärkte mit einem Leitzins von rund 4 Prozent, was einer Anhebung um weitere rund 30 Basispunkte entspricht. Dennoch hat sich in den vergangenen Tagen ein Meinungsumschwung breit gemacht.
Die Mehrheit der Beobachter rechnet für Juli weiterhin mit einer Pause, sieht aber September als das eigentliche Prüfdatum. Kevin Thozet, Mitglied des Investment Committee bei Carmignac, schreibt in seinem Vorbericht: «Der September erscheint weiterhin als das wahrscheinlichste Zeitfenster, da die Fed dann über zwei weitere Monate Inflations-, Arbeitsmarkt- und Konjunkturdaten verfügen wird.» Ausserdem begleitet die September-Sitzung eine aktualisierte Summary of Economic Projections – was es der Fed erleichtern würde, eine Kursänderung mit revidierten Prognosen zu untermauern.
Goldman Sachs hält ebenfalls an seiner Basiserwartung fest, wonach die FOMC den Leitzins im gesamten Jahr 2026 unverändert lässt. Die Bank räumt zwar ein, dass eine Mehrheit der Mitglieder eine Erhöhung «aus einer Reihe unterschiedlicher Gründe» befürworten könnte – je nach Inflationsdaten und Arbeitsmarkt. Doch Warshs hawkishe Haltung werde innerhalb des FOMC nur schwer eine Mehrheit finden, da die internen Differenzen zu gross seien. Eine Zinserhöhung im Juli hält Goldman seit den Juni-Inflationsdaten für «praktisch ausgeschlossen».
J.P. Morgan Asset Management erwartet ebenfalls, dass die Fed bis Jahresende pausiert und erst 2027 moderat lockern wird. Ökonom Fabio Bassi von J.P. Morgan Global Research beschreibt das Umfeld als eines, in dem die Fed «hinter der Kurve» bleibe – ein Muster, das die Risikoprämien für Aktien vorerst stütze. Die Konsensschätzung der von FactSet befragten Ökonomen geht ebenfalls von einem unveränderten Leitzins aus.
Barclays-Chefökonom Marc Giannoni geht noch weiter: Er rechnet mit unveränderten Zinsen bis Ende 2027. Auch DoubleLine sieht keine Erhöhungen bis Jahresende. Portfolio-Manager Bill Campbell argumentiert, die stark gestiegenen Treasury-Renditen hätten die Straffung bereits besorgt: Zweijährige US-Staatsanleihen rentieren inzwischen mehr als 45 Basispunkte über dem Leitzins und dämpften so Konsum und Investitionen, ohne dass die Fed handeln müsste.
Bank of America hat nach den Juni-Inflationsdaten ihren Kurs bekräftigt und rechnet mit drei Erhöhungen um je 25 Basispunkte in diesem Jahr – September, Oktober und Dezember. Ökonom Aditya Bhave argumentiert, Warsh habe einen institutionellen Anreiz, früh zu handeln: «By hiking sooner, he can build credibility without shouldering sole responsibility for the inflation problem.» Die Deutsche Bank erwartet ebenfalls zwei Erhöhungen bis Jahresende, BNP Paribas und Macquarie haben sich der hawkishen Minderheit angeschlossen.
Columbia Threadneedle bringt es auf den Punkt: Portfolio-Manager Omar Al-Hussainy schreibt, wenn die Fed stillhalte, könne niemand sicher sein, dass die Inflation automatisch in den Bereich von 2 bis 2,5 Prozent zurückfalle. Die Fed habe derzeit mehr Grund zur Zuversicht für eine Erhöhung als zur Sorge um Abwärtsrisiken.
Carmignac-Ökonom Thozet formuliert die Schlüsselfrage so: «Ob Warsh lediglich versucht, die Erwartungen zu beeinflussen, oder ob er den Boden für einen echten geldpolitischen Kurswechsel bereitet – das ist die entscheidende Frage.» Seine Antwort: Die hawkishe Rhetorik übernehme vorerst einen Teil der Arbeit, doch die Märkte würden schliesslich einen tatsächlichen Zinsschritt als Beweis verlangen.
Für Schweizer Investoren ist die Währungsebene zentral. Der Dollar hat gegenüber dem Franken seit dem Jahresauftakt rund 6 Prozent zugelegt: Lag USD/CHF im Januar 2026 noch bei rund 0,7604 – dem stärksten Franken seit 2011 –, notiert der Kurs inzwischen bei rund 0,81 CHF. Die hawkishe Fed-Wende hat die Zinsdifferenz zugunsten des Dollars vergrössert, und der Dollar hat dem Franken im Nahost-Schock ausnahmsweise den Rang als bevorzugter «sicherer Hafen» abgelaufen.
Die Medaille hat jedoch eine Kehrseite: Gegenüber dem Euro bleibt der Franken stark. EUR/CHF bewegt sich nahe 0,92 – dem Niveau, ab dem die SNB Interventionen prüft. Eine weitere Dollarstärke infolge US-Zinserhöhungen würde die Exportwirtschaft dollarseits entlasten, den Interventionsdruck der Nationalbank auf der Euro-Achse aber kaum mindern.
Das hat Folgen für die Schweizerische Nationalbank (SNB). Sie hat ihren Leitzins am 18. Juni bei 0 Prozent belassen und ihre erhöhte Bereitschaft zu Devisenmarktinterventionen bekräftigt. Die Inflation ist von 0,1 Prozent im Februar auf 0,6 Prozent im Mai gestiegen – primär getrieben von Energiepreisen. Die SNB-Prognose liegt bei 0,6 Prozent für 2026 und 2027, für 2028 bei 0,7 Prozent. Für das BIP-Wachstum erwartet die Nationalbank rund 1 Prozent in 2026 und rund 1,5 Prozent in 2027.
Eine Zinserhöhung der Fed würde die Zinsdifferenz zwischen Dollar und Franken weiter vergrössern – was den Franken gegenüber dem Dollar tendenziell noch stärker schwächen würde. Das entlastet dollarexponierte Exporteure, treibt via höhere Importenergiepreise aber leicht die heimische Inflation an. Raiffeisen-Chefökonom Fredy Hasenmaile hat darauf hingewiesen, dass die Energiepreiseffekte in der Schweiz wegen des tiefen Energieanteils im Konsumentenpreiskorb und des starken Frankens deutlich gedämpfter ankämen als international.
Ob sich die SNB davon zu einem Kurswechsel bewegen lässt, gilt als unwahrscheinlich: Nomura erwartet, dass die Nationalbank den Leitzins auf absehbare Zeit bei 0 Prozent belassen wird, solange die Inflation innerhalb des Zielbandes von 0 bis 2 Prozent bleibt. Strukturell bleibt die Euro-Achse der eigentliche Brennpunkt der SNB-Geldpolitik.